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Interviews

Backstage mit Peter Maffay: Time to say goodbye

05.10.2023 von Felix Goth & Nadine Wenzlick

Er gehört zu den ganz Großen im deutschen Musikgeschäft: Seit über 50 Jahren steht Peter Maffay schon auf der Bühne. Doch kürzlich hat der 74-Jährige seine „We Love Rock’n’Roll farewell Tour 2024“ bekanntgegeben. Warum verabschiedet er sich von der Bühne? Was erwartet seine Fans bei den Konzerten? Und was sind seine Zukunftspläne? All diese Fragen beantwortete Peter Maffay uns im großen Backstage-Interview. Darüber hinaus verriet er, bei welchen Songs sich ihm die Nackenhaare aufstellen und warum er im Vorprogramm der Stones mal richtig auf die Mütze kriegte…

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Peter, nach über 50 Jahren im Musikgeschäft hast du gerade deine Farewell-Tour bekanntgegeben. Warum verabschiedest du dich von der Bühne?

Peter Maffay: Es gibt in der Erlebniswelt von Tabaluga eine kleine Quintessenz – eine von mehreren, um genau zu sein – und die lautet: Alles im Leben hat seine Zeit. Ich habe einen Punkt erreicht, wo man sich Gedanken macht über die weitere Perspektive und ich habe jetzt einfach andere Prioritäten. Eine ganz ausschlaggebende hat einen familiären Hintergrund: Ich habe eine kleine Tochter, die viereinhalb ist, und die will ich nicht verpassen. Ich habe das schon einmal erlebt bei meinem Sohn, der jetzt 20 ist. Wir leben heute wieder zusammen und er steht mit mir auf der Bühne, was wunderbar ist – aber ich will das nicht wiederholen.

Heißt das, wir werden nach der Abschiedstour gar nichts mehr von dir hören?

Ich werde nicht komplett Abstand von der Musik nehmen, ganz gewiss nicht. Das kann und will ich nicht. Es wird sicher viele Möglichkeiten geben, noch auf Festivals zu spielen und so weiter. Aber eine zusammenhängende Tour wie nächstes Jahr werde ich danach nicht mehr spielen. Ich möchte einfach mehr Zeit haben für das Familienleben und mich konzentrieren auf ein paar Themen. Themen, die mir wichtig sind und die ich auch schon relativ klar konturiert habe in meinem Kopf. Natürlich werden die immer noch mit Musik zu tun haben, aber nicht mehr in dieser Form. Mehr will ich mich jetzt darüber nicht auslassen, weil das noch ungelegte Eier sind, aber in diese Richtung geht es. Und ich möchte auch mehr Zeit aufbringen für die Stiftungsarbeit. Wir haben vor sechs Jahren angefangen, die vierte Einrichtung in Dietlhofen aufzubauen und das möchte ich vertiefen.

Mit welchen Gefühlen wirst du nächstes Jahr von der Bühne gehen? Freude, auf das, was kommt, Trauer – oder eine Mischung aus beidem?

Trauer überhaupt nicht! Ich weiß ja, dass es weitergeht. Nur eben in einer anderen Form. Insofern wir werden nicht hinter dem Ofen verschwinden und warten, bis uns das Zeitliche segnet. Schon gar nicht meine Band. Nein, also wir werden bei den Konzerten nächstes Jahr rausgehen und versuchen allen klarzumachen, wie geil dieser Trip von 53 Jahren ist!

Es wird also gerockt?

Ja, natürlich! So lange ich mich auf der Bühne einigermaßen zügig von A nach B bewegen kann, wird das auch so bleiben (lacht). Ich wurde jetzt schon ein paar Mal gefragt, wie man diese 53 Jahre zusammenfassen könnte, welcher Begriff über allem steht. Ich habe ja angefangen mit einer Schülerband, als ich 15 oder 16 war – mit der Vision, mein Leben mit der Musik zu verbringen. Viele in dem Alter tun sich schwer mit der Berufswahl, aber für mich war das so klar. Musik! Alles andere habe ich ausgeblendet. Und das ist bis heute so geblieben. Klar sind die Betten heute komfortabler, die Karre hat mehr PS, das Catering ist ein bisschen umfangreicher. Aber es ist immer noch irgendwie eine Schülerband. Wir haben unseren Spaß und leben das aus. Also der Begriff, der über allem steht, ist Rock'n'Roll. Für mich war dieser Begriff Lebensinhalt, Vision. Was will ich leben? Rock'n'Roll! Ich wollte meinen Koffer packen, auf die Piste gehen, Menschen kennenlernen, denen ins Gesicht gucken und sehen, was sich abspielt, wenn wir spielen.

Kannst du dich noch an deinen allerersten Auftritt erinnern? Das war mit den Beat Boys im Weißen Hirsch in Waldkraiburg, oder?

Genau. Ich kam ja 1963 mit meinen Eltern aus Transsylvanien nach Deutschland – wahrscheinlich die entscheidendste Reise in meinem Leben. Von der kommunistischen Diktaturen in die westliche Demokratie. Zwei Stunden Flug und alles dreht sich von oben nach unten. Wir kamen mit drei kleinen Koffern, meine Eltern und ich. Mein Vater fand dann Arbeit und schuftete sich durch die erste Zeit, und wir fingen an, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In einer kommunistischen Diktatur ist das nicht machbar gewesen.

Hattest du denn vorher schon Kontakt zu Musik aus dem freien Westen?

In Rumänien? Nein, gar nicht! Rumänien war hermetisch abgeriegelt. Du konntest keine Platten kaufen, du konntest nur schmuggeln. Und wenn sie dich erwischt haben, haben sie sie dir weggenommen. Wenn du westliche Musik hören wolltest, musstest du nachts um zwölf aufstehen und Radio Luxemburg hören – gestört mit diesen Geräuschen, weil die Rumänen Störsender eingesetzt haben, damit man das nicht hören kann…

Also kamst du aus dem kulturellen Vakuum…

Ins Volle! Ich habe genau wie tausende andere diese ganzen englischen Bands gesehen, diese Mercy Beat Geschichten, und habe gesagt: Das ist das Leben, so muss es aussehen. Und wie macht man das? Man gründet eine Band und tingelt damit in der Nachbarschaft herum. Wir haben uns dann Klamotten besorgt, die ein bisschen in die Nähe dessen kamen, was die anderen im Fernsehen getragen haben: Große Sonnenbrillen und weiß der Kuckuck was, und haben wichtige Gesichter gemacht.

Weißt du noch, wie viele Zuschauer zu eurem ersten Konzert kamen?

Das war natürlich eine andere Dimension! Waldkraiburg ist eine kleine Ortschaft nordöstlich von München. Im Weißen Hirsch gab es einen Saal, der ziemlich gut frequentiert wurde, auch von anderen Bands. Da passten vielleicht 250 bis 300 Leute rein. Aber für uns war das eine ganze Menge!

Wie ging es für dich weiter?

Im letzten Schuljahr habe ich schon 185 Tage in der Schule gefehlt, weil ich immer in den Probenkeller bin. Da roch es nach Verstärker, nach Gitarren – das war faszinierend und hat mich nicht mehr losgelassen. Und der Zufall wollte es, dass ich dann einen Produzenten kennengelernt habe, der mit mir meine erste Scheibe gemacht hat und dann ging es los. Dann kamen die ersten Auftritte und wir tingelten kreuz und quer durch Deutschland, durch alle möglichen kleinen Clubs. Und ich habe es genossen! Ich hatte einen alten Volkswagen, Baujahr 53, glaube ich. Hinten drin lagen ein Schlafsack, eine Gitarre und zwei Playbacks. So verdiente ich 100, 150 oder 200 Mark am Abend. Das war so viel, wie ich als Lehrling im ganzen Monat verdient hatte!

Im Rahmen deiner Abschiedstour wirst du nun einige der größten Shows deines Lebens spielen. Bist du heutzutage eigentlich noch nervös, bevor du auf die Bühne gehst?

Sobald Publikum da ist, ist diese Anspannung da. Man möchte natürlich nicht, dass die Leute anfangen, in der Nase zu bohren, sich Bier holen oder was auch immer, deswegen versuchst du zu liefern. Wenn diese Anspannung weg bliebe, würde die Würze fehlen. Dann ist das kalter Kaffee. Ich mag dieses Gefühl. Ich mag es nur nicht, wenn es mich bestimmt. Wenn so viel Schiss da ist, dass man nicht mehr in der Lage ist, rational und emotional zu funktionieren, denn das kann einen lähmen, und dann kann man auch nicht liefern. Man muss also versuchen zu lernen, damit umzugehen. Das gelingt mal gut, mal weniger gut. Aber ich habe festgestellt: Wenn man gut vorbereitet ist, hat man weniger Schiss, weil man sich dann zumindest sagen kann „Ich habe alles getan, damit es gut wird.“ Im Vorprogramm der Stones habe ich mal richtig auf die Mütze gekriegt – aber damals hatte ich mir auch nicht genügend Gedanken gemacht.

1982 war das, du bist damals in mehreren deutschen Städten mit den Rolling Stones aufgetreten und wurdest zum Teil mit Eiern und Tomaten beworfen. Was macht sowas mit einem?

Ich denke da immer an einen Boxer. Wenn der auf die Schnauze kriegt, muss der das auch wegstecken können. Wer das nicht kann, muss auch nicht in den Ring steigen. Das ist vielleicht ein bisschen drastisch ausgedrückt, aber eine gewisse Parallele kann man ziehen. Für mich war diese Erfahrung die beste Lehre. Es ging damals so durch die Decke für mich, wir verkauften mega viele Platten und ich dachte, ich hab’s geschafft. Aber Trugschluss! Falsches Programm, falsches Verhalten. Gott sei Dank hat sich das nie wiederholt, aber diese Alarmanlage ist seitdem in mir drin.

Gibt es auch Auftritte, die dir im positiven Sinne besonders in Erinnerung geblieben sind? Weil zum Beispiel das Publikum ganz besonders war?

Ein ganz anderes und besonderes Publikum haben wir ab den Neunzigern erlebt mit Tabaluga. Diese kleine Märchenfigur ist ja vor etwa 40 Jahren entstanden und daraus wurde dann ein Musical, das wir aufgeführt haben. Da hatten wir Angst, dass die Theaterlandschaft sagt der Typ soll lieber bei seinen Leisten bleiben. Aber die Aufführungen rollten wie eine Walze über alles hinweg und wurden riesengroß. Auf der Tour habe ich ein Publikum erlebt, das vier Generationen umfasst hat. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung, weil es enorm emotional war. Kinder, Omas, Onkel, Tanten. Denn Publikum ist für mich Publikum und ich finde es toll, dass diese Alters-Parameter von früher nicht mehr wirklich gültig sind. Wenn du heute zum Beispiel in ein Heavy-Metal-Konzert gehst, siehst du Leute aller Altersklassen.

Dein Repertoire an Songs ist inzwischen riesig. Gibt es eigentlich auch Stücke, die du nicht mehr hören kannst?

Es gab eine Zeit, da habe ich so stark polarisiert wie niemand anders – deswegen ist es uns bei den Stones auch so ergangen. Die Metamorphose vom Schlager hin zum Rock war vielen nicht ganz koscher. Manche dachten das kann doch nicht sein, dass er mit „Du“ anfängt und dann vor den Stones spielt. Weil das so war und auch eine ganze Weile angehalten hat, wollte ich lange Zeit nicht mal in die Nähe von Schlager und habe mich von den Songs fern gehalten. Erst später habe ich diese alten Sachen wieder ausgegraben und mir gedacht: Wen verletzt das jetzt eigentlich? Wohl niemanden! Und „Du“ ist einfach ein geiler Song, auch wenn der Text etwas schmalzig ist. Also spielen wir das jetzt und wenn ich singe „ich war 16“, schreit der ganze Saal „und sie 31“. Ich glaube, das Publikum hat Spaß damit und wir auch! Solche Songs sind irgendwie Evergreens geworden und gehören einfach zu uns. Es gibt aber auch Songs, die einfach nicht gut sind, und mit denen muss man dann auch niemanden belästigen (lacht). Es gibt so um die zehn Stücke, bei denen stellen sich mir echt die Nackenhaare auf und ich sage bitte nicht…

Letztes Jahr warst du ja erstmals Coach in der Castingshow „The Voice of Germany“. Was ist dein Rat an junge Musiker?

Grundsätzlich würde ich jedem den Rat geben, auf das Gerede von etablierten Künstlern keinen Wert zu legen, sondern sich eine eigene Meinung zu bilden. Aber eins kann man vielleicht schon sagen: Musikmachen ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Das Schönste, was einem Künstler passieren kann, ist, dass er sich entwickelt, dass er selbst bestimmt und nicht jemanden hat, der ihn zwingt, Dinge zu machen, die er nicht machen möchte. Dass er mit dem, was er selber machen will, Erfolg hat und das ausbaut. Bob Dylan zum Beispiel ist kein großer Sänger, aber er hat wunderschöne Texte geschrieben, tolle Geschichten erzählt, war authentisch, hatte ein Allein-Erkennungsmerkmal. Er hat sich politisch und gesellschaftlich positioniert, war unterhaltsam mit Haltung. Das ist so ein Werdegang, den ich jedem wünsche.

Welcher junge Musiker hat dich zuletzt nachhaltig beeindruckt?

Julian Pförtner, der bei The Voice den zweiten Platz belegt hat. Mega Stimme, ganz sympathischer Typ, ein toller Künstler. Und Jens Gilles – ein Ausnahmemann. Das sind aber nur zwei von vielen begabten jungen Künstlern. Bei The Voice habe ich gesehen, wie viel Talent es in Deutschland gibt. Wichtig ist allerdings, dass dieses Talent nicht nur benutzt wird, um ein Format zu bedienen. Ich war bei The Voice total überrascht von dem Umgang miteinander. Da wurde niemand niedergemacht und ich kann nur hoffen, dass die großen Tonträgerfirmen sich ernsthaft für einige dieser Künstler interessieren und ihnen eine nachhaltige Perspektive ermöglichen. Zum Nutzen beider Seiten.

Peter Maffays „We Love Rock’n’Roll farewell Tour 2024“ startet am 21. Juni 2024 in Rostock und führt ihn anschließend quer durch die Republik. Als Special Guest wird ihn die amerikanische Sängerin Anastacia begleiten. Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

Peter Maffay live 2024
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