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Hip-Hop

Konträr wie Pyro und Darkness: DEICHKIND im Interview

29.01.2015 von Ben Foitzik

Sperrt die Straßen, flickt die Deiche, atmet die Musik - Deutschlands Electropunk-Hip-Hop-Crew des Wahnsinns, Deichkind, ist zurück mit "wunderschön' Melodien": Mit ihrem 5. Studioalbum "Niveau Weshalb Warum", das am 30. Januar im Handel detoniert, blasen die Hamburger Stylegranaten Kryptik Joe, Porky, Ferris und La Perla aka DJ Phono mal wieder zum Beat-Sturm auf die Bastille verkalkten Spießer- und Hipstertums. Wir sprachen mit Kryptik und Porky über die neue Scheibe, diskutierten über das Niveau von Deichkind und ließen uns in philosophische Scharmützel verwickeln, die wir gar nicht gewinnen konnten. Lesen Sie selbst - und denken Sie groß!

Keine Frage: 2015 wird Deichkind-Jahr! Nach Veröffentlichung ihres neuen Werks begeben sich die Deichkids im April auf ausgedehnte Tour durch die fetten Arenen des Landes - Tickets für die an einigen Orten (wie Frankfurt und Düsseldorf) bereits ausverkaufte Tour gibts hier. Wer mal wieder richtig vom zerrockten Clown zerfeiert werden will, muss da am Start sein.

Die Show kann jetzt beginnen. Und alle nur so "yeah!"


DEICHKIND:

"Wenn das Selbst verwirklicht wäre, würde es kein Deichkind mehr geben."

 



Im Titelsong des neuen Albums heißt es „Wer uns fragt, bleibt dumm“. Warum lohnt es sich trotzdem, euch zuzuhören?

Kryptik Joe: Weil wir die Auseinandersetzung mit dem Leben propagieren – und nicht die Antworten suchen. Wir sind ja auch eine sehr textlastige Band und intern immer im Diskurs zu Musik und Inhalten. Die innere Zerrissenheit, der innere Zweifel, der bei so einer kreativen Arbeit oder im Leben generell aufkommt, wenn du dir Gedanken über deine Zukunft machst... das ist der rote Faden. Und da gibt es anscheinend Leute, die unseren ironischen Blickwinkel auf die Welt interessant finden. Deswegen hören uns Leute zu, glaube ich. Oder?
Porky: Sorry, ich hab‘ nicht zugehört.

Wie entsteht denn ein Deichkind-Song auf lyrischer Ebene?

Porky: In der Psyche wühlen. Wühlen, wühlen, wühlen. Viel Gewühle ist das.
Kryptik Joe: Da ist viel Machen dabei, viel Output, viel Beobachten und Aufnehmen. Porky ist zum Beispiel eine Slogan-Maschine. Das fangen wir auf und integrieren es in einen Song.
Porky: Ich kann das aber gar nicht alleine umsetzen. Ich bin zwar ein ganz guter Musiker, würde ich sagen, aber wenn ich allein zu Hause Musik mache, kriege ich es gar nicht gebacken, meine eigenen Slogans zu verarbeiten. Ich hau das so nebenbei raus, merke es aber gar nicht – und Kryptik Joe bekommt dann lange Ohren, notiert das und macht was Geiles draus. Das ist dann auch ein Spiel und Zusammenarbeiten untereinander.
Kryptik Joe: Das Ausgewogene zwischen Chaos und Struktur. Das Chaotische ist interessant, aber du brauchst Struktur, um das rauszuhauen.
Porky: Ich hab‘ auch unglaubliches Glück gehabt, dass ich hier bei Deichkind gelandet bin, sonst wär‘ ich verglüht wie ein Polenböller, Alter. BAMM!

Und woher kam der Albumtitel?

Kryptik Joe: Das war’n Classic.
Porky: Der kam einfach so raus.
Kryptik Joe: Für sowas braucht Porky ein Kollektiv, eine kleine Plattform mit vier fünf Leuten, die das schnallen, was er bringt. Wenn’s mehr sind oder es zum Publikum geht, wird’s schwieriger – du bist zum Beispiel auch kein Improvisierer auf der Bühne.
Porky: Ich sag’s mal so: Henning und Phillip machen ‘ne Riesen-Paella. Und das Salz kommt von mir. Ne Riesen-Paella-Pfanne mit den geilsten Meeresfrüchten und edlem Reis in einer…
Kryptik Joe: … Kupferpfanne, die von Zwergen geklöppelt ist.
Porky: (lacht) Genau! Das machen alles die – mit dem ganzen Trara hab ich nichts zu tun. Von mir kommt nur das Salz dazu.

Deichkind – "So ’ne Musik"

Stichwort Niveau – wie ist das Verhältnis zwischen Deichkind und Niveau? Ich würde ja sagen: Hinter dem prolligen Balg verbirgt sich ein ziemlich cleveres Bürschchen.

Kryptik Joe: Na da hast du es doch eigentlich schon. Über Niveau zu reden, ist immer schwierig.
Porky: Ach, Niveau… das ist schon so zerfickt, Alter. Okay, ich versuch’s: Wenn etwas gar kein Niveau hat, dann… ist es scheiße. Aber sobald es so ein kleines bisschen, so ein Schamhaar Niveau hat, dann… hat es Niveau. Aber das ist auch so eine innere Zerrissenheit bei uns: Warum machen wir das alles? Hätten wir doch eigentlich auch beim letzten Album schon alles abernten können, noch mal die alte Show hingeknallt, „hier, gib her die Knosse, ich hau ab nach Mallorca, Alter.“ Niveau weshalb warum – warum wollen wir das geil machen? Ein Konflikt ist das!
Kryptik Joe: Ich glaube, man will sich unterbewusst auch einfach darstellen. Wir sind eigentlich Schausteller.

Rampensäue.

Kryptik Joe: Ferris is ‘ne Rampensau, aber Porky und ich sind keine Rampensäue. Sonst würde man mich in der Straßenbahn erkennen, glaube ich.

Vielleicht macht ihr es für die Selbstverwirklichung?

Kryptik Joe: Selbstverwirklichung, was heißt das denn?!
Porky: Okay, Selbstverwirklichung, was bedeutet dieser Begriff? Selbst – was ist das Selbst? Wenn das verwirklicht ist, dann machst du nichts mehr. Was ist das Selbst? Selbst ist das jenseits dessen, was du tust: dein Verstand, dein Körper, das Selbst, I am, das ist alles in dir. Etwas Spirituelleres als das Selbst gibt es nicht, das ist die Essenz, in der sich der Geist bewegt, weißte? Wenn du dich selbst verwirklicht hast, bist du nicht mehr da, dann gibt es kein Ich mehr.

Aber man entwickelt sich doch weiter, insofern ist der Prozess der Selbstverwirklichung ja immer im Flow.

Porky: Das Selbst ist immer gleich. Erinner‘ dich – als du geboren wurdest, was sind die ersten Erinnerungen, die du hattest?

Echt jetzt?

Porky: Ich will dir einfach nur sagen, was Selbstverwirklichung bedeutet. Was war da? Erinnere dich. Erinnere dich! Da kommt ‘ne Erinnerung… irgendeine Situation… was war da noch? Das, was sich jetzt auch immer noch gleich anfühlt. Was war da? Wo ist das? Wo ist ich? Sag es mir, antworte schnell, denk nicht nach. Nicht denken! Wo ist ich? Wo findet ich statt? Was war da?

Kein Plan. Vielleicht war da… Liebe?

Porky: Nein! Nein! Oder doch… ja, ja!

Ja was denn jetzt?!

Porky: Das ist der richtige Weg. Aber das Selbst ist immer gleich. Es gibt etwas in dir, das sich nicht verändert. Und wenn du dich an die ersten Momente erinnerst, dann ist da etwas gewesen, das jetzt auch da ist. Und das ist das Selbst. Und wenn du dich selbst verwirklicht hast, dann gibt es keine Ausschläge mehr. Dann ist es nur noch das Meer, und es gibt keine Wallung mehr. Wenn das Selbst verwirklicht wäre, würde es kein Deichkind mehr geben.
Kryptik Joe: Genial, Alter! So weit bin ich noch nie gekommen.

Okay, vergessen wir die Selbstverwirklichung. Wie siehts aus mit eurem Selbstverständnis als Band - hat sich das in den letzten Jahren verändert? Wie seht ihr euch heute, seid ihr Entertainment-Dienstleister?

Kryptik Joe: Ja, wir sind auch Dienstleister. Aber es gibt natürlich auch gewisse finanzielle Realitäten, die wir beachten müssen. Das ist auch ein Teil von Deichkind, der eine Rolle spielt – da ist ein Umsatzhaufen, der geregelt werden muss. Ne Show von Deichkind kostet wahnsinnig viel Geld und du musst wahnsinnig viele Leute unter einen Hut bekommen.
Porky: Aber das sind auch Umstände – Deichkind funktioniert auch klein. Durch den Erfolg und den Zuspruch der Menschen ist es so gekommen, aber wenn wir es runterfahren würden, könnten wir es auch noch machen. Wir können ja auch in kleinen Clubs spielen.

Ist diese fette Show denn überhaupt essentiell notwendig?

Porky: Das ist einfach ein Fässchen ohne Boden. Das ist so wie… Krebs.
Kryptik Joe: Wir verkaufen uns nicht aus, das ist kein Ausverkauf. Es ist Mainstream, weil wir inzwischen schon eine Größe von O2 erreicht haben, aber es ist nicht so, dass wir sagen „jetzt drücken wir den Knopf und jetzt gehts nur noch ums Geldabgrasen, dann ist irgendwann Schluss und wir machen den Laden dicht“. Es geht uns auch ums Weiterforschen – wir wollen sehen, was da noch kommt und wie wir uns selbst noch stoken oder toppen können. Deichkind soll weiter bestehen bleiben, auch in dieser Größenordnung. Ein Teil der Band ist auch sehr diszipliniert und will weiter nach oben.

Je größer man wird, desto mehr muss man ja abliefern. Wie wollt ihr eure Show denn noch toppen?

Kryptik Joe: Ach, das Problem hatten wir ja schon immer.
Porky: Das fragt man uns auch schon seit zehn Jahren. Aber wir wollen ja nicht die Show toppen, sondern einfach auch Elemente mit einbauen, die neu sind und mehr die Zeit reflektieren, in der wir leben. Wir sehen ja die Welt um uns herum und nehmen uns auch die Zeit dafür, die Welt zu sehen.
(… plötzlich wird Porky abgeordert, einen Phoner zu übernehmen) Swinger-Promo, Alter.
Kryptik Joe: Wir könnten die Show vermutlich jetzt zehn Jahre so weitermachen, aber das wäre für uns ja langweilig. Nach 60 Shows merkst du dann auch mal „hmm, irgendwie bin ich unkonzentriert, ich mach‘ immer das Gleiche und das nervt mich irgendwie“. Dann bricht man das ab, geht ins Studio, macht neue Musik und baut sich damit ein neues Spielzeug, eine neue Playmobil-Ritterburg auf.

Deichkind – "Denken Sie groß"

Kannst du schon Geheimnisse von der bevorstehenden Tour verraten?

Kryptik Joe: Ich kann da gar nicht so viel zu sagen. Ich weiß nur, dass DJ Phono auf Hochtouren mit unserem Ingenieursbüro Stephan Hübner an neuen Gerätschaften arbeitet. Da bin ich auch sehr gespannt, was da so passiert. Das Gute daran ist, dass wir das wirklich intern machen – die Ideen werden von denen umgesetzt, die sie gehabt haben, und nicht von einer externen Firma. Das ist eigentlich auch unser Markenzeichen. Viele große Bands, wie zum Beispiel Rammstein, haben ihre Firmen, die das für sie machen. Doch bei uns ist das alles intern. Wir haben eigene Tischler, eigene Schneider und so weiter. Das ist superviel Arbeit, aber irgendwie auch ehrlicher, weil es näher an einem dran ist. Wenn Madonna auftritt, ist das auch pompös und superfett, aber man merkt schon, dass das einfach auf den Künstler draufgestülpt ist.

Stichwort: Die Zeit reflektieren, in der ihr lebt. Das neue Album ist wieder stark von System- und Konsumkritik geprägt.

Kryptik Joe: Man sagt ja immer, dass Deichkind so ein Exzess ist – einfach loslassen und so. Aber letztlich ist Deichkind ja sehr textlastig – ich merke das immer, wenn ich zwei Stunden bei einer Show gesungen habe. Ich denke schon, dass wir dazu da sind, den Exzess, den Hedonismus und das Freisein auf der Bühne zu feiern, aber trotzdem ist da immer noch diese Textebene – es ist schon wichtig, dass man zuhört.

Würdest du sagen, dass das dem Gros der Deichkind-Fans genauso wichtig ist wie euch?

Kryptik Joe: Ich glaube, die Musik ist gar nicht mehr so wichtig inzwischen – der Inhalt ist schon wichtiger. Wenn du das erste Mal eine neue Deichkind-CD hörst, achtest du doch eher auf den Text als auf die Musik. Natürlich muss die irgendwie stimmen. Ich komme eher aus der Musik und schreibe eigentlich lieber die Musik als die Texte, aber ich habe doch festgestellt, dass der Text bei Deichkind ein superwichtiger Aspekt ist. Und dass man damit die Leute auch catcht. Ich glaube, wenn Deichkind ein Instrumental-Album machen würden… klar würde es da Leute geben, die sagen „coole Beats“, aber das ist letztendlich nicht das, was man von Deichkind erwartet.

Auf der einen Seite kritisiert ihr das System, auf der anderen Seite ernährt es euch aber auch. Wie schwierig ist dieser Drahtseilakt?

Kryptik Joe: Das ist ja eben die innere Zerrissenheit, die wir haben. Was heißt Zerrissenheit… wir leben ja sehr komfortabel, sind erfolgreich, Leute kaufen unsere Tickets und so weiter. Aber man denkt ja schon drüber nach, was man vorleben will… oder was eigentlich der Sinn des Lebens ist: Was mache ich eigentlich hier? Bin ich nur der Bespaßer oder kann ich den Leuten auch verklickern, was ich denke und welchen inneren Konflikt ich manchmal in mir trage, wenn es um kontroverse Themen geht? Uns ist wichtig, dass wir das auch so darstellen: Dass Deichkind nicht nur eine Partyband sind, sondern dass es auch wichtig ist, was da gesagt wird.

Ein weiteres Thema des Albums ist eine Art Social-Media-Sucht – die auch dafür verantwortlich ist, dass die Leute inzwischen oft gar nicht mehr raus vor die Tür gehen. Seid ihr davon auch selbst betroffen?

Kryptik Joe: Na klar. Ich merk das bei mir selbst, dass ich manchmal sinnlos im Netz rumsurfe auf der Suche nach irgendwas. Und irgendwann weiß ich dann gar nicht mehr, wonach ich eigentlich ursprünglich gesucht habe. Du musst darauf achten, dass du der Meister bleibst. Das Gerät ist der Diener – und nicht umgekehrt. Du darfst nicht zum Getriebenen werden, der alles wissen und überall was updaten muss. Da muss man sich disziplinieren.

Euer Appell an die Jugend wäre also: „Stecker raus, ab in die Welt!“, wie ihr es in „Like mich am Arsch“ fordert?

Kryptik Joe: Ja, auch, aber was heißt Appell. Wir haben keinen Appell…

Na dann. Danke für das Gespräch, liebe Deichkinder!


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