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Interviews

Backstage mit Leoniden: „Jedes Konzert hat die Chance, auf seine Art das Beste zu werden“

23.08.2024 von Susan Barth

Mitreißender, euphorischer Sound zu traurigen, persönlichen Texten und energiegeladene Live-Auftritte: Das sind Leoniden. Nachdem das letzte Album „Complex Happenings Reduced To A Simple Design“, 2021 direkt auf dem ersten Platz der Albumcharts gelandet ist, erscheint am heute – am 23. August 2024 – das vierte Album der Band mit dem Titel „Sophisticated Sad Songs“. Im Interview verraten Jakob und Lennart, was das Album so besonders macht, und erzählen von der Anfangszeit ihrer Bandkarriere.

Bild: Robin Hinsch

Euer neues Album, das am 23. August erscheint, trägt den Titel „Sophisticated Sad Songs“. Was kann man sich darunter vorstellen? 

Lennart: Hinter dem Titel verbirgt sich eigentlich das, was wir immer gemacht haben – nur ein bisschen anders verpackt: Uns ist es wichtig, dass die Leute wissen, dass wir keine belanglose glückliche Karnevalsmusik machen. Auf der anderen Seite finden wir, dass traurige Musik nicht immer nach Radiohead aussehen oder klingen muss.  

Jakob: Genau! Wenn man in unsere Diskographie schaut, merkt man, dass wir noch keinen einzigen fröhlichen Song geschrieben haben. Das, was wir machen, ist schon eher sehr verkopfte, sehr durchdachte traurige Musik.  

Auf dem Cover eures neuen Albums sehen wir euer Publikum im Kölner Palladium kurz vor dem Moshpit. Das ist nicht unbedingt das, was man sich unter „Sophisticated Sad Songs“ vorstellt. Wie kam es dazu? 

Lennart: Wir hatten den Titel bevor wir ein Cover hatten und haben dann lange versucht, mit tiefgründigen, abstrakten Bildern zu arbeiten. Irgendwann waren wir schon relativ verzweifelt, weil wir kein Cover hatten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben wir dann dieses Foto hingelegt und gemerkt: Das sind wir. Und dieser Spannungsbogen, der durch diesen Titel und das Foto entsteht, ist genau der Spannungsbogen, der sich auch durch unsere Band spannt. Wir machen traurige Musik. Aber so wie auf dem Cover – das sind unsere Konzerte.  

 

Könnt ihr euch an das erste Konzert als Leoniden erinnern? 

Beide: Ja, das war in Köln.  

Jakob: Im arheater. 

Lennart: Und genau solche Konzerte spielen wir heute noch. Das ist ein Abenteuer und ein Kontrastprogramm. Wir lieben riesige Festivalbühnen. Wir lieben unsere eigenen großen Headliner Clubkonzerte. Wir lieben es aber auch im Ausland zu spielen, wo uns keine Sau kennt. Und was wir irgendwie auch lieben, sind diese kleinen Punk-Keller, in denen wir groß geworden sind.  

Jakob: So lange ist es auch noch nicht her, dass wir solche Shows gespielt haben. Heute haben wir ein System, was wir auf der Bühne aufbauen. Solche Abläufe auch mal zu erschüttern und zum Beispiel zu schauen, was passiert, wenn wir unser Licht und die Hälfte unserer Instrumente nicht aufbauen können, ist einfach geil. Und dann auch noch gemeinsam mit der Crew, die auch unsere Freunde sind, eine Lösung zu finden – das hält frisch und macht Spaß.  

Was habt ihr bis heute aus dieser Anfangszeit mitgenommen? Sind diese Erfahrungen immer noch wichtig? 

Lennart: Ja, auf jeden Fall! Man merkt Bands auch richtig krass an, wenn sie diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Ich meine damit das Gefühl der Selbstverständlichkeit von dem, was man tut und manchmal auch die Überhebung der eigenen Rolle… Das alles sind Sachen, die bei uns nur so gesettet sind, weil wir auch mal wo gespielt haben, wo es keinen Platz zum Schlafen gegeben hat oder nichts zu essen. Manchmal auch keine Anlage – oder kein Publikum (lacht). 

Jakob: Und dann gibt es aber auch Leute, die quasi im Nightliner geboren sind, die alles überspringen und ihre Karriere an einem ganz anderen Punkt anfangen.  

Lennart: Was bei uns auf der Bühne stattfindet, ist ehrlich gesagt aber auch immer noch das Gleiche – nur unter anderen Voraussetzungen 

Jakob: Wir sind ein bisschen besser geworden, das muss man sagen. Aber die gleichen Dinge sind uns wichtig.  

Welche Dinge sind euch am wichtigsten? Die Intimität zu den Leuten? 

Jakob: Ja! Der Höhenunterschied zwischen Publikum und uns… das ist keine Analogie, das ist nur architektonisch. Wir sind alle gleich. Wir gucken uns in die Augen. Wir machen das Konzert zusammen. 

Lennart: Wir wollen auch nicht die Leute sein, die auf die Bühne kommen wie Madonna oder Taylor Swift. Das ist ein Mythos, dass man sich rar machen muss.  

In „A Million Heartbreak Songs“ geht es darum, eine Millionen Songs über Herzschmerz zu schreiben – und es reicht nicht. Welche Herzschmerz Songs haben euch geprägt?  

Jakob: Für mich sind die Songs, die mich in meinen Breakups am meisten begleitet haben, nie Breakup-Songs gewesen. Das waren immer eher so Songs wie „Between the Bars“ von Elliot Smith, wo es vielmehr darum geht, welche Rollen man im Leben mit sich herumschleppt, welche man davon behält oder welche man abgeben sollte. Oder „Follow You Into The Dark“ von Death Cab For Cutie, ein Song über den Umgang mit dem Tod. Das sind Songs, die mich begleitet haben, weil sie eine bestimmte Stimmung haben. Vielleicht bin ich deshalb auch so allergisch auf Leute, die darüber singen, dass ihre Betten wieder leer sind – oder endlich wieder leer oder gar nicht mehr leer. Irgendwas ist immer mit den „Betten“ und „du“ und „ich“. Das kriegt mich so gar nicht. Deswegen ging es bei dem Heartbreak-Song für mich eher darum, mal rauszuzoomen. Dabei habe ich gemerkt, dass ich jetzt gerade keinen Heartbreak-Song schreibe, sondern einen Song darüber, dass ich den Rest meines Lebens Heartbreak-Songs schreiben werde und dieses Gefühl wahrscheinlich immer bleiben wird – obwohl ich eigentlich total glücklich bin.  

In „Motion Blur“, dem ersten Song auf dem Album geht es um Selbstoptimierung. Wie beeinflusst die euch in eurem Alltag?  

Jakob: Coolerweise weniger als vor ein paar Jahren. Man muss das aber auch richtig üben. Es gibt immer wieder Phasen, wo man dann doch wieder überperfektionistisch ist. Wir werden jetzt bald anfangen über das Tour-Set zu reden und dafür den Inhalt von Motion Blur vergessen haben, glaube ich.  

Lennart: Ich glaube, die Kunst liegt darin, die Mitte zu finden zwischen dem, was einen antreibt und dabei nicht zu verbissen zu sein. Man tut sich selbst so unrecht, wenn man sich nicht auch eingesteht, dass irgendwann mal genug ist und dass man selbst irgendwann Mal genug ist.   

Habt ihr noch Lampenfieber, bevor ihr auf die Bühne geht? 

Jakob: Ich nicht, nee.  

Lennart: Kommt aufs Konzert und die Umstände an. Also sicherlich geht man anders auf eine Bühne, als man das vor ein paar Jahren gemacht hat, aber natürlich ist man trotzdem aufgeregt.  

Jakob: Man geht anders auf eine Bühne als in eine Bäckerei, das stimmt. Aber ich liebe das Gefühl mittlerweile. Und das Lampenfieber habe? aber ich nicht mehr aus Unsicherheit oder Versagensängsten oder Selbstzweifeln – das war eher früher ein Problem. 

Habt ihr vor euren Konzerten bestimmte Rituale?  

Jakob: Wir werden von Djamins Bruder gesegnet. (lacht) Das ist ein völlig beklopptes Ritual, bei dem Djulien uns eine Cappy aufsetzt und … – egal. Da muss man dabei gewesen sein.  

Lennart: Und uns ist wichtig, dass man sich nochmal ganz kurz zusammenfindet. Und zwar ganz wichtig: Alle. Nicht nur die fünf, die auf der Bühne sind.  

Jakob: Genau. Auch der Busfahrer…  

Lennart: … und dann erinnern wir uns mal ganz kurz, warum wir überhaupt die ganzen Sachen machen.  

Jakob: Genau. Und dann klatschen wir mit allen, jeder mit jedem nochmal doppelt ein. 

Lennart: Da geht‘s wirklich um jeden Menschen, der bei uns dabei ist. Egal ob der Mensch Fotos macht, oder Gitarren neu besaitet. Wenn du sehr nah dranstehen würdest, würdest du auch eine Cappy abkriegen.  

Gibt es Konzerte, die ihr nicht vergessen werdet? 

Jakob: Es gibt die Top 5 absurdesten Konzerte, es gibt die Top 5 schönsten Momente für mich bei Konzerten, es gibt die Top 5 schiefsten Noten die ich je gesungen hab – und wahrscheinlich waren die alle am gleichen Tag. (lacht) Man verliert irgendwann den Überblick nach so vielen Konzerten, aber das ist auch gut, weil dann jedes Konzert die Chance hat, auf seine Art das Beste zu werden.  

Leoniden gehen mit „Sophisticated Sad Songs“ im Herbst 2024 auf Tour. Wenn ihr bei den Konzerten in Deutschland dabei sein möchtet und die energiegeladenen Shows der Band live erleben wollt, bekommt ihr Tickets auf eventim.de.

Leoniden Live
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