Bild: Sophie Seybold Bild: Sophie Seybold
Interviews

Backstage mit Philipp Poisel: „Mein dringlichster Wunsch war, wieder näher an den Leuten zu sein.“

08.03.2024 von Nadine Wenzlick

Seit Philipp Poisel 2007 von Herbert Grönemeyer entdeckt und für dessen Plattenfirma Grönland unter Vertrag genommen wurde, ist er aus der deutschen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken. Vier Alben hat er im Laufe der Jahre veröffentlicht. Zuletzt erschien „Neon“, das Poisel nun in ein ganz anderes Licht rückt: Gemeinsam mit Streichern und Bläsern hat er die Songs als Live-Album neu aufgenommen. Im Interview verrät er, was ihn dazu inspiriert hat, warum ihn Live-Alben so faszinieren und was die Besucher seiner kommenden Tour erwartet.

Bild: Sophie Seybold

Philipp, „Neon Acoustic Orchestra“ ist nach „Projekt Seerosenteich“ schon dein zweites Live-Album. Was macht Live-Alben so besonders?

Philipp Poisel: Live habe ich noch mal eine ganz andere Freiheit, mich auszudrücken. Wenn ich ein Studio-Album aufnehme, bin ich währenddessen oft noch so im Schreibprozess drin und da ist immer eine gewisse Anspannung, ob es gut wird oder so. Live stelle ich mir diese Frage überhaupt nicht. Da bin ich irgendwie nicht so auf das Ergebnis fokussiert, sondern eher auf den Moment. Und wenn man mit einem Song schon so verwachsen ist, kann man über ihn herauswachsen, anfangen zu improvisieren. Live kann ich die Aufnahme einfach laufen lassen und dabei vergessen, dass gerade aufgenommen wird.

Auch bei „Projekt Seerosenteich“ wurdest du schon von Streichern begleitet. Was ist bei „Neon Acoustic Orchestra“ anders?

Bei „Projekt Seerosenteich“ waren die Songs oft sehr klassisch angehaucht – das mag ich auch nach wie vor, aber neu dabei ist dieses Mal zudem eine Bläser-Sektion inklusive Saxophon. Die Arrangements sind auch ein bisschen Jazz-mäßiger. Ich wollte unser Repertoire noch mehr erweitern.

Enthalten sind nur Stücke von deinem letzten Studioalbum „Neon“. Warum?

Ursprünglich war „Neon Acoustic Orchestra“ gar nicht als Orchester geplant. Am Anfang hieß das Projekt „Neon Acoustic“ und ich hatte vor, die Songs meines letzten Albums einfach akustisch zu spielen. Dann dachte ich ein paar Streicher wären schon ganz schön. Weil wir das aber schon mal gemacht haben, wollte ich noch ein paar neue Instrumente einführen – und am Ende hatten wir ein halbes Orchester dabei und es ist für meine Verhältnisse ein mega Projekt geworden. Ich denke aber immer schon weiter und dachte, vielleicht mache ich irgendwann noch mal „Projekt Seerosenteich 2“. Deswegen sind wir dann konsequent dabei geblieben, nur Songs von „Neon“ zu spielen. Bei meinen Live-Shows im Oktober werden wir aber auch alte Lieder spielen!

Aufgenommen wurde das Album in der Motorworld in Metzingen – eine Eventlocation in einem denkmalgeschützten Gebäude-Ensemble einer ehemaligen Schmiedetechnikfabrik. Warum um alles in der Welt dort?

Hier in der Ecke gibt es ganz viele alte schwäbische Betriebe, die sich irgendwann aufgelöst haben, dadurch entstanden so tolle pittoreske Hallen. Und nach den Konzerterfahrungen während Corona, mit dem ganzen Abstand zwischen den Reihen und so weiter, war mein dringlichster Wunsch wieder näher an den Leuten zu sein. Ich wollte Nähe und Direktheit. Und ich dachte am nächsten kommen mir die Leute, wenn wir alle im Kreis sitzen. Also haben wir mit der Band in der Mitte gegessen und das Publikum um uns herum. Wir wussten lange nicht, wie das am Ende klingt. Zumal wir in dieser Besetzung noch nie zusammen gespielt haben. In den Reihen der Tontechniker gab es im Vorfeld einige Sorgen, weil Blechbläser relativ laut sind im Vergleich zu Streichern und wenn alle im Kreis sitzen, kann das sehr unverhältnismäßig sein. Aber am Ende hat alles sehr gut geklappt.

Du wohnst in Stuttgart, was gleich um die Ecke von Metzingen ist. Bist du bei Konzerten in deiner Heimat nervöser?

Ja, wenn Konzerte hier stattfinden, ist es schon immer sehr privat. Selbst wenn ich in der Schleyerhalle auftrete, denkt man an die Leute, die man im Publikum kennt, und spielt irgendwie auch für sie. Davon kann man sich auch nicht lösen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Leute hier kritischer drauf gucken. Ich würde Schwaben generell eher ein skeptisches Naturell unterstellen (lacht). Wenn einer was anderes macht als die anderen und nicht den geraden Weg einschlägt, wird das erst mal mit Argusaugen beobachtet. Aber wenn man dann erfolgreich ist, dann feiern die Leute einen auch total und freuen sich, dass mal einer hier geblieben und nicht nach Berlin gegangen ist!

Hast du generell Lampenfieber?

Das kommt immer drauf an. Also es geht so. Wobei – ich sage jetzt nein, aber kurz vor einem Konzert habe ich dann doch immer Lampenfieber.

Kannst du dich noch an deine ersten Bühnenerfahrungen erinnern?

Ich hatte in der Musikschule schon eine Band. Damals bin ich dadurch aufgefallen, dass ich nie Bock hatte, die Sachen zu spielen, die man dort lernen sollte. Es gab noch zwei andere Aufständische und irgendwann hat sich der Musiklehrer nicht mehr dagegen gewehrt und ließ uns unser Ding machen (lacht). Unsere ersten Auftritte hatten wir mit Coversongs. Ich hatte dann immer wieder Bands – aber irgendwann kam immer der Punkt, an dem die anderen Bandmitglieder doch lieber Bänker oder sowas werden wollten. Also habe ich alleine weitergemacht. Ich bin viel gereist mit meiner Gitarre, habe auch ein bisschen Straßenmusik gemacht und irgendwann haben mich verschiedene lokale Bands aus Stuttgart als Support auftreten lassen.

Den Chorgesang hast du aufgegeben, weil du negative Kritik für deinen Gesang bekommen hast und das anvisierte Lehramtsstudium wurde nichts, weil du an der Aufnahmeprüfung für Musik gescheitert bist. Warum hast du den Traum vom Musikmachen trotzdem immer weiterverfolgt?

Ich hatte die Musik halt irgendwie immer in mir drin und die logische Konsequenz war dann, irgendwas damit zu machen und Lehrer zu werden oder Musik zu studieren. Aber dafür war ich technisch dann nicht versiert genug, sag ich mal. Für eine eigene Platte hat es aber gereicht. Es ist natürlich auch ein bisschen Zufall und Glück gewesen, dass ich Herbert Grönemeyer kennengelernt habe und er mich für sein Label unter Vertrag genommen hat.

Hat er dir einen Rat mit auf den Weg gegeben, der sich für deine Karriere als wertvoll erwiesen hat?

Ich habe von ihm gelernt, dass man bei Albumaufnahmen irgendwann auch einfach zum Ende kommen muss. Oft steckt man so in dem Songwriting-Prozess, dass man ewig weitermachen könnte. Als ich gerade an „Bis nach Toulouse“ arbeitete, meinte er zu mir „das nächste Album muss nicht groß werden, du musst es einfach nur fertigmachen“. So habe ich es dann auch gemacht und das Album war bisher der größte Erfolg nach „Projekt Seerosenteich“. Also er hat mir einfach so eine Gelassenheit gezeigt.

Seit Erscheinen deines Debütalbums sind 16 Jahre vergangen. Gibt es einen Auftritt, den du im positiven Sinne nie vergessen wirst?

Vor 10.000 oder 12.000 Leuten in Stuttgart zu spielen, war natürlich ein krasses Erlebnis. Allein wegen der Kulisse. Aber auch „Projekt Seerosenteich“ oder jetzt „Neon Acoustic Orchester“ waren sehr intensiv, weil wir so nah beieinander saßen und die Leute mir quasi von hinten über die Schulter gucken konnten. Also jede Ära hat so ihre Besonderheiten. Wenn Herbert spontan vorbeikommt oder meine Eltern da sind, ist es auch immer besonders.

Gibt es auch Konzerte, an die du lieber nicht zurückdenken würdest?

Klar, zum Beispiel wenn man mit Fieber auf die Bühne gehen muss oder so. Man will ja nicht, dass die Leute einem das anmerken, denn the Show must go on. Aber Konzerte sind halt auch Handwerk. Manchmal muss man sich überwinden, manchmal gehört wirklich Arbeit dazu und man muss sich auf die Bühne quälen und sagen: wir sagen das heute nicht ab, weil die Leute teilweise hunderte Kilometer weit gefahren sind. Dann lege ich mich einfach danach ins Bett und fertig.

Kamen dir auf der Bühne schon mal die Tränen?

Ich versuch das zu vermeiden. Da rede ich auch nicht so gerne drüber. Aber klar, manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Man verbindet ja auch Erlebnisse mit den Songs und je nachdem, wo man gerade selber im Leben steht, durchlebt man einen Song vielleicht nochmal anders, aus einer anderen Perspektive.

Hast du Rituale, bevor du auf die Bühne gehst?

Ja, aber das ist relativ unspektakulär. Wir stellen uns alle in einen Kreis, schreien uns einmal richtig ins Gesicht und lassen so noch mal alle Spannungen abfallen – und dann versuchen wir so entspannt wie es geht ins Konzert zu starten.

Wie sieht denn ein normaler Tourtag bei dir aus?

Wenn wir zwischen den Shows freie Tage haben, unternehmen wir eigentlich immer alle zusammen was als Gruppe, wie auf einer Klassenfahrt. Wenn eine Therme in der Nähe ist, gehen wir vielleicht eine Runde in die Sauna, oder wir gehen ins Kino, oder was essen. Ansonsten gibt es verschiedene Nerd-Rituale, die einige Bandmitglieder von mir über die Jahre angestiftet haben. Kaffee trinken in irgendwelchen hipster Bars zum Beispiel. Da gehe ich dann auch oft mit. Alleine würde ich mich nicht auf die Jagd nach dem besten Kaffee der Stadt machen, sondern vermutlich einfach in der Halle chillen. Aber so komme ich dann auch mal in den Genuss, Sachen außerhalb meiner Komfort Zone zu machen.

Im Oktober gehst du mit „Neon Acoustic Orchestra“ auf Tournee. Was erwartet die Leute?

Ich bringe natürlich meine All-Time-Favourite-Classics Band mit: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard. Dazu haben wir ein Streicher-Trio bestehend aus Cello, Violine und Bratsche, plus Bläser: Saxophon, weil ich auch ein riesen 80s-Fan bin, Posaune, Horn und Flügel-Horn. Und Alin Coen, die auf der Bühne über die Jahre meine bessere Hälfte geworden ist, ist natürlich auch dabei. Insgesamt sind wir 13 Leute, also schon ein ziemlich fetter Orchester Sound!

Im Oktober 2024 geht Philipp Poisel auf „Neon Acoustic Orchestra“ Tour. Die Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

 

Philipp Poisel live 2024
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren