Bild: Philipp Nürnberger
Mit ihrer „Thirty! Rough and Dirty“-Tour und ihrem neuen Album „Open Your Mind And Your Trousers“ feiern Scooter dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum. Dass es die Band so lange geben würde, hätte Frontmann H.P. Baxxter bei Gründung Mitte der Neunziger selbst nicht gedacht – denn angefangen hat alles als Remix-Projekt. Heute kann der 60-Jährige sich gar nicht mehr vorstellen, aufzuhören. Im Interview erinnert er sich an den ersten Scooter-Auftritt auf einer BILD-Party, spricht über die Vorzüge des Landlebens – und die tiefere Bedeutung hinter „Open Your Mind And Your Trousers“…
H.P. Baxxter: Wir haben unser Set angepasst, so dass es dem Titel gerecht wird: 30 Jahre! Dafür holen wir ein paar Sachen aus der Versenkung, die wir ewig nicht gespielt haben. Es gibt aber natürlich auch Singles, von denen die Leute erwarten, dass wir sie spielen, und bei einigen Titeln, zum Beispiel „How Much Is The Fish?“ oder „Call Me Mañana“, ist uns aufgefallen, dass das Playback inzwischen schon ein bisschen angestaubt wirkt. Wir haben uns viel Mühe gegeben, diese Songs soundlich etwas aufzufrischen, ohne den Charakter zu gefährden. Außerdem bringen wir fette LED-Wände mit, da bin ich selbst gespannt, wie das am Ende aussieht. Und es wird natürlich wie immer Tanzchoreografien geben.
Ich habe da lange Zeit gar nicht richtig drüber nachgedacht. Man steckt so in seinem Rhythmus aus Touren und Alben drin, dass ich selten zurückgeblickt habe. Als wir dann aber an unserer Doku „FCK 2020 – Zweieinhalb Jahre mit Scooter“ gearbeitet haben, die Anfang 2023 ins Kino kam, passierte schon viel Vergangenheits-Bewältigung, in Anführungsstrichen. Wir haben unsere ganze Geschichte noch mal aufgerollt und dabei wurde mir bewusst, dass das echt eine sehr lange Zeit ist. Und ich merke es auch jedes Mal, wenn ich meinen Neffen sehe: Es gibt ein Foto, auf dem er als Baby die „Hyper Hyper“-CD in den Händen hält – und mittlerweile ist er mit seinem Studium fertig. Das ist schon verrückt (lacht).
Niemals! Ich habe mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Am Anfang war alles so aufregend, da haben wir uns eigentlich nur damit beschäftigt, wie wir das jetzt fortsetzen, um nicht als One-Hit-Wonder in die Geschichte einzugehen. Also wir haben uns immer angestrengt, aber nach „Hyper Hyper“ waren wir gefühlt nur im Studio, weil wir uns gesagt haben: Jetzt geht es los! Wir haben jeden Tag, auch Samstag, Sonntag und an Feiertagen, im Studio gearbeitet. Die Technik war damals auch noch nicht so weit und gefühlt wurde die Hälfte der Zeit damit verbracht, irgendwelche technischen Probleme zu beheben, weil alle 20 Minuten der Rechner abstürzte (lacht).
Von Celebrate The Nun haben wir uns damals ja bewusst verabschiedet. Weil wir uns gesagt haben: Wenn es nach zwei Alben, mehreren Singles und einer Zeit von acht Jahren nicht geklappt hat, dann wird der Durchbruch wohl nicht mehr kommen. Ich musste mir damals also was neues überlegen. Ich habe dann zwei Bewerbungen geschrieben: Bei einer Schallplattenfirma in Hamburg und bei einem Stadtmagazin in Hannover. Das Stadtmagazin hat abgesagt, die Plattenfirma Edel hat mich genommen. Und das ist schon ein Punkt, wo ich manchmal gedacht habe: Wenn es umgekehrt gewesen wäre, wenn ich bei dem Stadtmagazin in Hannover angefangen hätte, hätte es Scooter wahrscheinlich nicht gewesen.
Das war bei einer Szene-Party der BILD in Hamburg in der Disco Palladium. Wir hatten damals gerade unsere allererste Maxi-CD „Vallée de Larmes“ veröffentlicht. Scooter war für uns aber nur so ein Projekt. Wir haben uns als Produzententeam gesehen, das für andere Remixe macht und so Sachen. Der Song war eine Auftragsproduktion. Jens Thele wollte den damals für Edel signen, hat ihn aber irgendwie nicht bekommen und meinte zu uns „covert den mal“. Und als der Song raus war, wurden wir dann gefragt, ob wir auf der BILD Party spielen wollen. Ich wollte erst nicht, weil ich dachte was soll das? Wir haben nur zwei Instrumentaltitel und außerdem ist das doch nur ein Projekt. Der Veranstalter hat mich aber überredet und wir haben dann extra für die Party auf die Schnelle noch einen neuen Track komponiert – und das war die Basis von „Hyper Hyper“. Das ist also alles eher zufällig entstanden damals.
Mit Celebrate the Nun hatten wir glaube ich nur drei oder vier Auftritte, weil wir ja nie den Durchbruch hatten. Aber ich fand das schon immer toll und das war auch immer mein Antrieb. Ich habe in meiner eigenen Jugend selbst gerne Konzerte gesehen, später dann elektronische Sachen wie Depeche Mode. Und ich dachte immer eine Band ist nur lebendig, wenn sie auch auf der Bühne steht und nicht nur so ein Retorten-Projekt ist. Am Anfang hatte ich darüber viele Diskussionen mit Jens Thele, weil er immer meinte „eure Touren kosten nur Geld, da bleibt nichts hängen“. Aber dafür haben wir viele CDs verkauft. Früher war es ja so, dass die Konzerte eher die CD gepusht haben. Inzwischen ist es anders herum und man verdient nur noch mit den Shows. Von daher bin ich froh, dass wir da dran geblieben sind, denn über die Jahre sind unsere Shows und die Hallen immer größer geworden.
Eine der verrücktesten Shows war in der Mongolei. Das war zum 750. Jubiläum von Dschingis Khan (lacht). Die hatten da eine riesige Bühne mit einer riesigen LED-Wand und unsere Techniker waren den ganzen Nachmittag am Schimpfen, weil keiner wusste, wie das technisch funktioniert. Während der Show hatten wir drei Mal einen Stromausfall – zack war alles aus und wir mussten improvisieren. Und hinterher bei der Pressekonferenz, wo der Minister für Wirtschaft und Handel und ein paar höhere Politiker zu Gast waren, hat man uns dann auch noch mit den Scorpions verwechselt (lacht). Das war wirklich lustig. Ein Abenteuer, das man nicht vergisst.
Rock am Ring vor zwei Jahren war für mich etwas Besonderes. Ich habe das als Kind schon immer gesehen. Da traten halt die ganzen großen Rock-Bands auf, aber mit Techno oder mit Scooter hat man das natürlich nicht in Verbindung gebracht. Vor unserem Auftritt war ich auf jeden Fall nervös, aber dann sehr happy über die Reaktionen. Und diese Menschenmasse – das war schon echt gigantisch! Oder auch unser Auftritt auf dem Creamfields Festival in England, wo wir auf der Main Stage gespielt haben. Das ist eigentlich eher ein DJ-Festival, aber wir waren als Live-Act da. Das war auch sehr beeindruckend.
Ja, das ist schon seit einigen Jahren so – zum Glück. Irgendwann ist es auch einfach blöd, wenn immer wieder dieselben Witze gemacht werden und man denkt jetzt ist auch mal gut. Leider kann man das selber schwer beeinflussen. Aber ich glaube, wenn man lange genug am Ball bleibt, denken die Leute irgendwann „na dann muss ja was dran sein“. Man muss das einfach aussitzen, also so habe ich das gemacht (lacht).
Jein. Lampenfieber in dem Sinne meistens nicht. Ich kriege nur manchmal Panik, ob alles klappt. Die größte Sorge gilt eigentlich immer meiner Stimme. Denn auf unsere Crew kann ich mich total verlassen, der Sound ist immer super. Aber wenn du nach drei oder vier Shows heiser wirst, hast du ein Problem.
Am Anfang unserer Karriere gab es manchmal Totalausfälle. Da sind wir mit einem DAT-Rekorder in irgendwelche Diskotheken und plötzlich hat der mitten im Lied nicht mehr gespielt und die Leute haben alle „Buh“ gerufen – der Klassiker (lacht). Aber das war ganz am Anfang, 1994 oder so. Zum Glück ist sowas lange nicht passiert!
Wer unseren Film gesehen hat, der kennt ja unser Warm-up. So zwei Stunden vor jeder Show drehen wir unsere Monster-Anlage auf und es gibt ein paar Drinks. Das gehört eigentlich jeden Abend dazu – auch, weil ich das Gefühl habe, ohne so Warm-up könnte ich keine gute Show abliefern.
Naja, was für mich normal ist, ist für andere vielleicht absurd. Auf meinem Rider steht tatsächlich, dass ich gerne ein 0,3 Glas haben möchte, was schon für viel Aufregung sorgte. Aber ich trinke halt nicht gerne aus einem Eimer und auch nicht aus dem Zahnputzbecher, deswegen wünsche ich mir ein normales Longdrink-Glas. Ansonsten stehen da Sachen wie Eis, Getränke oder Tee drauf. Nach der Show trinke ich ja immer Ostfriesentee oder Schwarztee mit Milch und Zucker. Ich hab jetzt mal Manuka-Honig drauf geschrieben, der soll ja so gesund sein (lacht).
Auf jeden Fall, das ist sehr wichtig. Ich habe auch mal eine kurze Zeit in der Stadt gewohnt, aber das war mir alles zu hektisch und diese Parkplatzsuche würde mich in den Wahnsinn treiben! So komme ich nach Hause, die Pforte geht zu, alles ist safe, man hat seine Ruhe und kann machen was man will. Dieser Freiheitsaspekt ist mir sehr wichtig. Auch, dass ich, wenn ich am Wochenende mal nachts um vier nach Hause komme und noch Lust habe, laut Musik zu hören und einen Drink zu nehmen, das einfach machen kann, ohne dass irgendjemand etwas sagt. Und natürlich die Luft, wenn man morgens joggen geht, und das ganze Drumherum.
Ich vermisse eigentlich gar nicht so viel. Es ist eher umgekehrt und ich denke ‚hoffentlich geht’s bald wieder los‘. Zu Hause ist ja immer irgendwas zu tun. Irgendwas geht kaputt, die Handwerker kommen, Rechnungen müssen bezahlt werden. Wenn ich auf Tour bin, höre ich nichts davon! Alles ist gut, Friede, Freude, Eierkuchen. Alle kümmern sich um einen, das Frühstück steht da, das ist schon nett (lacht).
Solche Gedanken gibt es immer mal wieder – vor 10 oder 15 Jahren schon. Warum auch immer… Aber im Endeffekt – gerade nach so einer langen Pause wie jetzt – denke ich immer: was soll’s! Man kann sich das theoretisch immer so und so zurecht reden, wenn man ans Aufhören denkt, aber wenn ich auf mein Bauchgefühl höre, dann weiß ich, ich mache mir da nur was vor. Das ist genau wie diese Idee in Schottland irgendwo in den Bergen Schafe zu züchten. Das stellt man sich so toll vor, aber wenn du da dann wirklich sitzt, wochenlang nur Regen, mit deinen doofen Schafen (lacht) – ich weiß nicht, ob das dann noch so spannend ist. Also ich habe immer mal so Gedanken, aufzuhören, aber ich glaube nicht, dass das wirklich funktioniert.
Eigentlich nicht so direkt. Bisher haben sich diese Dinge meistens durch Zufälle ergeben. Heinz Strunk zum Beispiel habe ich durch die ARTE-Reportage „Durch die Nacht mit“ kennengelernt und daraus hat sich dann ergeben, dass er bei „How much ist the fish?“ live die Querflöte gespielt hat. Oder die Zusammenarbeit mit Finch – er hat uns gefragt, weil er gerne mal mit uns arbeiten wollte, und wir haben ja gesagt. Aber so Wunsch-Kandidaten hätte ich jetzt ad hoc nicht.
Ach, das sind ja ganz andere musikalische Welten, so dass ich dann denke es ist besser, jeder macht seinen Krempel.
Mit dem letzten Album „God Save the Rave“ hatten wir die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Rückblickend gibt es ja oft Sachen, die einen stören oder die man anders machen würde, aber „God Save the Rave“ war finde ich echt toll und stimmig. Wir hatten uns gerade eingegroovt in der neuen Besetzung – und dann kam 2023 Marc für Basti. Ich war zwischendurch nicht sicher, ob wir so den Anschluss finden, aber wir haben uns dann wirklich da reingekniet und ich muss sagen, dass Ergebnis ist echt gut geworden. Natürlich gibt es auf „Open Your Mind and Your Trousers“ wieder Hardstyle-Elemente, aber da sind auch neue Einflüsse wie Hyper-Techno.
Ich wollte irgendwas mit „Open Your Mind“ im Titel, aber das alleine ist langweilig. Irgendwann kam ich dann auf „Open Your Mind and Your Trousers“. Was ich damit sagen will ist im Grunde: „Make Love Not War“. „Open Your Mind and Your Trousers“ – also seid nicht so verbohrt und immer negativ, sondern werdet ein bisschen lockerer!
Ab 28. März 2024 sind Scooter auf „Thirty! Rough and Dirty“-Tour. Die Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.