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Rock

SANTIANO im Interview zum „MTV Unplugged“ Album und der großen 2020-Tour

18.10.2019 von Ben Foitzik

Heute ist es frisch vom Stapel gelaufen, das „MTV Unplugged“ von Santiano, welches die Nordlichter im Juni 2019 an zwei Abenden in der Kulturwerft Gollan in Lübeck aufgezeichnet haben. Damit kommt nun also endlich auch der Rest der Fan-Crew, der seinerzeit nicht mit an Bord sein konnte, in den Genuss dieses stimmungsvollen Events. Erhältlich ist der neue Santiano-Schatz auf Blu-ray oder DVD und in der Audioversion als CD oder Vinyl. Und natürlich im Stream:

Zur Feier des Stapellaufs haben wir uns mit zwei der Santianos getroffen, um mit ihnen über das Erlebnis „MTV Unplugged“ und die Ende März in See stechende „MTV Unplugged“-Tour von Santiano zu parlieren. Hans-Timm „Timsen“ Hinrichsen und Axel Stosberg standen Rede und Antwort und plauderten aus dem Santiano-Nähkästchen. Garantiert ohne Seemannsgarn, versprochen!

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"Zwischen dem ersten und dem dritten Lied rasten die Leute bei uns einfach immer aus."

[ SANTIANO ]

 


Ahoi, ihr beiden! Santiano sind jetzt Teil der illustren „MTV Unplugged“-Familie. Welche Konzerte in der mittlerweile 30-jährigen Geschichte des Formats haben euch besonders begeistert?

Axel: Ganz klar Eric Clapton. Alle saßen damals mit offenem Mund da und sagten „Was ist das denn für ein geiles Konzept?“ Und es hat sich auch noch tierisch angehört und man war so dicht dran. Es war einfach cool, ich fand’s hammergeil.
Timsen: Es war mal was Neues damals, dass man seine Songs noch mal in ein anderes Gewand kleidet. Das haben dann ja auch über die Jahre viele gemacht.
Axel: Und es war halt direkt. Heute ist es ja so, dass man das auffüllt mit einem Orchester und Gästen. Damals hat man der Band einfach nur den Stecker gezogen und akustische Instrumente in die Hand gedrückt.

Das Wort „Ritterschlag“ wird im Kontext von „MTV Unplugged“ ja gerne mal überstrapaziert, aber das Format ist sicherlich immer noch etwas Besonderes, oder?

Timsen: Ja klar, wenn du hörst, dass du ein „MTV Unplugged“ machen darfst, ist das natürlich ganz was Besonderes. Das gehst du auch nicht so an, dass du denkst „Das machen wir mal nebenbei“, sondern da setzt man sich wirklich mit seinem Team zusammen und dann wird was zurechtarrangiert und -geschustert und noch mal geprobt und so weiter und so fort. Und wenn es dann so weit ist und zur Aufführung kommt und du dann da vor Ort mit dem Orchester verheiratet wirst… vorher spielst du ja nicht mit so einem Riesen-Orchester zusammen, weil das viel zu aufwändig ist… also da kannst du dann schon mal die ein oder andere Träne verspüren, die dir dann die Backe runterläuft.
Axel: So ein Unplugged ist eine multiple, schwierige Sache. Die Songs werden umarrangiert, das musst du dir erst mal alles merken. Und dann musst du gucken, dass du bei der ganzen Sache auch noch gut aussiehst… aber die Kameras musst du zugleich auch wieder vergessen. Das ist wirklich schwierig für Körper, Geist und Seele. Man setzt sich nicht einfach hin und macht das, sondern da kommen ganz viele kleine Bausteine, die stressig sind. Das ist wahnsinnig aufregend, eine Herausforderung.
Timsen: Es haben ja auch schon so viele gemacht und die haben alle super Produkte abgeliefert, da willst du ja nicht der Loser sein. Unser Unplugged sollte natürlich auch so gut werden, wie es geht.

Kann man solche Shows dann als Künstler überhaupt genießen?

Axel: Es ist schwer. Wenn man mal ganz ehrlich ist, fällt da schon eine Menge Last von den Schultern, wenn der letzte Ton verklungen und die letzte Klappe gefallen ist. Man hofft dann nur, dass ein gutes Produkt dabei rausgekommen ist. Mit dem Genuss ist es da schwierig... Genuss habe ich dann auf der Tour, wenn das Programm sitzt und man richtig abliefert und das zehn oder zwölf Mal gespielt hat. Dann beginnt der Genuss, wenn man loslassen und während des Songs überlegen kann „trinke ich heute nach der Show noch einen Rotwein oder einen Weißwein?“… Verstehst du, was ich meine? Das ist Genuss. Wenn man sich so freigespielt hat. Du kannst dich bei zwei Aufzeichnungen für „MTV Unplugged“ nicht freispielen. Du hoffst nur, dass du alles gut über die Bühne bringst und dass die dann ein gutes Produkt daraus zusammenbasteln. Muss man ganz ehrlich so sagen.
Timsen: Aber ich finde, das ist echt eine gute Frage, die hat sonst noch keiner gestellt. Du musst echt versuchen, bei den Premieren das Ganze zu vergessen, was um dich herum ist, die Kameras und das alles. Wie Axel schon sagt: Das richtige Genießen kommt nachher, wenn du mit dem Publikum interagierst und wenn das Programm bei den weiteren Gigs mehr so automatisch durch deinen Schädel geht und du mit den Leuten rumtüddeln und richtig Action machen kannst. Natürlich genießt du auch bei der Premiere das Ding, die Musik, und du freust dich, dass das läuft, und über jeden einzelnen Song, den du vielleicht ausnahmsweise mal gut gebracht hast (lacht). Grundsätzlich ist es aber besser, wenn das alles in Mark und Bein übergegangen ist.

Über die Gäste muss man natürlich auch sprechen – das ist schon eine geile Auswahl an Künstlern, die ihr da am Start habt. Habt ihr irgendwelche Kriterien gehabt, oder ist das einfach zufällig so gekommen?

Timsen: Na ja, zum einen willst da natürlich musikalisch interessante Gäste haben. Deswegen zum Beispiel auch Alligatoah, damit sich das da ein bisschen crossovermäßig mischt. Und dann musst du natürlich auch versuchen, dass du Gäste kriegst, mit denen du dich auch gut verstehst. Du kannst nicht zusammen Musik machen, wenn du dich nicht ausstehen kannst oder die Chemie nicht stimmt.
Axel: Es gab durchaus Wünsche von MTV, das muss man schon sagen. Nicht Vorgaben, aber Wünsche. Dann saßen wir natürlich auch mit unserem Management und unseren Produzenten zusammen und haben dann versucht herauszufinden, welches Feature das schönste und größte Crossover ist. Ich finde es ja immer schön, die Schubladen, in denen ja oft immer noch gedacht wird, einfach mal zusammenzuwerfen. Und es gibt ja fast keine Schubladen, die weiter auseinanderliegen als ein Deutsch-Rapper und eine Shanty-Rock-Gruppe. Wenn man die jetzt mal zusammenführt und auch mal die Fanbase zusammenführt und sich mal gegenseitig anguckt und sagt „Was ist denn da entstanden? Das kann ich mir ja gar nicht vorstellen, aber das hört sich irgendwie gut an“, dann kann man vielleicht die eine Gruppe auch interessant für die andere machen. Wenn da neue Synergien entstehen, finde ich das unglaublich spannend.

Bemerkenswert, dass ihr das überhaupt gemacht und euch darauf eingelassen habt. Der klangliche Kosmos und die Bildsprache von Santiano sind ja so eigen, dass es mit externen Einflüssen ja auch mal schwierig werden kann. Zuerst dachte man ja fast, dass sei eine Ente, als die News mit Alligatoah die Runde machte…

Axel: Er hat sich natürlich auch ein bisschen angepasst an unsere Songs und unsere Musikstruktur. Er ist ja bei uns bei Unplugged – wenn er mal ein Unplugged macht und uns vielleicht einlädt, würden wir uns wahrscheinlich in seine Richtung bewegen, was ja auch total spannend ist.

„Santiano – das Deutschrap-Album“?

Axel: Wäre mal lustig, warum nicht (lacht)?

Sicherlich aber auch ein schmaler Grat: „Ich sitz in einem Starbucks in Phuket“ passt ja erst mal nicht so gut zur Seefahrerromantik von Santiano.

Axel: Wir haben über die Rübe gekriegt dafür. Weil das auch nicht unbedingt verstanden wurde. „Ja, Starbucks, wieviel kriegt ihr denn bezahlt von denen?“ Die Ironie hinter den Sätzen ist irgendwie verloren gegangen, weil man sich das nicht ganz angehört hat. Man musste das erst mal aufklären, warum das ein gesellschaftskritischer Song ist. Das ist ja auch der Text von Alligatoah, der nur ins Santiano-Gewand gekleidet wurde. Und es passt eigentlich toll, viele Leute sind tierisch begeistert davon. Wir auch, das ist ein tierischer Ohrwurm.

Im Infosheet zum Album wird eure musikalische Offenheit damit erklärt, dass ihr als Seefahrer hinausfahrt und den ein oder anderen „musikalischen Schatz“ mitbringt, um ihn in euren Sound einzuarbeiten.

Axel: Das haben wir viel gemacht. Unser erstes Album heißt ja „Bis ans Ende der Welt“ – und da sind wir immer noch, wir sind immer noch auf der Reise bis ans Ende der Welt und räubern an allen Küsten, an denen wir vorbeikommen, einfach Sounds und Musikrichtungen. Ob es jetzt Country ist, ob es Folk ist oder so ein bisschen Reggae, der ja auch bei uns vorkommt… „Calypso“ und all diese Sachen, wir haben ja eine große Bandbreite an Musikrichtungen, die wir abdecken. Dadurch, dass wir einfach überall ein bisschen wildern und auf unserer Reise durch die Welt die Schätze mitnehmen und in unserer Musik verarbeiten. Und mit den Gästen hat das genau so funktioniert.

Wie würdet ihr die Stimmung an den Aufzeichnungsabenden in Lübeck bezeichnen, war das großartig anders als bei einem „normalen“ Santiano-Konzert?

Axel: Überhaupt nicht. Der Regisseur hat irgendwann darum gebeten durchzugeben, dass es vielleicht ein bisschen mehr piano sein darf. Zwischen dem ersten und dem dritten Lied rasten die Leute bei uns einfach aus. Sie stehen auf, die Sitzplätze spielen keine Rolle mehr, und danach wird zweieinhalb Stunden gefeiert. Der Funke springt einfach sofort über und das ist uns an den beiden Tagen auch passiert. Sensationelle Stimmung.
Timsen: Wir haben vorher auch gedacht, wir machen jetzt mal so ein ruhigeres Konzert, wo das so ein bisschen leiser abgeht und musiziert wird. Aber dann ging das gleich vom ersten Moment an ab.

Ich nenne das gern den "Santiano-Effekt". Ihr könnt ja sogar auf dem Wacken spielen und alle feiern euch ab. Macht euch das stolz, dass ihr so genreübergreifend akzeptiert werdet?

Axel: Absolut, und das von allen verschiedenen Richtungen. Dass wir jetzt auf dem größten Metal-Festival der Welt genau so akzeptiert werden wie von der Schlager-Fraktion, die uns ja schon ganz früh als Erstes ins Herz geschlossen hat. Dazwischen liegen Welten, weiter geht’s nicht – und wir können uns zwischen diesen beiden Galaxien bewegen und funktionieren da überall. Was Besseres kann’s doch gar nicht geben.

Stichwort „MTV Unplugged Tour 2020“: Da könnt ihr das ganze Konzept dann wahrscheinlich mehr genießen. Was dürfen von diesen Shows erwarten?

Axel: Das Orchester wird minimiert, wir schaffen es ja nicht, ein 36-Mann-Orchester auf die Tour mitzunehmen. Wir nehmen natürlich eine kleine Streicherfraktion und zwei, drei Zusatzmusiker mit, die auch beim Unplugged mitgespielt haben, um Sounds abzubilden, die sonst nicht anders möglich sind. Und dann freuen wir uns über den einen oder anderen Gast, der vielleicht gerne mitkommt auf Tour. Da werden wir aber nicht drüber reden, weil wir noch keine Namen nennen können.

Habt ihr darüber hinaus schon irgendetwas in Planung? „Im Auge des Sturms“ wird 2020 ja auch schon wieder drei Jahre alt.

Timsen: Man hat ja immer irgendwas im Schädel, wie es weitergehen und was wir machen könnten. Aber im Moment sind wir erst mal auf Promotour, dann muss das Produkt an den Mann gebracht werden sozusagen, und dann kommt die Tour und es wird auch noch Sommerkonzerte geben. Wie wir dann weitermachen, das ist alles noch nicht spruchreif.
Axel: Wie Timmy immer sagt: Wir fahren auf Sicht. Wir denken immer nur ein halbes Jahr im Voraus. Das tut uns gut und das ist auch sinnvoll. Wenn du zu weit nach vorne denkst und zwei Jahre im Voraus planst, raubt dir das einfach zu viel Energie und du verlierst dich im Hier und Jetzt. Die Kraft, die du für eine Sache vergeudest, die erst in anderthalb Jahren ist, die brauchst du im Hier und Jetzt. Und deshalb wird man mit uns im Januar vielleicht mal drüber reden, was dann im Herbst dran ist. So machen wir das schon seit fast acht Jahren und das funktioniert hervorragend. Wie gesagt: Wir segeln auf Sicht.

Na dann freuen wir uns auf die "MTV Unplugged"-Tour, die langsam am Horizont aufzieht. Vielen Dank für das Gespräch, Männer!

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