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Interviews

Backstage mit Angus & Julia Stone: „Wir wollen die Leute in unser Wohnzimmer mitnehmen“

10.05.2024 von Nadine Wenzlick

Seit nunmehr 18 Jahren begeistert das australische Geschwisterpaar Angus & Julia Stone die Fans mit seiner Mischung aus intimem Folk und verträumtem Indie-Rock. Mit ihrem neuen Album „Cape Forestier“ kehrt das Duo nun zu seinen musikalischen Wurzeln zurück, denn stilistisch erinnern die Songs an ihre frühen Veröffentlichungen. Passend dazu soll auch ihre kommende Tour an alte Zeiten erinnern: Unter dem Motto „Living Room Sessions“ wollen Angus & Julia Stone den Spirit des Wohnzimmers ihres Elternhaueses aufleben lassen, wo sie mit dem musizieren begannen. Wir trafen die beiden vorab zum Interview und sprachen unter anderem über ihre Anfänge bei Open Mic Nights, eine denkwürdige Show in Ägypten und Tränen auf der Bühne.

Bild: Sean McDonald

Angus, Julia, eure bevorstehende Tour trägt den Titel „Living Room Sessions“. Was können wir uns darunter vorstellen?

Angus: Der Titel geht darauf zurück, wie alles angefangen hat. Unser Vater war Sänger in einer Hochzeitsband und Leiter der Schulband, dadurch hatten wir eine Menge Musikinstrumente im Wohnzimmer liegen. Wir haben viel damit experimentiert und schließlich auch unsere ersten EPs zuhause im Wohnzimmer aufgenommen. Die Idee bei dieser Tour war, die Bühne so einzurichten, wie unser Wohnzimmer damals aussah. Mit Sofas und Lampen wie bei uns Zuhause. Wir wollen die Leute in diesen Raum mitnehmen und Geschichten erzählen, die wir bisher noch nicht wirklich geteilt haben.

Es ist 18 Jahre her, dass ihr bei Open Mic Sessions eure ersten Bühnenerfahrungen gesammelt habt. Was habt ihr aus dieser Zeit mitgenommen und gelernt?

Julia: Wir haben eine Menge verschiedene Dinge gemacht, als wir anfingen mit der Musik. Wir haben zum Beispiel auch viel auf der Straße gespielt. Das ist eine großartige Sache, weil wir dadurch eine Menge über die Kunst der Performance gelernt haben. Die Leute gehen einfach nur spazieren, kaufen ein, und du stehst da und machst Musik. Uns wurde klar, dass die Leute sich nur darauf einlassen, wenn du wirklich daran glaubst, worüber du singst. Die Open Mic Nights hingegen waren in einem Pub, der ziemlich rau war…

Angus: Wir spielten immer in diesem Pub namens The Boathouse. Ein kleiner Jazzkeller, eine Spelunke, die sehr nautisch und schäbig war, aber eine lange Geschichte hatte mit Musikern, die dort aufgetreten waren und dann erfolgreich wurden.

Julia: In der Ecke stand diese winzige Bühne mit einer wirklich schlechten Sound-Anlage. Man schrieb dann seinen Namen auf eine Tafel und wartete. Die einzigen, die zuhörten, waren die Leute, die auch auftraten. Alles war ziemlich wild und rowdyhaft – aber irgendwann merkten wir: je leiser wir spielten und je mehr wir uns in unseren Songs verloren, desto leiser wurde der Raum! Ich will nicht sagen es wurde eine Technik, aber…

Angus: Gib doch nicht unser Geheimnis preis! (lacht)

Julia: (lacht) Das ist unser Geheimnis. Wenn wir in einem sehr lauten Raum spielen, spielen wir einfach ganz leise und es ist wirklich erstaunlich: Erst feiern die Leute eine große Party, doch dann fängst du an und irgendwann sind alle still.

Könnt ihr euch noch an euren allerersten Auftritt als Angus & Julia Stone erinnern?

Julia: Unsere erste Show als Angus & Julia Stone war ebenfalls im Boathouse. Wir sind dort anfangs immer getrennt aufgetreten: Wenn Angus spielte, habe ich ihn als Backgroundsängerin unterstützt und umgekehrt, und am Ende haben wir getrennt unsere CDs verkauft. Irgendwann meinte unsere spätere Managerin dann, dass wir mal zusammen auftreten sollten und sie einen der Chefs einer großen Plattenfirma ins Boathouse einladen würde. Kurz darauf haben wir unseren Plattenvertrag unterschrieben.

Angus: Das war ein sehr besonderer Abend, denn wir wussten, dass sich ein Label für uns interessierte und dass in dieser Nacht vielleicht etwas passieren würde. Wir hatten so lange und hart daran gearbeitet, live zu spielen, uns in Clubs zu schleichen und vor betrunkenen Leuten zu spielen. Als es dann so weit war, waren wir total aufgeregt, unsere Songs zu präsentieren. Das war ein wirklich schöner Moment.

Seitdem habt ihr unzählige Konzerte und große Festivals in allen möglichen Ländern gespielt. Gibt es Shows, die euch besonders in Erinnerung geblieben sind und die ihr nie vergessen werdet?

Julia: Wir haben mal in Ägypten gespielt, das war eine ziemlich verrückte Sache! Das war für jemanden, der Fan von uns war und ein Festival in seinem Hotel organisiert hatte. Wir hatten davor in der Türkei gespielt und wurden von dort in den Norden Ägyptens geflogen. Ich meine das war am Roten Meer. Das Wasser war azurblau, das Hotel wirklich unglaublich…

Angus: Aber auf der Straße standen Leute mit Maschinengewehren. Das war definitiv außerhalb dessen, was wir kannten!

Julia: Ja, es war eine wirklich ungewöhnliche Erfahrung! Wir sind durch einige der ärmsten Gegenden Ägyptens gefahren und dann kamen wir in dieses schicke Hotel, wo das Festival stattfand – und es war niemand da! Vielleicht 50 Leute hingen dort herum. Die Veranstalter fragten uns dann, ob es okay wäre, wenn wir unsere Show etwas später beginnen, weil irgendwelche Kids in Kairo davon gehört hätten und nach ihrem Feierabend um 17 Uhr in ihre Autos steigen und fünf Stunden fahren würden, um uns zu sehen. Also warteten wir bis 23 Uhr. Und tatsächlich kamen etwa 100 Kids im Konvoi aus Kairo! Wir haben schon mit Fleetwood Mac vor 40.000 Leuten gespielt, aber die Energie dieser Kids war unglaublich. Sie kannten jeden Song, jedes Wort!

Die Größe eines Konzerts und die Anzahl der Zuschauer sind also irrelevant.

Angus: Irgendwie schon, ja. Diese Show in Ägypten war besonderes, weil sie so unerwartet war! Das ist etwas, das man immer im Hinterkopf behalten sollte: Das Unerwartete erwarten! Es sind diese Art Momente, die uns besonders berühren – zu sehen, wie unsere Musik den Leuten Freude bereitet.

Im Laufe der Jahre habt ihr euch zwischendurch immer mal wieder Soloprojekten gewidmet. Macht es einen Unterschied, ob ihr zusammen oder allein auf der Bühne steht?

Julia: Ja, es ist eine ganz andere Show! Wenn wir zu zweit sind, übernimmt mal der eine und mal der andere die Führung, und wir können uns immer aufeinander verlassen. Bei meinen Soloshows bin die Hauptperson, das ist viel mehr Arbeit. Alle Augen sind auf mich gerichtet. Das ist auf eine andere Art schön, aber ich liebe es auch, mit Angus zu spielen – weil es sich einfach nach viel mehr anfühlt.

Angus: Wenn Julia und ich zusammen auf der Bühne stehen, ist da diese wirklich coole Chemie. Es fühlt sich so an, als ob man mehr in die Menge und in das Gefühl eintaucht. Es ist intim und das Gefühl, das sich bei mir einstellt, wenn wir zusammen spielen, hat etwas sehr Enges und Besonderes.

Kamen euch auf der Bühne schon mal die Tränen?

Julia: Ja, und es ist wirklich schwer, wenn das passiert! Es hilft auf jeden Fall, wenn Angus in solchen Momenten dabei ist, denn wir erkennen sofort, wenn es einem von uns nicht gut geht. Dann kann der andere mit dem Publikum reden oder sowas, so dass man sich kurz sammeln kann. Unsere Songs bringen viele persönliche Dinge zur Sprache und das kann sehr intensiv sein. Aber auch das Publikum und die Art, wie es reagiert, kann manchmal ein sehr intensives Gefühl hervorrufen. Man muss eine Balance finden, einerseits genug davon zuzulassen, um sich verbunden zu fühlen, und andererseits keinen Nervenzusammenbruch auf der Bühne zu bekommen!

Ihr habt einen Song für euren verstorbenen Großvater geschrieben, einen anderen habt ihr auf der Hochzeit eurer Mutter performt. Wie kontrolliert man denn in solchen Momenten auf der Bühne seine Emotionen?

Angus: Ohne die Magie zerstören zu wollen, aber ich denke es gibt eine Technik: Wenn man sich darauf konzentriert, dass man es auf die bestmögliche Art und Weise vorträgt, es aber trotzdem von Herzen kommt. Aber es kommt auch immer drauf an. Jeder Tag ist anders, jeder Morgen ist anders. Was man durchmacht, ist von Jahr zu Jahr anders. Und das gilt auch für das Spielen von Shows. Manchmal kann man auch einfach alles rauslassen und das ist okay.

Julia: Wenn ich anfange, emotional zu werden, versuche ich immer zu denken: „In dieser Show geht es nicht um mich, es geht um die Leute.“ Die Leute sind gekommen, haben ihr gespartes Geld ausgeben und…

Angus: Wollen dich nicht weinen sehen (lacht).

Julia: Genau. Also ich bin mir sicher, dass sie nichts gegen ein paar Tränen haben, aber man sollte vielleicht nicht völlig zusammenbrechen.

Was macht ihr, wenn eure Show vorbei ist und ihr von der Bühne kommt?

Angus: Kommt darauf an, welcher Tag der Woche es ist. Aber meistens tut ein bisschen Ruhe gut. Weil es so intensiv ist, was man erlebt hat. Man sollte sich erst mal einen Moment Zeit für sich selbst nehmen und durchatmen – und dann kann man rausgehen und feiern, was man gerade erreicht und mit einer wunderschönen Stadt wie vielleicht Paris oder Berlin geteilt hat. Orte, von denen man nie gedacht hätte, dass man dort mal spielen würde.

Julia, du hast vorhin eure Show mit Fleetwood Mac erwähnt. Angus, du hast letztes Jahr in Australien mit Post Malone gespielt. Gibt es jemanden, mit dem ihr euch die Bühne gerne noch mal teilen würdet?

Julia: Wir hatten das Glück, dass wir schon mit vielen Leuten zusammenarbeiten durften, die uns inspiriert haben, wie zum Beispiel Fleetwood Mac und Crowded House. Wir haben Paul Kelly supportet und Shows mit Ben Harper und Donovan Frankenreiter gespielt. Musiker, die wir als Teenager selbst gehört haben. Wir sind Teil einer Gemeinschaft geworden, die wir wirklich respektieren und bewundern. Wir hatten so viel Glück und so viele wunderbare Gelegenheiten und Unterstützer – von Fran Healy, der unsere erste Platte produziert hat, bis hin zu Rick Rubin. All diese wunderbaren Leute tauchten einfach auf. Wir hätten mit all dem nie gerechnet – deswegen will ich gar nicht damit anfangen, auf irgendetwas bestimmtes zu hoffen. Das Leben war bisher so gut zu uns und ich habe das Gefühl, wer auch immer als nächstes auftaucht und uns bittet, mit auf Tour zu kommen, wir werden einfach sagen: Wow!

Am 20. Mai starten Angus & Julia Stone in Köln ihre „Living Room Sessions“-Tour. Alle Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.

Angus & Julia Stone live 2024
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