Bild: Felix Aaron
Für Berq waren die letzten zwei Jahre nichts als ein Siegeszug. Kaum hatte er seine erste Single veröffentlicht, wurde der damals Achtzehnjährige zum Wunderkind erklärt und von Herbert Grönemeyer gelobt. Seitdem hat er mit Künstlern und Künstlerinnen wie Paula Hartmann, Schmyt, ENNIO und Jeremias getourt, ist bei „Inas Nacht“, im „ZDF Magazin Royale“ und zahlreichen namenhaften Festivals aufgetreten. Auf seine umjubelte EP „Rote Flaggen“ folgt nun endlich sein selbstbetiteltes Debütalbum, auf dem Berq seinen ganz eigenen Sound fortführt. Noch bevor er Ende des Jahres seine erste (und längst ausverkaufte) Headliner-Tour startet, trafen wir den 20-Jährigen zum Interview und sprachen unter anderem über freiwilligen Musik-Theorieunterricht, verrückte Field-Recordings und ungewollte TikTok-Viralität.
Berq: Ja, auf jeden Fall. Im Moment mehr denn je, denn in den letzten Wochen ist noch mal so viel passiert. Dieser noch mal neu entstandene Hype um meine EP „Rote Flaggen“ hat mich genauso überrascht wie die Leute. Das war nichts, was wir versucht haben zu forcieren. Im Gegenteil. Ich wollte eigentlich nie, dass es so eine krasse TikTok-Viralität um mich gibt. Dass das jetzt so perfekt vor diesem Album passiert, ist irgendwie… das kann fast gar nicht wahr sein.
Ich glaube ich kriege es ganz gut hin, mich nicht wahnsinnig zu machen und das, was ich tun wollte, nicht zu verändern. Mein Debüt ist ein sehr mutiges Album und ich glaube, dass viele Leute sich da früh verlieren, weil sie einen Performance-Druck spüren und sich dann die Musik verändert. Ich habe mir gesagt: „Ich probiere jetzt ein Album zu machen, das genauso ist, wie ich Musik machen möchte.“ Wenn es nicht ankommt, kann ich immer noch andere Musik machen. Aber ich habe mir rausgenommen, mutig zu sein und so komische Musik zu machen, wie ich möchte. Naja, und vielleicht hören die Leute, das irgendwie. Aber das erklärt für mich trotzdem noch nicht diese Dimension…
Der Wunsch war mit drei oder vier Jahren schon da. Ich durfte aber erst mit sechs anfangen mit Gitarrenunterricht, weil man das nicht früher tun soll, weil die Finger vorher noch zu schwach sind. Ich musste dann erst noch ins Instrumentenkarussell und alle Instrumente mal probieren – aber mit sechs durfte ich dann anfangen. Seitdem habe ich selber Songs geschrieben und alle Angebote, die es gab, aufgesaugt: Schulchor, Schulband, ein freiwilliger Musik-Theorieunterricht am Samstagvormittag an meiner Musikschule. Aber alles, um eigene Musik zu machen. Ich habe von Anfang an wenig nachgespielt. Deswegen bin ich auch kein unfassbarer Instrumentalist.
Das fragt sich meine Familie auch. Bei uns in der Familie gibt es niemanden, der Musik macht. Und ich glaube das macht es irgendwie auch ein bisschen besonders. Ich hatte niemanden, der mir Hilfestellung geben oder mich beeinflusst hat. Keinen Papa, der Chorleiter ist oder sowas. All das wirkt sich ja auf die Musik aus, die man später macht, aber ich war ein unbeschriebenes Blatt. Am Anfang ist deswegen auch sehr viel geschmackloses entstanden, aber irgendwann habe ich meinen eigenen Stil entwickelt und hatte die Idee für diese Musik, die ich jetzt mache. Die habe ich aber nur für mich im Keller gemacht, denn meine Freunde mochten das alle nicht. Statt für sie Rap-Beats zu produzieren, die mir aber keinen Spaß machen, habe ich dann meine erste EP geschrieben, um mich damit für den Studiengang Musikproduktion zu bewerben. Die Songs sollten nur mir und der Jury gefallen.
Nein, ich habe mich nie beworben. Dafür gefällt die EP jetzt ein paar mehr Leuten. Und nach und nach gefällt sie auch meinen Freunden. Ich glaube das ist so ein Phänomen: Wenn man sich irgendwie einen Namen gemacht hat, dann kann auch komische Musik eine Art Mainstream werden. Am Anfang hat auch die Musikindustrie gesagt „wir finden das cool, aber wir glauben nicht, dass das kommerziell Erfolg haben wird“. Aber dann macht TikTok einen Hit daraus und auf einmal finden es Menschen toll, die ich bisher überhaupt nicht in meiner Fanbase hatte – weil es den Stempel „viral Hit“ hat.
Der klassische Einfluss. Wir haben dort vor allem an klassischen Stücken gearbeitet. Mein Musiklehrer hat bei mir schnell gemerkt, dass ich vor allem selbst Musik machen möchte. Der Kurs schrumpfte immer mehr zusammen, von Anfangs 12 Leute auf irgendwann nur noch zwei. Wir haben dann irgendwann auch Stücke zusammen geschrieben, und was ich dabei gelernt habe, ist, dass nichts ohne Grund kommt in einem Stück, dass alles aufeinander aufbaut. Wenn es starke Brüche gibt, dann soll das genauso sein. Und meine Songs haben dabei eben auch etwas sehr klassisches, versteckt in einem Pop-Mantel.
Das war mit meiner Schülerband. Ich weiß gar nicht, warum ich in diese Band gegangen bin… eigentlich nur, weil ich Menschen kennenlernen wollte, die auch Musik machen. Aber als Schülerband spielt man ja nur Sachen nach und ich war ein Gitarrist, der nicht geübt hat. Wir hatten dann ein paar Auftritte in Banken und natürlich in der Schulaula. Irgendwann wurden wir zum Witz der Schule, weil wir acht Jahre lang oder so immer „Pretender“ gespielt haben. Egal ob Weihnachten, Einschulung oder Sommerfest, es wurde „Pretender“ gespielt. Wir hatten da schon gar keine Lust mehr drauf, aber unser Bandlehrer hat damals gesagt „eine Band, die erfolgreich ist, spielte ihre Stücke 60 Jahre, ihr spielt es seit vier, also stellt euch mal nicht so an“.
Ich glaube das war als Support für ENNIO. Ich habe ja erst ganz spät angefangen zu singen. Vor meinem ersten Konzert mit ENNIO hatte ich in meinem ganzen Leben vor keinen fünf Menschen gesungen. Das ist vorher alles nur alleine Zuhause passiert, im Geheimen. Und dann stand ich da bei ENNIO… Ich glaube ich habe 15 Sekunden durchgehalten, bis gar nichts mehr ging. Aber die Leute haben ganz doll geklatscht und gejubelt und dann habe ich es noch mal probiert. Die ersten fünf Stücke habe ich mich echt durchgequält, aber die letzten zwei Stücke hatte ich richtig Spaß. Das ist übrigens lange so geblieben, dass ich mir den Spaß auf der Bühne in den ersten 80 Prozent der Show erstmal mit quälen erarbeiten musste. Auf der Tour mit Schmyt hat sich das dann geändert. Ich habe damals sechs Shows hintereinander gespielt. Die erste Show in Kiel war wirklich schlimm, ich habe keinen Ton getroffen. Aber dann wurde es jeden Tag ein bisschen besser.
Spaß macht es immer dann, wenn die Stimme mitmacht. Meine Stimme ist etwas, wo ich sehr viel mit zu tun habe und auch viel Arbeit reinstecken muss, damit sie durchhält. Aber wenn die Leute richtig da sind und meine Stimme mitmacht, dann habe ich von der ersten Sekunde an die ganze Zeit sehr viel Spaß.
Wir haben mal eine Show auf irgendeinem Dorffest gespielt. Wir wurden da als Headliner angekündigt und haben viel erwartet. Vor mir hat noch eine Künstlerin aus dem Dorf gespielt und ich dachte die Menge rief die ganze Zeit „Berq, Berq“ – aber die Künstlerin hieß Lea und sie haben die ganze Zeit ihren Namen gerufen. Als wir dran waren, stand fast niemand mehr vor der Bühne! Wir haben es mit Humor genommen und ganz viele Konfettikanonen und sowas abgefeuert. Am nächsten Tage habe ich dann im Olympiastadion beim Superbloom Festival gespielt und es waren so viele Leute da – das komplette Kontrastprogramm! Vielleicht ist das meine Geschichte: Es gibt Tage, wo du vor drei Reihen in einem Dorf spielst, weil alle anderen hinten stehen und Wurst essen und Bier trinken und überhaupt keine Lust auf dich haben, aber man kann sich den Abend trotzdem schön machen und Spaß auf der Bühne haben. Und beim nächsten Auftritt sieht es dann schon wieder ganz anders aus und 15.000 Menschen rennen auf dich zu.
Die Leute erwartet glaube ich eine tolle Show. Dadurch, dass mein Album so viele cinematische Elemente hat, ist es ein sehr live-taugliches Album – was ich von mir gar nicht gedacht hätte, weil ich am Anfang ja so viel Angst vorm live spielen hatte. Und was die Lichtshow und so angeht, haben wir uns ein paar gute Sachen ausgedacht. Ich hatte irgendwie das Bedürfnis, zwischendurch auch Momente zu schaffen, die es kurz zu einer richtigen Show werden lassen. Es wird Momente geben, wo man wie auf einem Festival einfach zusammen singt und Spaß hat, aber auch Momente, in denen die Leute hoffentlich mit offenem Mund da stehen und sich fragen, wie das gerade funktioniert hat. So ein ganz bisschen Zaubershow auch.
Ich erwarte zum ersten Mal Menschen, die sich gesagt haben: „Ich gebe jetzt Geld aus, um Berq zu sehen“. Klar waren auf Festivals sicher auch schon mal Leute dabei, die sich wegen mir ein Ticket gekauft hatten, aber so eine eigene Tour ist etwas anderes. Ich glaube da ist eine andere Stimmung im Raum und die Shows werden bestimmt intensiver. Ich war neulich auf dem Release-Konzert von ENNIO und habe da gemerkt, was 500 Leute, die richtig Bock haben, in einem Club zusammen schreien können! Die waren so laut wie das Olympiastadion.
Doch, ich denke schon mit großer Vorfreude an die zweite Tour! Ich hätte mir für meine erste Tour manchmal eine größere Bühne gewünscht. Also gar nicht mehr Publikum, sondern eben einfach mehr Platz auf der Bühne. So mussten wir jetzt ein Bühnenbild bauen, dass in einen kleinen Club passt, aber auch auf einer großen Bühne nicht arm aussieht. Das hat die Showplanung etwas schwierig gemacht. Aber ich glaube wir haben es ganz gut hinbekommen und ich freue mich schon auf die großen Bühnen nächstes Jahr.
Sehr isoliert. Mein Produzent David Bonk und ich haben uns wirklich eingeschlossen. Das Studio, in dem wir aufgenommen haben, ist in einem Industriegebiet in Lüneburg. Wir waren da total abgeschottet. Die Songs sind also völlig ohne Einflüsse von Außen entstanden. Wir fanden beide diese Idee von dieser komischen Musik gut und dann haben wir uns da richtig hochgeschaukelt. Immer, wenn ich jemandem neue Songs zeigen musste, hatte ich richtig Angst, weil ich nicht mehr wusste, ob wir uns da vielleicht in etwas reingesteigert haben und das alles unhörbar ist. Aber ich glaube diese Isolation, und dass wir nicht ständig andere Meinungen eingeholt haben, war sehr wichtig für dieses Album.
Alles, was Drums sind und Rhythmus gibt, ist etwas, womit ich mich sehr schwer getan habe bisher, deswegen sind wir da immer auf die Suche nach sehr speziellen Sounds gegangen. Damit es einen Rhythmus gibt, aber nicht jemand immer nur auf ein Schlagzeug einprügeln muss. Für „Licht geht aus“ zum Beispiel habe ich aus einer Flasche getrunken. Diesen Sound haben wir dann noch ein bisschen entfremdet und schneller gemacht und das ist jetzt die Rhythmus-Struktur der Strophe. Das Tolle an Field-Recordings ist, dass man sie perkussiv einsetzen kann und sie immer ganz viel Charakter mitbringen.
Es geht immer noch viel um Liebe, mir war aber wichtig, dass sie nicht das ganze Album einnimmt. Ich glaube die Welt braucht kein Berq-Album, wo ich 15 Songs lang nur Herzschmerz habe. Im Grunde geht es um genau dieses Jahr, in dem ich gerade stecke. Ich bin ausgezogen, stehe jetzt auf einmal auf Bühnen, man hat jetzt auch manchmal so Erwachsenenprobleme, reflektiert Sachen. Und die meisten Menschen, die mir sehr wichtig sind, haben ihren Platz auf diesem Album bekommen: Meine Eltern, mein bester Freund. Also ja – es geht um alles, was in diesem letzten Jahr passiert und wichtig war.
Sehr weit oben auf meiner Wunschliste steht, irgendwann mal ein Konzert – vielleicht auch mit Orchester – in der Elbphilharmonie zu spielen!
Die beiden Tourneen von Berq sind bereits komplett ausverkauft. Tickets gibt es lediglich noch für sein Konzert beim Tollwood Festival in München. Wenn ihr über weitere Touraktivitäten von ihm informiert werden möchtet, meldet euch am besten für den Ticketalarm an.