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Interviews

Backstage mit Matthias Reim: „Ganz aufzuhören, kann ich mir nicht vorstellen“

12.09.2023 von Nadine Wenzlick

33 Jahre ist Matthias Reim schon im Geschäft. In jener Zeit hat er großen Ruhm erlebt, ist aber auch tief gefallen – und immer wieder aufgestanden. Im Juli ist sein neues Live-Album „Die Höhepunkte der Arena-Konzerte – Live!“ erschienen, das seine Tour aus dem Frühjahr 2023 für die Ewigkeit festhält. Doch die Reise geht weiter: Am 16. September spielt er in der Berliner Wuhlheide sein 1500. Konzert, zahlreiche weitere Tourtermine seiner „Live 2023/2024“ Tour folgen. Im Backstage-Interview spricht der 65-Jährige über unvergessliche Bühnen-Momente, sein großes Lampenfieber und seine Kollaboration mit Rapper FiNCH.

Bild: Mischa Lorenz

Matthias, am 16. September spielst du in der Berliner Wuhlheide dein 1500. Konzert. Mit welchen Gefühlen blickst du auf diesen Meilenstein? 

Matthias Reim: Mit ganz vielen schönen Erinnerungen an den Weg dorthin! Und das feiern wir jetzt mit dieser tollen Show und dem schönsten Song-Programm, dass wir je entwickelt haben. Eine Reise durch die Zeit mit Matthias-Reim-Songs, aber auch mit Gästen. Dieter Birr alias Maschine von den Pudhys wird dabei sein, Karat werden dabei sein, mein Freund, der Rapper FiNCH wird dabei sein – es geht wirklich durch alle Genres. Es wird ziemlich bunt!

33 Jahre bist du schon im Geschäft, hast Höhepunkte genauso erlebt wie Tiefpunkte. An so einem Abend kommt bestimmt viel hoch, oder?

Ja, viele meiner Songs beinhalten ja auch diese Erfahrungen, die ich machen musste. Ich bin als Träumer in die Welt gestartet und musste irgendwann erwachen, weil wir eben nicht in einem Traum sind, sondern im harten Leben. „Wer nie durch Scherben ging, hat nie gelebt“, heißt es ja in einem meiner Songs – die Leute lieben den. Bei meinen Konzerten gibt es Party-Hits, aber auch Songs, in denen ich Dinge verarbeite, weil ich genauso gelebt, geliebt und gelitten habe, wie alle anderen Menschen auch, Triumphe hatte und unfassbare Niederlagen erleben musste. Es läuft nicht immer alles Plan, Dinge gehen auch mal schief. Aber dann kann man eigentlich nur eins machen: Draus lernen, Krone geraderücken und dann wird’s schon weiter gehen. 

1.500 Konzerte sind eine ganze Menge. Kannst du dich noch an deinen allerersten Auftritt erinnern? 

Natürlich! Da war ich neun Jahre alt und hatte gerade meine erste Band gegründet. In der Musikstunde spielten wir unserer Lehrerin die ersten selbstkomponierten Songs vor – auf Fantasie-Englisch, denn so richtig konnten wir Englisch noch nicht. Sie guckte uns an und meinte nur „bleibt hier stehen“, ist rausgerannt und hat den Direktor geholt. Ich dachte jetzt kriegen wie einen mega Einlauf, aber als der Direktor es hörte, meinte er nur „geht bitte sofort mit eurem Zeug in die Aula“ und dann rief er während der Schulzeit die ganze Unterstufe zusammen, 250 Kinder, und dann mussten wir noch mal spielen. Danach war ich der King auf dem Schulhof.

Und danach war klar: Das machst du mal beruflich?

Genau! Danach habe ich in Schul-Bands gespielt, während des Studiums hatte ich dann eine Rockband, mit der ich auf Stadtfesten gespielt habe. Und dann kam „Verdammt ich lieb‘ dich“ und als meine erste richtige Tour losging, hatte ich plötzlich Lampenfieber (lacht). Das kannte ich vorher nicht, bin ich aber nie wieder losgeworden!

Wie äußert sich das?

Am Tag des Konzerts bin ich – bis zu dem Moment wo ich zur Bühne gehe – total aufgeregt. Ein nervöses, lampenfieberndes Etwas! Das ist echt komisch. Man wird immer stiller, fühlt sich schwach, untersucht sich ständig selbst, ob irgendwas nicht stimmt. „Warte mal, war mir gerade ein bisschen komisch, krieg ich Magen-Darm? Ich habe keinen Schnupfen, aber ich habe eben gehustet. Was passiert?“ Man sucht die ganze Zeit nach Dingen, die den Auftritt verhindern könnten – und wenn man danach sucht, findet man auch etwas! Im Grunde rebelliert der Körper oder vielmehr der Geist, weil er nicht möchte, dass da noch etwas dazwischenkommt. Aus Vorfreude auf dieses Ereignis. Lampenfieber suchst du dir nicht aus, das hast du.

Und da hilft nichts?

Ich habe schon alle gefragt und sogar mit Coaches gesprochen. Die haben gesagt: „Lass es doch einfach zu“. Ich habe inzwischen einige Lampenfieberbehandlungsrituale, die mir helfen. Meistens sehen meine Tage so aus: Mittags esse ich was, dann gehe ich ins Hotel, lese 20 Minuten und werde müde, kann aber nicht schlafen, weil ich zu aufgeregt bin. Gegen 17 Uhr hole ich mir einen Cappuccino und sage mir „ganz ruhig, Matthias“.  Danach dusche ich und mache noch mal die Haare schön. Um 18 Uhr 30 bin ich dann in der Halle und rufe meinem Freund, Security und Fahrer zu „bring mir mein Beruhigungsbier“. Dazu spiele ich ein Spiel auf meinem iPad, das ich seit zehn Jahren immer vor meinen Auftritten nutze. Wenn es um 20 Uhr dann von der Garderobe auf die Bühne geht, werde ich mit jedem Schritt ruhiger und sobald ich vor dem Publikum stehe, wird all das Leid des Tages zu purer Energie.

Was machst du, wenn die Show zu Ende ist? 

Ich mache gerne einen Quick Start, damit ich nicht in die Automassen komme, die sich danach in Bewegung setzen. Im Hotel gehe ich erstmal auf mein Zimmer und rufe meine Frau an. Das ist auch ein Ritual: „Hey Schatz, ich hab’s geschafft. War toll“. Bis ich fertig bin, sind auch die anderen von der Band eingetrudelt und dann treffen wir uns meistens auf ein Bier in der Hotelbar. Mehr aber auch nicht, denn dann kommt schon die Müdigkeit. Ich bin halt schon 65, da sitzt du nicht mehr bis 3 Uhr an der Hotelbar (lacht).

Hast du schonmal drüber nachgedacht, wie lange du noch auf der Bühne möchtest? 

Ich glaube nicht, dass ein Vollblutmusiker komplett aufhören kann. Ich sehe das ja bei Kollegen wie Mick Jagger, Howard Carpendale oder Udo Jürgens, der am Höhepunkt seiner Karriere einfach so umgefallen ist. Schöner geht’s nicht! Es kann durchaus sein, dass ich mit 75 sage „15 große Konzerte im Jahr reichen“, es müssen nicht immer 70 sein. Aber ganz aufzuhören, kann ich mir nicht vorstellen. Dafür liebe ich es zu sehr.

Kannst du „Verdammt ich lieb‘ dich“ nach all den Jahren noch hören? 

Ich liebe es! Das ist nach wie vor für mich der Magic Moment schlechthin, wenn die Zugabe aller Zugaben beginnt, diese Keyboard-Melodie kommt, ich mich zum Publikum umdrehe, „ich ziehe durch die Straßen bis nach Mitternacht“ singe und alle singen mit, egal ob jung oder alt. Bis heute kriege ich da jedes Mal Gänsehaut! Dass ich als Identifikationsmerkmal diesen wirklich tollen Song habe, der die Dreijährige mit dem 93-Jährigen im Publikum verbindet, den die Alten feiern, weil sie daran so viele Erinnerungen haben, und die Kindern von ihren Eltern kennen – das ist etwas sehr Schönes!

Im Juli hast du dein Live-Album „Die Höhepunkte der Arena-Konzerte - Live!“ veröffentlicht. Was unterscheidet es von deinen vorherigen Live-Alben? 

Ich habe ja schon ein paar Live-Alben veröffentlicht, aber das ist das erste, wo ich sagen kann wow, perfekt! Ich hatte in der Pandemie so viel Zeit, dass ich mir die Aufnahmen unserer Konzerte mal angehörte habe und zu dem Schluss kam: Das geht noch besser! Ich habe also eine neue Band zusammengestellt, ganz viel in Technik investiert und dann haben wir wirklich drei Monate in meinem Studio geprobt. Ich habe dafür sogar Bühnenlicht in meinem Studio installiert! In der Hoffnung, dass man irgendwann wieder live spielen kann, wollten wir eine Show zusammenstellen, die musikalisch wirklich perfekt ist. Als es dann soweit war und wir auf Tour gehen konnten, war die Begeisterung der Menschen auf meinen Konzerten so groß! Das wollte ich mit dem Album einfangen.

Mit dabei ist bei deinen Konzerten auch dein Sohn Julian. Wie fühlt es sich an, ein Duett mit dem eigenen Sohn zu singen?

Das ist toll, weil wir ja auch noch beste Kumpels sind! Er wird jetzt 27 und hat sich so entwickelt. Er ist ein toller Chor-Sänger aber auch ein super Solo-Interpret. Ich würde ihn nicht auf die Bühne holen, nur weil er mein Sohn ist, wenn ich nicht wüsste, dass er das Potenzial hat und die Leute das mögen. Inzwischen rufen sie sogar nach Zugaben, wenn er singt!

Auch mit Rapper FiNCH, den du eingangs schon erwähntest, hast du dir in letzter Zeit ein paar Mal die Bühne geteilt. Wie kam es zu dieser überraschenden Kollaboration?

Ich war auf dem Weg nach Italien mit meinen Kindern. Wenn wir zusammen Autofahren, übernehmen sie immer die Musik und spielen mir irgendetwas vor. Mein 17-jähriger Sohn Romeo machte dann einen Song von FiNCH an und meinte „Papa, der ist cool. Mit dem solltest du mal was zusammen machen. Aber das kriegst du nicht hin.“ Da meinte ich nur „Wetten, dass ich das hinkriege? Du kriegst demnächst einen Song von FiNCH und Matthias Reim!“

Und dann hast du FiNCH einfach angerufen, oder wie?

Ja, ich hab ihm das genauso gesagt: „Hör mal, mein Sohn ist der Meinung wir sollten was zusammen machen“. Und FiNCH meinte nur: „Ich bin auch der Meinung, das sollten wir machen“, und dann haben wir uns getroffen und „Pech & Schwefel“ geschrieben. Das ging wirklich mega schnell, in einer Session. Danach hat FiNCH mich dann zu seinem Tourauftakt in Berlin eingeladen. Mein Sohn war natürlich auch mit und mega stolz! Später war ich noch mal mit ihm beim Parookaville, vor 100.000 Menschen. Bei meinem Auftritt in der Wuhlheide darf er also natürlich nicht fehlen.

Gibt es jemanden, mit dem du dir gerne nochmal die Bühne teilen würdest?

Ich würde zu gerne mal mit Ozzy Osbourne auf der Bühne stehen. Der war immer mein großes Idol. Ich habe alle seine Alben und höre seine Musik immer, wenn ich Sport mache. Seine Stimme und seine Art zu singen sind einfach geil. Die erste Platte, die ich von ihm hatte, war „Paranoid“ von Black Sabbath. Da war ich zehn. Und ich höre die immer noch, drei Mal die Woche, wenn ich in mein Fitnessstudio gehe. Alle anderen im Haus gehen dann in Deckung und machen alle Türen zu, weil dann wackeln die Wände.

Gehst du selbst oft auf Konzerte und gab es in letzter Zeit eins, das dich besonders beeindruckt hat? 

Ich gehe eher selten auf Konzerte, mir fehlt einfach die Zeit. Was mich zuletzt sehr beeindruckt hat, das ist aber auch schon wieder sieben Jahre her, war tatsächlich Black Sabbath in Stuttgart. Das war so witzig. Ich bin da nicht als VIP oder über Gästeliste rein, sondern habe mir einfach ein Ticket gekauft, hab dann eine Kappe und eine Sonnenbrille aufgesetzt und bin da rein. Als ich mir in der Pause dann ein Bier geholt habe, standen plötzlich all diese 50-, 60-, 70-Jährigen um mich herum und meinten „Matze, was machst du denn hier?“ Die waren richtig begeistert, dass ich auch Ozzy-Osbourne-Fan bin (lacht).

1.500 Konzerte – was waren denn deine im positiven und im negativen Sinne unvergesslichsten Konzertmomente?

Ein ganz großes Highlight war 2016 in der Wuhlheide vor 14.000 oder 15.000 Menschen. Das Konzert hatte eigentlich im Vorjahr stattfinden sollen und ich musste es verschieben, weil ich krank wurde, was mir das Herz gebrochen hat. Bei dem Song „Hallo, ich möcht‘ gern wissen wie’s dir geht“ haben die Fans einfach den Gesang übernommen und mir kamen die Tränen, weil das so emotional war, wie sie mich zurückgefeiert und getragen haben! Das schlimmste Konzert war Ende der Neunziger in Dresden auf einem großen Sportplatz. 13.000 Leute hätten da rein gepasst, 13 kamen. Ich hab mich auf die Bühnenkante gesetzt, die Leute persönlich begrüßt und gesagt „wir spielen jetzt trotzdem“. Danach bin ich ins Hotel gegangen, habe mir ein großes Bier bringen lassen und gedacht „Okay, deine Zeit ist glaube ich vorbei.“

Und heute spielst du wieder vor Tausenden Leuten…

Ja! Das war wirklich gnadenlos damals, aber ich habe es überlebt und bin wieder da (lacht)!

Matthias Reim setzt seine Tour noch bis 2024 fort. Eine Übersicht aller Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

Matthias Reim Live 2023/2024
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