Bild: Lucio Vignolo
Für Jeremias standen in den letzten Jahren alle Zeichen auf Erfolg: Mit ihrem Debütalbum „Golden Hour“ schaffte die Indie-Pop-Band aus Hannover es in die Top 10 der Charts und spielte bald ausverkaufte Shows vor Tausenden Menschen. Ihre Erfahrungen haben sie nun auf ihrem zweiten Album „Von Wind und Anonymität“ verarbeitet. Damit ist die Band aktuell auf ihrer bisher größten eigenen Tour unterwegs. Wir trafen Sänger Jeremias Heimbach und Gitarrist Oliver „Olli“ Sparkuhle zum Gespräch.
Jeremias: Das war in der Zeit, wo ich noch solo Musik gemacht habe, also vor 2018. Olli und ich kannten uns da schon. Wir haben gerade angefangen, zusammen aufzutreten und haben dann im Tandur in Büchen gespielt, dem Dönerladen des Vertrauens. Das war ein schreckliches Konzert. Ich weiß gar nicht, wie wir da reingerutscht sind. Aber wir haben halt damals jede Möglichkeit, irgendwie zu spielen, angenommen und haben da dann vor 20 über 60-Jährigen gespielt, die das nicht hören wollten. Ich glaube der Headliner war ein Konzertgitarrist aus Spanien, und dann standen wir da und haben Lärm gemacht…
Olli: Ich weiß noch eine Dame saß ganz hinten in diesem Laden und als einmal ganz vorsichtig auf die Trommel gehauen wurde, kam von ihr sofort „Wenn das so laut bleibt, gehe ich wieder!“.
Jeremias: Genau, es geht sehr konkret um das Tourleben, ums Unterwegssein. Es geht um den Zustand, auf einer Bühne zu stehen.
Olli: Und um diese Ambivalenz. Einerseits freut man sich, dass man gerade da ist, wo man ist, aber gleichzeitig hat man Heimweh.
Jeremias: Der Hauptkonflikt dahinter ist, dass wir die Band 2018 gegründet haben mit der Devise alles zu spielen, alles machen zu wollen. Und plötzlich bist du in Linz oder so und merkst: das, was wir gerade machen, macht überhaupt keinen Spaß. Wir halten das nicht aus, wir wollen das nicht mehr. Und da fängt man dann schon an zu hinterfragen. Ich denke da ganz konkret an eine Situation, wo wir das erste Mal auf dem Hurricane und Southside gespielt haben. Wir haben uns so darauf gefreut und dann waren wir in Scheeßel und konnten es gar nicht richtig genießen.
Jeremias: Ich weiß es nicht. Vielleicht wegen der Überlastung. Wir haben als Band auch Zeit unseres Lebens gespart und erst letztes Jahr angefangen, uns Sachen zu ermöglichen. Mit dem Nightliner zu fahren zum Beispiel. Einzelzimmer sind auch eine gute Idee, auch wenn es ein bisschen mehr kostet. Also inzwischen haben wir Wege und Mittel gefunden, um damit gut umzugehen.
Olli: Ich weiß gar nicht, ob man das so krass pauschalisieren kann. Mein erster Impuls war gerade zu sagen, dass das auf der Bühne stehen im Grunde die Belohnung für das Rumreisen ist, das Schlafen im Bus. Man wartet ja viel, das hat viel mit Geduld zu tun. Bis man auf die Bühne geht, ist der ganze Tag vergangen. Die Musik dann mit anderen Menschen zu teilen, ist die Belohnung. Aber gleichzeitig ist es auch das, was mich persönlich krass belasten kann. Wenn man zum Beispiel in einer Tagesform ist, in der man nicht gut damit umgehen kann, von so vielen Menschen angeguckt und angejubelt zu werden. Manchmal kann man das nicht annehmen. Naja, und das nervigste ist auf jeden Fall das viele Warten.
Olli: Das kommt auf die Stadt an. Ich möchte jetzt keiner Stadt zu nahe treten, aber es gibt auf jeden Fall Städte, wo man sich denkt „hier kann ich mich jetzt einfach aufs Sofa setzen und was gucken“. Wenn ich nicht selber aus Hannover kommen würde, würde ich vielleicht Hannover sagen! Aber es gibt auch Städte, wo man neugierig ist, rumläuft und sich ein schönes Café sucht oder so.
Jeremias: Für unsere aktuelle Tour haben wir jetzt ein Basketballkorb und einen Basketball. Ich denke, das wird nützlich sein!
Olli: Wir haben letztes Jahr ein Konzert in der Schweiz gespielt, das war wirklich schön. Jeremias hatte schon vor der Show gesagt „ich mache heute etwas Witziges“. Die Idee war dann, beim letzten Song Leute auf die Bühne zu holen, um das ein bisschen aufzulösen, dass wir als Band auf einem Podest stehen. Er hat die Anzahl an Personen aber nicht limitiert, sondern einfach gesagt „kommt alle auf die Bühne“. Es gibt Bilder, wo wir die Instrumente kaum noch halten können, weil es so eng war. Das werde ich auf jeden Fall nicht vergessen.
Jeremias: Das war echt verrückt! Mein erstes Mal Crowdsurfing werde ich auch nicht vergessen. Das war in Wien in der Arena. Die Wiener sind generell krass, habe ich das Gefühl. Die haben noch mal ein anderes Level an Enthusiasmus. Die Deutschen sind irgendwie abgeklärter.
Olli: Ich bin jemand, der nicht so schnell weint, wie ich es gerne könnte. Ich finde das ist eine schöne Qualität, wenn man sich so fallen lassen kann. Bei dem ersten Konzert unserer aktuellen Tour hatte ich bei dem Song „Egoist“ aber kurz dieses Gefühl, wenn das in einem so aufsteigt. Darüber geht es bei mir dann leider nicht hinaus, aber ich war auf jeden Fall krass bewegt von der Resonanz des Publikums. Du gibst den Leuten diesen Song und dann kommt das plötzlich so wieder zurück. Das ist sehr schön.
Jeremias: Die Musikerin CATT hat dieses Jahr nach uns auf dem Golden Leaves Festival in Darmstadt gespielt und ihr Auftritt war sehr faszinierend. Unglaublich schöne Stimme, gute Band, tolle Arrangements. Man hat gemerkt, dass sie das Handwerk Musik total beherrschen. Das hat mich sehr abgeholt in dem Setting. Im Kontrast dazu: Beim Southside sind dieses Jahr Twenty One Pilots als Headliner aufgetreten. Jonas und ich haben uns das angeguckt und da habe ich gecheckt, was alles möglich ist an Show, an Produktion! Irgendwie auch überheblich und drüber, aber unglaublich. Das war durchdacht, hatte eine schöne Dramaturgie, war abwechslungsreich. Hinter der Musik gab es eine zweite Ebene der Show und das finde ich sehr interessant.
Olli: Ich bin sehr großer Fan der Red Hot Chilli Peppers und war letztes Jahr auf deren Konzert im Hamburger Volksparkstadion. John Frusciante, der Original-Gitarrist, ist ja wieder in der Band. Da waren 50.000 Leute in diesem Stadion, aber das war die minimalistischste Produktion, die man machen kann: Einfach nur vier Leute, Verstärker und Schlagzeug und trotzdem schaffen sie es, das komplette Stadion zu füllen, weil sie musikalisch so zusammen funktionieren. Das fand ich wahnsinnig beeindruckend.
Jeremias: Sting – das wäre eine große Ehre! Ich bin sehr fasziniert von seiner Vielseitigkeit.
Olli: Seit diesem Jahr! Vorher war immer jeder in seinem eigenen Film. Jeder hat ja seine Art, sich auf ein Konzert vorzubereiten. Jonas spielt sich an seinem Pad ein, Jere macht Gesangsübungen und so weiter. Aber 20 Minuten vor der Show setzen wir uns alle in den Kreis mit Käthe, unserer Live-Pianisten, und machen eine Check-in-Runde: Wie geht es dir? Wie hast du geschlafen? Was liegt dir auf dem Herzen? Bist du aufgeregt? Hast du Angst vor irgendeinem Song? Das erdet total und bringt uns zusammen. Danach hat man das Gefühl, dass man als eine Einheit auf die Bühne geht.
Jeremias: Eher eine freudige Aufgeregtheit.
Olli: Genau, eine gesunde Nervosität, die aber auch mit dem ersten Ton verfliegt. Das ist wirklich so, das löst sich mit dem ersten Schlag.
Olli: Gute Schlappen! Adiletten oder sowas, so dass du im Halbschlaf nicht noch deine Schuhe anziehen musst.
Jeremias: Da schließe ich mich an!
Olli: In Hannover gibt es einen Laden namens Capitol. Ich wohne in Laufweite davon und als wir neulich da vorbei kamen, meinten wir noch, wie irre es ist, dass wie auf der Tour jetzt schon in einer größeren Halle spielen. Letztes Mal waren wir noch im Capitol und vor vier Jahren war das Capitol gefühlt immer das große Ziel! Neulich haben wir beim Reeperbahn Festival in der Elbphilharmonie gespielt – auch unglaublich! Es ist ein verrücktes Gefühl, dass wir in den Venues, von denen wir immer geträumt haben, plötzlich wirklich spielen.
Jeremias: Ich würde an dieser Stelle gerne explizit die Mercedes Benz Arena erwähnen. Da würde ich gerne mal spielen! Und die Wuhlheide habe ich auch noch im Hinterkopf. Wir haben da noch Visionen!
„Von Wind und Anonymität“, das zweite Album von Jeremias, ist gerade erschienen. Die Band ist damit aktuell auf „Ich fühl alles für dich mit“-Tour. Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.