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Interviews

Backstage mit James Arthur: „Wenn ich nicht nervös bin, macht mich das nervös“

29.01.2024 von Nadine Wenzlick

Elf Jahre ist es her, dass James Arthur die neunte Staffel der britischen Castingshow „The X Factor“ gewonnen hat. Und während so manche Castingshow-Gewinner schnell wieder in der Versenkung verschwanden, hat der 35-Jährige sich zu einem der erfolgreichsten Sänger Großbritanniens entwickelt – mit über 38 Millionen monatlichen Hörern auf Spotify und mehr als 25 Millionen verkauften Tonträgern. Zwischendurch hatte Arthur aber auch schwierige Zeiten: Der Erfolgsdruck führte bei ihm zu Versagensängsten und Panikattacken. Im Interview spricht er über unvergessene Auftritte, mentale Gesundheit und natürlich auch sein neues Album „Bitter Sweet Love“, das gerade erschienen ist.

Bild: Edward Cooke

James, dein Song „Say You Won't Let Go“ ist in den Top 20 der meistgestreamten Songs aller Zeiten, was bedeutet, dass er im Grunde ständig überall gespielt wird. Was ist der bizarrste oder peinlichste Moment, in dem du diesen Song gehört hast?

James Arthur: Das ist eine gute Frage. Ich höre ihn natürlich ständig zufällig. Ich war kürzlich im Nahen Osten und dort lief er in einem Supermarkt! Überhaupt scheint der Song aus irgendeinem Grund immer dann zu laufen, wenn ich im Supermarkt bin. Dabei ist das der Ort, an dem man am ehesten das Gefühl hat, ein durchschnittlicher, normaler Mensch zu sein, der seinem Tag nachgeht – und nicht ein Songwriter. Aber dann werde ich dran erinnert, dass ich einen Song habe, der viel größer als ich ist.

Was macht das mit dir? Läufst du dann stolz durch den Supermarkt oder würdest du dich lieber hinter den Regalen verstecken?

Ich verbinde mit diesem Lied sehr unterschiedliche Gefühle. Zum einen bin ich sehr dankbar, weil es mich im Leben wirklich vorangebracht hat. Zum anderen schäme ich mich ein bisschen, weil ich das Gefühl habe, dass ich in diesem Song noch wie ein sehr junger Künstler klinge. Ich glaube, ich bin als Sänger und als Künstler ein ganzes Stück gewachsen.

Es ist 11 Jahre her, dass du die Castingshow „The X Factor“ gewonnen hast. Was geht dir durch den Kopf, wenn du dir Auftritte aus dieser Zeit ansiehst?

Ich versuche es zu vermeiden, um ehrlich zu sein. Das ist so lange her! Aber letztens musste ich mir Aufnahmen ansehen, weil wir Clips aus „The X Factor“ auf meiner aktuellen Tour als Teil einer Montage verwenden. Unglaublich, wie lange das her ist und wie viel ich seitdem erreicht habe. Aber es fällt mir trotzdem schwer, Aufnahmen von damals von mir zu sehen.

Du hast seitdem unzählige Konzerte gespielt. Welche Auftritte wirst du nie vergessen?

Ich werde nie vergessen, wie ich zum ersten Mal die Wembley Arena und die O2 Arena in London ausverkauft habe. Abgesehen vom Wembley Stadium, wo ich zwar auch schon mal aufgetreten bin, aber nicht als Headliner, ist das die Spitze, was Veranstaltungsorte in Großbritannien angeht. Ich habe aber auch viele tolle Erinnerungen an Shows in meiner Heimatstadt und meinen Auftritt im Croke Park in Dublin vor 100.000 Zuschauern. Oder meine ersten Shows in den USA, auf der anderen Seite der Welt. Es haut mich immer wieder um, dass ich so weit gekommen bin.

Bist du auf der Bühne schon mal so emotional geworden, dass dir die Tränen kamen?

Ich bin auf jeden Fall schon sehr emotional geworden, aber richtig geweint habe ich glaube ich noch nicht. Ich war eher überwältigt und hatte Gänsehaut. Ich glaube aber, dass sich das auf meiner aktuellen Tour ändern könnte und mir wirklich Tränen kommen.

Warum das?

Irgendwie fühlt sich diese Tour noch besonderer an als die, auf der ich das erste Mal in Arenen spielte. Die letzten drei Jahre waren wirklich hart. Vor der Pandemie habe ich Arena-Shows gespielt, danach musste ich wie viele andere Künstler auch einiges neu aufbauen. Das war eine Herausforderung! Den Großbritannien-Teil meiner Tour werde ich mit einem Auftritt im Riverside Stadium beenden, dem Stadion meiner Lieblingsfußballmannschaft FC Middlesbrough. Als Kind habe ich dort immer meine Mannschaft spielen sehen. Damit schließt sich ein Kreis. Wenn mir da nicht die Tränen kommen, dann habe ich wahrscheinlich keine Gefühle.

Gibt es auch Shows, an die du ungerne zurückdenkst?

Oh, zu viele! Ich hatte so viele schlechte Auftritte. Gestern Abend zum Beispiel (lacht). Meistens liegt es daran, dass ich mich nicht richtig hören kann. Wenn das der Fall ist, weiß man nie, ob man die richtigen Töne trifft und das ist das unheimlichste Gefühl auf der Welt! Mir ist schon so ziemlich alles superpeinliche passiert. Einmal beschloss mein Keyboarder, einen Song fünf Tonarten höher zu spielen, und ich versuchte deshalb, viel höher zu singen, als ich es kann. Das war in der Londoner O2 Arena vor 20.000 Menschen beim „Jingle Bell Ball“ von Capital FM – eine Live-Übertragung. Ich konnte also nichts tun! Das war sehr unangenehm.

Bist du nervös, bevor du auf die Bühne gehst?

Immer. Ich denke das ist normal und gehört dazu. Wenn ich nicht nervös bin, macht mich das nervös!

Wie äußert sich deine Nervosität?

Ich laufe einfach viel hin und her. Ich merke, dass ich nicht richtig atme und meine Gedanken sehr katastrophisch und irrational werden: Was ist, wenn dies passiert oder was ist, wenn das passiert? Ich werde aber immer besser darin, damit umzugehen.

Es gab eine Zeit, in der du unter Angstzuständen und Panikattacken gelitten hast. Wie hast du das überwunden?

Ich musste dafür meine psychische Gesundheit in den Griff bekommen und eine Therapie machen. Ich habe eine kognitive Verhaltenstherapie gemacht, was mir half, generell rationaler zu denken. Mir wurde klar, dass ich mich oft selbst zum Scheitern verurteilt habe und mir Sorgen über Dinge machte, die ich nicht kontrollieren konnte. Rationales Denken ist das Wichtigste, aber ich musste auch meine körperliche Gesundheit in den Griff bekommen.

Wie stellst du heute sicher, dass du nicht in alte Verhaltensmuster zurückfällst?

Indem ich nicht so streng mit mir selber bin. Ich bin inzwischen auch Vater geworden, das hat viele Dinge in die richtige Perspektive gerückt. Also was die Bedeutsamkeit angeht, die ich James Arthur, dem Sänger und Songwriter und all dem, beimesse. Es hat mir viel von meinem Ego genommen und mir ein neues, gesundes Ego gegeben. Früher war ich Perfektionist, bis zum letzten Grad. Das ist natürlich nicht realistisch. Nichts ist perfekt, daran muss ich mich immer wieder erinnern. Ich bin einfach so, wie ich an dem Tag bin – das müssen die Leute akzeptieren und ich muss es akzeptieren.

Kannst du dich noch an den Moment erinnern, an dem du realisiert hast, dass du gerne auf der Bühne stehst und singst?

Als ich ungefähr elf oder zwölf Jahre alt war. Da habe ich das erste Mal vor meiner Familie gesungen und sie haben alle geweint und waren richtig stolz. Danach dachte ich das fühlt sich gut an, das möchte ich machen! Meine Mutter und mein Vater waren große Musikliebhaber und haben mich in meiner Entscheidung, Sänger zu werden, sehr bestärkt.

Bei deinen Konzerten spielst du oft auch Cover-Versionen anderer Künstler. Gibt es jemanden, mit dem du dir gerne mal die Bühne teilen würdest?

Es gibt viele Leute, mit denen ich gerne die Bühne teilen würde. Ich bin großer Hip-Hop-Fan, ich bin damit aufgewachsen, Eminem, Jay-Z und all diese Leute zu hören und habe immer gesagt, dass ich gerne mal mit einem der ganz Großen im Hip-Hop und Rap zusammenarbeiten würde. Es gibt da draußen aber auch einige unglaubliche Sängerinnen wie Adele oder Beyoncé, bei denen es mir eine Ehre wäre, mit ihnen zu singen. Billie Eilish bewundere ich auch, sie ist unglaublich.

Dein neues Album „Bittersweet Love“ ist gerade erschienen. Was war dein Ziel bei dieser Platte?

Zuallererst möchte ich immer meine vorherige Arbeit übertreffen. Bei diesem Album wollte ich einfach, dass die Stimmung stimmt. Ich wollte, dass es sich klanglich so anfühlt, wie ich mich bei dieser Art von Musik fühle. Es ist im Wesentlichen ein Singer-Songwriter-Album. Mir war wichtig, dass es sich roh und ehrlich anfühlt. Und das Ziel ist immer, die Leute zu bewegen und Emotionen zu wecken.

Auf deinen früheren Alben ging es oft um persönliche Probleme. Welche Themen beschäftigten dich dieses Mal?

Ein bisschen von allem. Es geht viel um Liebe. Liebe kann schmerzhaft sein und „Bitter Sweet“. Als ich mit dem Schreiben begann, hatte ich aus irgendeinem Grund Liebeskummer. Nicht etwa, weil mir jemand das Herz gebrochen hatte, aber mein Herz war irgendwie dabei, sich von dem Liebeskummer zu erholen, den ich im Laufe meines Lebens erfahren habe. Mir tut es immer gut, Musik zu machen, wenn ich den Blues spüre, denn das ist es, was mir wieder auf die Spur hilft. Wenn ich schlecht drauf bin, muss ins Studio.

Du hast vorhin deine Tochter erwähnt. Hat sie ein Lieblingslied auf dem Album?

Sie liebt das Stück „A Year Ago“. Als sie noch ganz klein war und viel geweint hat, habe ich ihr die ersten Zeilen des Liedes immer vorgesungen und sie hat sofort aufgehört zu weinen.

James Arthur ist aktuell auf Deutschlandtour, weitere Termine stehen im Sommer an. Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

James Arthur live 2024
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