Bild: Jordan Curtis-Hughes
Es kommt nicht oft vor, dass man in einer großen Mehrzweckarena sitzt und sich fühlt, als sei man in einem Wohnzimmer. The 1975 allerdings gelingt dieses Kunststück, als sie am Dienstagabend in der Hamburger Barclays Arena den Auftakt ihrer Deutschlandtour feiern. Die britische Pop-Band nimmt das Publikum quasi mit in ihre vier Wände: Die aufwändige und extrem detailverliebt gestaltete Bühne sieht aus wie ein zweistöckiges Haus, inklusive funktionierenden Fenstern, Türen, Wendeltreppe und begehbarem Dach. Und wie gemütlich es drinnen ist! Zahlreiche Stehlampen sorgen zwischen den Vintage-Möbel für ein angenehmes Licht. Überall stehen Topfpflanzen und Blumenvasen. Ein altes Wählscheibentelefon und zahlreiche Röhrenfernseher, über die Bilder der Show flimmern, sorgen für noch mehr Retro-Feeling.
Zugegeben – für deutsche Fans waren die letzten Jahre ein bisschen frustrierend. Zuletzt auf Tour war die 2002 als Schülerband gegründete Gruppe hierzulande vor stolzen acht Jahren, kurz nach Erscheinen ihres zweiten Album „I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It“. Drei weitere Alben kamen seitdem hinzu, doch um Deutschland machte die Band auf ihren Tourneen immer einen Bogen – auch auf ihrer „The 1975 – At their very best"-Tour, die sie 2022 und 2023 rund um den Globus führte. Unter dem Motto „The 1975 – Still… at their very best“ ist nun endlich Deutschland dran. Und das Warten hat sich gelohnt, denn The 1975 präsentieren eine perfekte Show.
Alle Bilder: Jordan Curtis-Hughes
Unterstützt werden Sänger Matty Healy, Gitarrist Adam Hann, Bassist Ross MacDonald und Schlagzeuger George Daniel live von vier weiteren Musikern, unter anderem an Percussions, Saxophon, Gitarre und Keyboard. Der Sound ist großartig. In der ersten Hälfte der Show stehen Stücke ihres aktuellen Albums „Being Funny In A Foreign Language“ im Mittelpunkt. Das Tempo ist eher gedrosselt und Matty Healy – in Schlabberhose, Schlabberhemd und Converse – gibt sich höchst introvertiert. Er spricht kaum, schließt viel die Augen. Dazu raucht er Kette, trinkt immer wieder aus einer großen Weinflasche und einem Flachmann.
Danach wird es richtig theatralisch: Bei dem Stück „When We Are Together“ beginnen zunächst zahlreiche Bühnenhelfer in weißen Kitteln Pflanzen, Blumen, Teppiche und sonstige Dekorationen wegzutragen. Am Ende des Songs verlassen auch Healys Bandkollegen die Bühne, knipsen die Stehlampen aus, und Healy performt mutterseelenalleine die Ballade „Be My Mistake“. Über einen der Röhrenfernseher flimmern Ausschnitte aus TV-Nachrichten über ihn und dann krabbelt Healy in den Fernseher – nur um sich in der zweiten Hälfte des Konzertes in den extrovertierten Frontmann zu verwandeln, als den man ihn kennt.
Die Schlabberklamotten sind einer schicken schwarzen Hose mit weißem Hemd und Lederschuhen gewichen. Der in der Krise steckende Rockstar hat Platz gemacht für die Stage Persona, mit Hüftschwung und allem. „Ladies and Gentlemen, you’re watching The 1975 still at their very best“, ruft Healy und reiht gemeinsam mit seinen Bandkollegen anschließend Hit an Hit: „If You’re Too Shy (Let Me Know), „TOOTIMETOOTIMETOOTIME“, „It’s Not Living (If It’s Not With You)“, „The Sound“, „Somebody Else“, „Love It If We Made It“, „Sex“ und schließlich „Give Yourself A Try“ unterstreichen eindrücklich, dass The 1975 zu den besten Band des zeitgenössischen Pop gehören. In der zum Wohnzimmer gewordenen Barclays Arena herrscht längst Party-Stimmung. Zu Recht, bei dieser beeindruckend inszenierten Show.
Im Rahmen ihrer „Still… at their very best“-Tour machen The 1975 noch Halt in Berlin, München, Frankfurt und Köln. Die genauen Termine und Tickets findet ihr mit einem Klick auf den Button.