Bild: Anelia Janeva Bild: Anelia Janeva
Pop

„Kampfigel“ VANESSA MAI im Interview zum neuen Album „Mai Tai“

26.03.2021 von Ben Foitzik

Der Frühling ist da – Lust auf einen leckeren Cocktail? Dann hätten wir was für euch: Wie wäre es mit einem Mai Tai? Und dazu legt ihr euch einfach das gleichnamige neue Album von Vanessa Mai auf die Ohren, das so bunt und geschmacklich komplex ist wie der legendäre Tiki-Drink mit seinen Hauptbestandteilen Rum, Curaçao, Orgeat, Zuckersirup und Limettensaft.

Auf ihrem siebten Studioalbum, das gerade mal ein Jahr nach „Für immer“ kommt, springt Vanessa Mai endgültig aus jedweden Schubladen heraus, in die man sie in den vergangenen zehn Jahren gesteckt haben mag. Schlager? Pop? Hip-Hop? R’n’B? Ja, alles drin, wie sich das für einen ordentlichen „Mai Tai“ gehört! „Durch die Alben und Songs der letzten Jahre haben mein Team und ich mittlerweile alle Freiheiten der Welt“, erklärt Vanessa Mai die Vielfalt der neuen Platte. „Wir müssen keinen Erwartungen mehr entsprechen oder Zielgruppen bedienen, sondern können machen, worauf wir Lust haben.“

Vanessa Mai - Mai Tai


Sony Music

Angefangen mit dem beschwingten Party-Beat „Sommerwind“ und der sinnlichen Ballade „Leichter“ entwickelt sich „Mai Tai“ zum kunterbunten Trip durch unterschiedliche Stimmungen und Stile: Bei „Mitternacht“ setzt die Sängerin mit Gast FOURTY ihre Hip-Hop-Feature-Liste fort, „Augenblick“ und „Der Eine“ sind zuckersüße Powerballaden, „Morgenlicht“, „Ruf nicht mehr an“ und der Titeltrack erweisen sich als rasante Dancefloor-Kracher. Die mit Kayef geschriebene Piano-Ballade „Eine Sekunde“ geht mitten ins Herz, für „Landebahn“ hat sich Vanessa R&B- und Urban-Pop-Sänger Ardian Bujupi mit ins Cockpit geholt, und mit „Auf anderen Wegen“ präsentiert sie auf „Mai Tai“ auch ihr für das „Herzstück“-Projekt von Amazon Music aufgenommenes Cover des Hits von Andreas Bourani. Zum Abschluss gibt’s – quasi als alkoholfreie Mai-Tai-Komponente – den Song „Fort von hier“, den Vanessa zum Netflix-Animationsfilm „Die bunte Seite des Monds“ beigesteuert hat.

Buntes Album, buntes Interview

Im Interview zu ihrem bunten neuen Album sprachen wir mit Vanessa Mai natürlich über die Besonderheiten einer Albumveröffentlichung in Zeiten von Corona, über die musikalischen und inhaltlichen Ansätze von „Mai Tai“, ihre verschobene Tour, ihr Faible für Kollabos mit Rap-Künstlern, ihren ausgeprägten Ehrgeiz und vieles mehr.

.

Hallo Vanessa! Zuallererst natürlich die Frage: Wie geht’s dir bzw. wie erging es dir im vergangenen Jahr?

Mir geht’s – toitoitoi – recht gut, trotz der ganzen Situation. Klar, live und sowas fällt natürlich komplett weg, aber glücklicherweise war ich auch vorher schon eine Künstlerin, die etwas breiter aufgestellt ist. Deswegen haben wir unsere Wege gefunden, wie wir trotzdem viel machen können. Uns trifft’s nicht so stark wie andere, deswegen kann ich nicht klagen.
 

Auch wenn du sehr vieles umplanen musstest?

Ich ziehe ja immer das Positive aus jedem Mist, der da um die Ecke kommt, von daher muss ich sagen, dass es so, wie es gerade ist, echt Spaß macht: Wir haben das halbe Album vorher ausgekoppelt und dann kommt das Album als Abschluss. Es ist echt cool gerade, alle paar Wochen einen Song droppen, und Videos drehen und aufnehmen kann man ja trotzdem. Es fühlt sich auf jeden Fall ganz gut an mit der ganzen Digitalisierung. Der Markt hat sich sehr gewandelt, aber es ist irgendwie trotzdem schön. Wenn man davon reden darf, dass etwas schön ist in dieser Zeit. Es eröffnet auf jeden Fall neue Wege. Dann gibt’s ja auch noch Social Media, die Fans sind gefühlt noch mehr mit dir beschäftigt und streamen noch mehr. Das kann man ganz gut nutzen.
 

Das Interessante an den im Vorfeld releasten Songs ist ja, dass jeder komplett anders klingt. Liegt es daran, dass sie über einen längeren Zeitraum entstanden sind? Oder war das ein konkreter Ansatz, dass das neue Material so bunt und multidimensional wie möglich werden sollte?

„Mai Tai“ ist für mich tatsächlich so ein Abschluss von einer Reise, die 2018 mit dem Album „Schlager“ begonnen hat. Und nach „Mai Tai“ fühlt es sich jetzt für mich an wie ein Anfang mit allen Möglichkeiten. Der Name „Mai Tai“ und die Beschreibung als bunter Cocktail hat sich dadurch ergeben, dass wir Songs geschrieben und gemerkt haben, dass wir einfach das machen, worauf wir Lust haben, und uns nicht an irgendwelche Regeln halten. Dadurch muss man sich auch den Fans nicht erklären, sondern im Gegenteil – die Fans freuen sich darauf, was als Nächstes in diesem bunten Cocktail kommt. Eigentlich ist es genau das, was ich immer wollte: einfach Musik machen und nicht gucken, ob es dieses oder jenes Genres ist und ob es den oder den bedient.
 

Haben dich solche Gedanken in der Vergangenheit ausgebremst?

Ich glaube, wenn man zu verkopft ist, egal mit was, dann funktionieren die Dinge nicht mehr so richtig. Und ich war tatsächlich irgendwann sehr verkopft. Jetzt fließt es einfach, und glücklicherweise nehmen es die Fans auch an. Hätte ja auch anders sein können, dass sie sagen „gefällt uns irgendwie nicht so“. Wie gesagt, für mich war 2018 der Startschuss mit der Kollabo mit Olexesh. Da war das natürlich noch ein bisschen überraschend, nach dem Motto „Was machst du denn jetzt?!“. Aber mittlerweile ist es echt toll, auch wie viele Künstler mit einem arbeiten wollen und Lust drauf haben. Da entsteht sehr viel gerade und es ist auch noch viel mit anderen Künstlern in Planung. Es ist echt schön, was für ein Respekt einem da auch als Künstler entgegengebracht wird. Das genieße ich gerade.

Auch inhaltlich sind die unterschiedlichsten Themen dabei: von ausgelassenen Sommerpartynächten bis zum emotionalen Trennungsherzschmerz. Wolltest du mit „Mai Tai“ auch ein Album präsentieren, das so ein bisschen die Dynamik des Lebens verkörpert?

Neee, es ist ja nicht so, dass man sagt „Unser Album heißt soundso und jetzt schreiben wir zwölf oder 14 Songs darüber“. Sondern man schreibt einen Song, und dann schreibt man den nächsten und dann wieder den nächsten. Und irgendwann sagt man dann „Jetzt lass uns doch ein Album machen“. Deswegen war das gar nicht so durchdacht oder geplant, sondern wir sind einfach ins Studio gegangen und haben einen Song geschrieben. Erst war eine Melodie da, die eben dieses Gefühl verkörpert, dann war vielleicht eine Textidee da, die eher in die Sommerrichtung geht. Das ist immer unterschiedlich, man kann es gar nicht so systematisch betrachten, dass ein Album so und so entsteht. Alles kam, wie es halt gerade kam. Wir haben einfach geschrieben und gemacht. Es war aber auch mal cool, die andere Seite zu beschreiben. Ich bin ja eher so „Liebe und alles schön“, zumindest war es so auf den letzten Alben. Jetzt ist es eben auch mal ein bisschen Herzschmerz und nicht alles schön. Es ist ja auch nicht immer alles schön.
 

Nach wie vielen Songs kam der Albumtitel?

Nach vier oder fünf Songs, glaube ich. Irgendwann war klar, wie gemischt das werden würde, und dann kam die Idee mit dem Cocktail. Das war aber ehrlich gesagt auch Andreas Meisterstreich, der irgendwann mit „Mai Tai“ um die Ecke kam, und ich dachte „Wow, krass, dass ihm sowas einfällt“, denn normalerweise bin ich immer ein bisschen kreativer. Das Wortspiel mit Mai macht auch echt Spaß gerade – Mai Fit, Mai Tai, Mai Way…
 

Bist du eigentlich ein Cocktail-Girl?

Hmmm, neee, nich so. Also wenn dann trinke ich eine Virgin Colada ohne Alkohol. Aber Cocktails… geht so. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich voll die Cocktail-Trinkerin bin. Das ist für mich auch eher so ein Nachtisch.
 

Mir wäre in dem Kontext noch die Mai-Bowle eingefallen.

Echt, Maibowle? Geil, nächster Albumtitel ist schon safe (lacht).
 

Und zum Brauen von Bier, Wein oder Schnaps braucht man ja auch die Mai-sche…

Ich mag Bier! Ich freu mich schon, wenn’s im Sommer endlich wieder in den Biergarten geht. Wär schön… glauben wir einfach fest dran.

Beim Feature mit FOURTY zeigst du einmal mehr, dass Pop und Hip-Hop eine gute Symbiose eingehen können. Was reizt dich so an dieser Kombi, hast du einen Soft Spot für deutschen Hip-Hop?

Ja, klar. Ich hab ja früher Hip-Hop getanzt und höre das auch. Ich hab da schon eine Affinität zu. Ich muss auch sagen, dass die Hip-Hop-Künstler ein bisschen offener sind als zum Beispiel Deutsch-Pop-Künstler, was Genres angeht. Ich weiß nicht, woran das liegt, vielleicht auch weil die Nähe vom Deutsch-Pop zum Schlager enger ist und deswegen vielleicht viele da nicht mit reingeraten möchten. Aufgrund des Images. Ist auch völlig in Ordnung, alles cool. Aber beim Hip-Hop haben die Künstler keine Angst, wenn die einen Song oder einen Künstler gut finden, dann machen sie es einfach. Das macht echt Spaß, mit solchen Menschen zu arbeiten, die einfach so frei sind und über den Tellerrand gucken.
 

Es ist jetzt schon ein paar Monate her, aber ich will es trotzdem erwähnen, weil das mein Bild von Vanessa Mai irgendwie verändert hat…

Oh Gott, was kommt jetzt…
 

Ich hab dich bei Joko & Klaas gesehen. Aber keine Angst, ich will jetzt nicht über Rote-Beete-Burger reden…

… ich kann sie nur empfehlen, schmeckt echt gut. Sollten aber drinbleiben.
 

Ich fand, man hat in diesem „Duell um die Welt“ gesehen, wie ehrgeizig du bist und dass du über dich selbst hinauswächst, wenn es die Situation erfordert. Ist das ein Charakterzug, den du schon immer hattest?

Ja, ich war schon immer so ein kleiner Kampfigel. Ich weiß, dass mir das oft auch negativ angerechnet worden ist, denn sowas stößt natürlich auch gerne mal an. Ich hätte auch Sportlerin werden können, auf jeden Fall habe ich den Ehrgeiz dazu. Bei „Let’s Dance“ war es dann natürlich auch zu sehen. Ich hatte damals schon verbissene Züge, aber ich habe jetzt auch gelernt, damit umzugehen. Das Leben hat mich auch ein paar Sachen gelehrt, die gezeigt haben, dass es nicht immer so sein muss. Ich glaube, ich habe jetzt eine gute Mischung gefunden. Aber ich bin trotzdem noch sehr ehrgeizig. Ich glaube, das kommt auch daher, dass ich schon immer sportbegeistert gewesen bin. Schon als Kind war ich immer in diesem Wettkampfding drin.

Deine für 2020 geplanten Konzerte mussten natürlich auch verschoben werden – was hat das mit dir gemacht? Für eine Künstlerin gehört es ja quasi auch zur eigenen Identität, dass man live vor Menschen auftritt.

Ja, natürlich. Es fehlt super extrem krass so. Aber auf der anderen Seite bin ich fast auch ein bisschen froh, dass es verschoben worden ist, denn man möchte unter diesen Umständen natürlich auch keine Tour spielen. Ich glaube, man könnte es auch gar nicht unbeschwert machen, im Mai wäre das jetzt echt zu früh gewesen. Umso mehr freuen wir uns, wenn es dann unter anderen Umständen wieder klappt. Es wird irgendwann wieder so sein, da glauben wir dran. Aber ich kann’s ja auch nicht ändern. Ich bin jemand, wenn ich was nicht ändern kann, dann halte ich mich damit auch nicht auf. Gottseidank sind wir, wie ich schon gesagt habe, nicht so davon betroffen, weil wir uns auch andere Wege gesucht haben. Aber dass die Situation für viele – Entschuldigung – scheiße ist, gerade in dem Bereich, ist klar. Wir sitzen auch alle da, hören die Infos und denken „ja, wie lang noch?“ Aber man kann halt nichts dran ändern.

Danke für das Gespräch, Vanessa Mai!

Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren