Bild: Rene Gaens
Mit über vier Jahrzehnten auf der Bühne, fast 50 Alben und über 500 Songs gehört Heinz Rudolf Kunze längst zu den prägenden Stimmen der deutschen Musiklandschaft. Doch an Rückzug denkt der 68-Jährige keineswegs – im Gegenteil: Sein neues Album „Angebot und Nachfrage“, das am 12. September erscheint, bildet den Abschluss einer kreativen Trilogie mit dem Produzent Udo Rinklin. Im Interview spricht er über die politische Verantwortung von Kunst, persönliche Heimatlosigkeit, seinen ewigen Dialog mit Bob Dylan – und darüber, warum er sich auf der Bühne heute wohler fühlt denn je.
Im Herbst 2026 geht Kunze gemeinsam mit seiner Band auf „Angebot und Nachfrage Tour“. Die genauen Termine findet ihr weiter unten. Tickets bekommt ihr ab Freitag, den 12. September 2025, um 12 Uhr auf www.eventim.de.
Heinz Rudolf Kunze: „Angebot und Nachfrage“ ist der dritte Teil meiner Zusammenarbeit mit Udo Rinklin, meinem noch relativ neuen Produzenten aus dem Schwabenland. Genau genommen ist es schon unsere vierte gemeinsame Produktion, wenn man meine Best-of-Platte „Werdegang“ mitzählt – aber das war ja nur eine Neudarstellung alter Stücke. Meine ersten beiden Alben mit Udo, „Der Wahrheit die Ehre“ und „Können vor Lachen“, stiegen auf Platz 3 und 4 in die Charts ein. Wir hoffen jetzt natürlich auf noch mehr, denn dieses neue Album zieht die Summe aus unseren bisherigen Erfahrungen. Wir haben dieses Mal wirklich alle Register gezogen. Und Udo ist nicht nur Produzent, sondern bei mehreren Songs auch ein wichtiger Mitkomponist, er fordert mich dadurch ganz neu heraus.
Der Titel ist natürlich ein Spiel mit dieser ökonomischen Redewendung. Er hat aber – wie meistens bei mir – eine doppelte Bedeutung. Ich sehe darin eine Mini-Definition von Kunst. Was macht denn ein Künstler? Er macht ein Angebot und dieses Angebot enthält eine tiefere Nachfrage. Er möchte wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Dieser Frage ist er immer wieder auf der Spur mit seiner Arbeit. Das ist für mich der tiefere Sinn dieser Redewendung. Aber natürlich gilt der andere auch: Ich mache ein Angebot und hoffe natürlich auf eine große Resonanz.
Das gelingt mir durchaus nicht immer! Eine Möglichkeit ist, sich künstlerisch damit zu beschäftigen. Es lindert den Problemdruck ein bisschen, wenn man das Gefühl hat, es ist einem zumindest die Formulierung des Problems ganz gut gelungen. Aber das entlastet natürlich nicht auf Dauer. Letzten Endes ist die einzige Hoffnung, die wir haben, dass unseren Kindern und unseren Enkeln irgendwelche Dinge einfallen, die uns nicht eingefallen sind. Wir wollten als Generation die Welt verbessern, aber wir sind nicht weit damit mitgekommen. Also hoffen wir, dass unseren Kindern und Enkeln das gelingt, was uns versagt blieb.
Wir hinterlassen die Welt in einem chaotischen, unübersichtlichen, hochbedrohlichen Zustand. Die Probleme haben eine Komplexität, die eigentlich eine Weltregierung erfordern würde, aber von der sind wir Lichtjahre entfernt. Insofern hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln eine verdammt schwere Aufgabe.
In dem Song geht es um heimatlose Menschen. Ich versuche, mich in das Gefühl hineinzuversetzen, ohne Wurzeln leben zu müssen. Meine Eltern kann man im weiteren Sinne als Vertriebene bezeichnen – allerdings waren sie weiße Deutsche, Christen, also kulturell nicht so fremd wie viele andere, die in völlig andere Welten geraten. Ich selbst bin einfach oft umgezogen und habe deshalb zwar eine Herkunft, aber keine echte Heimat. Wenn überhaupt, dann wäre das Osnabrück, wo ich den Großteil meiner Jugend verbracht habe, bevor ich in den Raum Hannover gezogen bin. Ich habe Kollegen wie Reinhard Mey, Wolfgang Niedecken oder Konstantin Wecker oft um ihren Kiez beneidet. So etwas kenne ich nicht.
Ich spreche auf ganz vielen Platten mit ihm und bin ein bisschen deprimiert, wie selten das entdeckt worden ist! Inzwischen gebe ich Hinweise, damit die Leute das wissen (lacht). Also ich führe eine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit ihm und reagiere ganz oft auf seine Lieder. Natürlich nicht, indem ich sie platt eins zu eins wiederhole, sondern indem ich die Fragen, die er sich stellt, in meinen Liedern aufgreife und neu spinne. Er ist einfach jemand, der für mein Empfinden genau meine Arbeit auch macht und ich bin bis in die Haarspitzen in ihn und sein Werk versunken.
Es ist sehr einseitig – wie mit dem lieben Gott (lacht). Ich habe zwar schon einige große Helden meines Lebens treffen dürfen, aber Dylan gehörte bisher leider nicht dazu.
Nö! Siehst du doch (lacht). Ich habe das Glück, dass mir Schreibkrisen völlig unbekannt sind. Und es ist eine seltsame Entwicklung, dass ich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr statt weniger schreibe. Das Gegenteil ist also der Fall. Als ich 1981 angefangen habe, hatte ich vielleicht dreimal so viele Songs für ein Album, wie ich brauchte. Heute habe ich dreitausendmal so viele.
Meine erste Tour spielte ich im Herbst 1981. Es waren glaube ich 20 Konzerte geplant, aber es fanden wegen mangelnder Nachfrage nur 16 statt. Aber während ich in Städten wie Bielefeld vor 73 Hanseln spielte, war in Hamburg die Markthalle ausverkauft – weswegen ich Hamburg und der Markthalle immer dankbar sein werde! Den allerersten Live-Auftritt hatte ich im Frühjahr 1981 in der Fabrik in einer Fernsehsendung des NDR. Vorher hatte ich als Student ein paar Mal in Kneipen und so gespielt – aber das waren vielleicht insgesamt 20 Auftritte oder so, mehr nicht. Ich hatte keine Amateur-Karriere.
Ja, am 9. November 1980 beim Pop-Nachwuchs-Festival der Deutschen Phonoakademie in Würzburg. Da bekam ich den ersten Preis in der Sparte „Folk, Lied, Song“ und bekam Angebote von allen deutschen Major-Plattenfirmen. Alle haben bei mir Schlange gestanden. Das war eigentlich eine Märchengeschichte.
Im August 1989, unmittelbar vor der Wende, spielte ich ein Konzert in Leipzig, wo mich 60.000 Menschen sehen wollten. Da fühlt man sich dann schon so ein bisschen wie der Papst und Bruce Springsteen gleichzeitig. Denkwürdig war auch mein Auftritt in der Markthalle, nachdem ich „Dein ist mein ganzes Herz“ herausgebracht hatte. Ein Zuschauer, der mir diesen Hit nicht gönnte, warf damals ein blutendes Rinderherz auf die Bühne. Heute kann man darüber lachen, aber damals fand ich es einfach nur widerwärtig und auch ignorant.
Ja, 1987. Wir hatten zwei goldene Platten hintereinander gehabt, also weit über 500.000 verkaufte LPs in zwei Jahren. Das war Grund genug, uns zu Rock am Ring einzuladen. Das einzige Mal, dass ich in den Vereinigten Staaten spielen durfte, war im Goethe-Institut in Boston – vor amerikanischen Studenten, die alle extrem gut Deutsch sprachen. Das hat großen Spaß gemacht. Und der beklemmendste Auftritt war im wahrsten Sinne des Wortes in Merkers im Bergwerk, wo sich 500 Meter unter der Erde eine kathedralenartige, große Höhle befindet. Mit dem Bewusstsein von hunderten Metern von Stein über dem Kopf ist da die Stimme doch etwas gepresst.
Das kenne ich kaum. Die letzten Jahre waren eine solche Woge von Zustimmung, egal ob ich solo spiele oder mit der Band. Ich habe es verlernt, vor einem Publikum zu spielen, das schlecht reagiert. Früher hat es das sicherlich mal gegeben, und dann war man natürlich gekränkt, verletzt und irritiert, weil man sich dann fragt, was man falsch gemacht hat. Aber das ist wirklich ewig her. Wir gehen seit ein paar Jahren wie auf Wolken.
Wenn die Menschen genauso reagieren, wie ich das erhofft habe. Also wenn sie bei den leisen Momenten wirklich mucksmäuschenstill zuhören und da, wo es abgeht, die Sau rauslassen und feiern. Bei meinen Konzerten ist beides möglich und ich fordere mein Publikum eigentlich immer auf, die ganze Palette von Gefühlen rauszulassen.
Vor kurzem erst, als ich in Osnabrück vor 10.000 Leuten am Tag der Niedersachsen gespielt habe. Ich bin da ja aufgewachsen und die Leute haben nicht aufgehört, „Wenn du nicht wiederkommst“ zu singen. Ich habe dann gesagt ‚ich war nie weg von euch“ – und dann brachen bei mir alle Dämme!
Ich kenne das selbstverständlich, aber ich habe das heute nur noch, wenn ich unter ungeklärten Umständen auftreten muss, also wenn ich technischen Bedingungen ausgesetzt bin, die ich nicht unter Kontrolle habe. Zum Beispiel auf Festivals, wo ich nicht meine Crew habe, wo ich nicht weiß, wer der Mischer und der Monitormann ist, ob mein Teleprompter funktioniert. Ich kann mir ja keine Texte merken! Wenn ich mit meinem Team unterwegs bin, habe ich praktisch kein Lampenfieber.
An meiner Band. Wir mögen und helfen einander auf so unglaubliche Weise. Unser Bassist Stefan Gade hat vor ein paar Wochen sehr schön gesagt: Eigentlich gibt es in jeder Band mindestens einen, der toxisch ist. Der mit den anderen nicht klarkommt und für Stunk und Ärger sorgt. Das ist eine Art Naturgesetz. Aber wir haben das nicht. In der Vergangenheit gab es das, aber dieses Team kennt das nicht. Wir sind im Moment der FC Bayern München mit Engelsflügeln.
Naja, einige habe ich ja schon abgearbeitet. Zum Beispiel meinen Freund Tobias Künzel von den Prinzen, mit dem ich ein Album unter dem Namen KuK gemacht habe – Kunze und Künzel. Einige Kollegen haben meine Lieder auch für das Album „Ich bin“ gesungen: Joachim Witt, Hartmut Engler und Purple Schulz, Pe Werner, Julia Neigel, Reinhard Mey, Hermann van Veen. Aber klar, die großen elektrischen Erzähler wären natürlich alle willkommen. Ray Davis oder Bruce, Neil und Bob – denen würde ich die Studiotür nicht vor der Nase zuschlagen!
Sehr schwer! Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, immer die Hälfte der Songs vom neuen Album zu spielen – das ist mein Gesetz und das bin ich dem Album schuldig. Sonst hätte ich gleich eine Oldie-Tour ankündigen können. Natürlich gibt es auch Nummern, die das Publikum erwartet. Dann habe ich vielleicht noch ein Viertel übrig für Songs, die ich gerne mal wieder spielen will. Die Auswahl mache ich immer mit meinem Schlagzeuger Jens Carstens. Ich schütte ihm einen Sack an Titeln aus, und er baut daraus die Reihenfolge. Er hat ein besonderes Händchen für Dramaturgie und weiß genau, wie die Songs eine schöne Berg- und Talfahrt ergeben. Laut, leise, schnell, langsam, politisch, privat, lustig, traurig – er bringt das virtuos zusammen.
Widerspruch gibt es nicht, aber ich glaube schon, dass die Leute die Erwartung haben, dass ich mich klar positioniere. Sie wissen ja auch aus der Vergangenheit, dass ich das nicht mit irgendwelchen Sprechblasen tue, wie leider viele Kollegen, sondern dass ich es in meinen Liedern tue. Ich finde, das gehört in die Arbeit hinein. Es gibt so viele Leute, die nur Tralala und Rosarot von sich geben. Da darf es ja wohl auch mal den einen oder die andere geben, die was anderes singen.
Es bedeutet, dass mein Leben weitergeht – denn auf der Bühne zu stehen, ist ja mein Leben. Seit 44 Jahren ist es mein Beruf, der quasi deckungsgleich ist mit dem, was ich am liebsten mache. Wer kann das schon von sich sagen, einen Beruf zu haben, der absolut seinen Neigungen, Wünschen, Bedürfnissen und Träumen entspricht? Ich tue genau das, was ich tun will. Und wenn der Kontakt zum Publikum wegfallen würde, würde mein bisheriges Leben enden. Ich bin mit Leib und Seele ein performender Künstler. Ich könnte mir nicht vorstellen, nur im Studio zu arbeiten. Die Bühne ist der logische Endpunkt einer Albumentstehung. Ich will wissen, was die Menschen damit anfangen können und natürlich auch den Applaus hören.