Bild: Seiler und SpeerBild: Seiler und Speer
Pop

„Für immer“ SEILER UND SPEER: Das Austro-Pop-Duo im Interview

07.08.2019 von Ben Foitzik

Als sich Schauspieler Christopher Seiler und Regisseur Bernhard Speer 2014 zusammentaten, um neben ihrer kultigen Satire-Serie „Horvathslos“ auch noch gemeinsam Musik zu machen, ahnten sie vermutlich noch nicht, dass sie als Seiler und Speer in ihrem Heimatland schon bald durch die Decke gehen würden. Ihr 2015 veröffentlichtes Debütalbum „Ham kummst“ bretterte ohne Umschweife auf Platz #1 der österreichischen Charts und fand trotz der teilweise etwas schwer verständlichen Mundart-Texte auch in Deutschland Anklang.

Dito für das zwei Jahre später veröffentlichte Zweitwerk „Und weida?“, mit dem die beiden Musiker im Nachhinein nicht mehr ganz so zufrieden sind. Nicht zuletzt durch den schlimmen Autounfall von Bernhard Seiler im Oktober 2017 besannen sich die beiden jedoch wieder alter Tugenden und melden sich nun mit ihrem dritten Album „Für immer“ zurück. Könnt ihr ja vielleicht einfach schon mal nebenbei bei Spotify laufen lassen:

Kürzlich spielten Seiler und Speer auf der Hauptbühne bei Rock am Ring und Rock im Park – und haben uns (und sicherlich nicht nur uns!) dabei dermaßen begeistert, dass wir unbedingt ein Interview mit den bzw. einem der Jungs machen mussten. Hat geklappt: Christopher Seiler stand uns Rede und Antwort zur neuen Platte, zur gedeihenden österreichischen Musikszene und zu vielen anderen Themen, die Seiler und Speer umtreiben.

Vorab sei aber noch gesagt: Im November und Dezember 2019 sind Seiler und Speer auf großer Deutschland-Tour unterwegs. Wenn wir ihr wären, würden wir das nicht verpassen wollen!


"Wir sind ein abschreckendes Beispiel für jeden PR-Berater oder Marketing-Guru, weil bei uns einfach gar nichts zusammenpasst."

[ CHRISTOPHER SEILER ]

 


Hallo Christopher. Ihr habt kürzlich bei Rock am Ring und Rock im Park vor abertausenden Menschen gespielt – wie habt ihr diese Auftritte erlebt?

Es ist wunderschön, dass man als österreichischer „Dialekt-Act“ überhaupt bei solchen Festivals auftreten kann.

„Dialekt-Act“ trifft's ganz gut, ne?

Ja, das erste Mal ist uns das bei einer Show in Köln bewusst geworden. Da haben 800 Leute in dem Club jedes Lied mitgesungen, und die haben definitiv nicht verstanden, was sie da eigentlich singen. Ich find’s schön – man sieht, dass Musik verbindet.

Du kommst ursprünglich aus dem Schauspiel- bzw. Kabarett-Bereich. War es für dich leicht, dich als Musiker auf eine Bühne vor Live-Publikum zu stellen, oder ist das etwas völlig anderes?

Anfangs war es schon nicht so leicht. Das legt sich dann aber mit der Zeit. Je mehr man dann spielt, desto mehr wird man eins mit dem Ganzen und es wird das Natürlichste der Welt. Ich bin zum Beispiel auch so einer: Wenn wir mit dem Nightliner auf Tour sind, kannst du mich fünf Minuten vor Showbeginn aufwecken und auf die Bühne stellen, das geht per Knopfdruck.

Beim Kabarett kriegst du den direkten Lacher vom Publikum. Bei Live-Musik ist das aber schon ein bisschen anders.

Ja, aber wenn ein Gag zu Ende erzählt ist, hast du einen 10-Sekunden-Lacher. Und bei einem Konzert hast du das Feedback nach drei oder vier Minuten, wenn das erste Lied zu Ende ist. Dann merkst du, ob du hier gern gesehen bist oder ob du besser gleich schon die letzte Nummer spielen solltest.

Hattet ihr das schon mal?

Nein, nein, Gott sei Dank nicht. Oder lass mal überlegen… na ja, früher hat es das natürlich oft gegeben, wo nicht wirklich Energie da war oder Menschen nur wegen einem Song gekommen sind, nämlich wegen „Ham kummst“. Das gibt es heutzutage zum Glück nicht mehr, da geht es wirklich vom Intro bis zur letzten Nummer durch. Das macht dann auch Spaß, weil ich glaube, dass ein Konzert nur so gut sein kann, wie das Publikum gut ist – du kriegst ja die Energie zurück und das spornt dann auch dich an. Ich kann mich erinnern an einen Gig, da haben wir in Meran in Südtirol gespielt, und da war die Bühne mitten in einem Fischteich. Rundherum um die Bühne waren zehn Meter Wasser und dann kam erst das Publikum. Sprich: Du hast das Publikum gar nicht gehört, weil das Wasser die Akustik geschluckt hat. Und das war schon traurig, wie ein Champions-League-Spiel ohne Fans.

[Der (alte) Hit von Seiler und Speer: "Ham kummst"]

Kann man denn die Leute, die Seiler und Speer feiern, auf einen Nenner bringen? Wie und wer sind eure Fans?

Ich glaube, das ist der kommerziell große Vorteil bei uns… obwohl, kommerziell sind wir ja nicht wirklich… aber weder bedienen wir ein Genre, noch gibt es einen klassischen stereotypen Seiler-und-Speer-Hörer. Da steht der Metaller da unten neben einem Großvater mit dem Enkel – es ist einfach jeder dort. Bei uns in Österreich war das aber schon immer so, bei diesem klassischen Austropop, den man noch aus den 70ern und 80ern kennt. Das ist quasi ein Kulturgut bei uns. Welche Musik du hörst oder aus welcher Gesellschafts- oder Bildungsschicht du kommst, ist völlig egal. Das ist ein Stück Identität, glaube ich.

Welche Gefühle und Gedanken wollt ihr mit eurer Musik vermitteln? Ist es der verlängerte Arm des Kabarettisten Seiler?

Das kann man so gar nicht einordnen. „Ham kummst“ ist sicherlich aus der kabarettistischen Sicht geschrieben, „Ala bin“ ist aus der persönlichen Sicht und so teilt sich das eben auf. Es kommt immer drauf an, aus welcher Gefühls- und Stimmungslage ein Song gerade entsteht. Aber nicht mal das kann man einordnen, aber das ist eigentlich auch großartig bei uns: Wir sind eigentlich ein abschreckendes Beispiel für jeden PR-Berater oder für jeden Marketing-Guru, weil bei uns einfach gar nichts zusammenpasst.

Was hat sich seit eurem Debütalbum aus 2015 verändert?

Es ist ja schon ein bisschen Zeit durchs Land gegangen und wir sind reifer und älter geworden. Dann verändert sich auch die Musik ein bisschen.

Da reden wir aber auch nur von fünf Jahren – ist da die Veränderung wirklich so stark?

Na ja, als wir angefangen haben, waren wir Ende 20. Da ändert sich dann auch privat viel. Aber auch mit dem Erfolg ändert sich natürlich was, sei es aus finanzieller oder soziologischer Sicht. Das ist ja völlig klar, dass du nicht mehr derselbe bist wie vor fünf Jahren. Auch unsere Musik ist da eben in vielen Aspekten reifer geworden, aber trotzdem auch in vielerlei Hinsicht immer noch so rotzig, wie sie einmal war.

Besonders stark seid ihr ja auch in den ruhigen, nachdenklichen Momenten, auf dem neuen Album zum Beispiel bei „Déjà-vu“ oder „Weust a Mensch bist“. Die Melancholie ist schon ein wichtiges Element bei euch, oder?

Ja, definitiv. Ich merk ja, dass ich in der Melancholie und der Traurigkeit am besten funktioniere. Ich weiß nicht, warum, aber da läuft das Songwriting einfach am besten. Wir sind sehr nah am Wasser gebaut, obwohl wir nie weinen (lacht). Ich tu mich wesentlich leichter mit traurigen Liedern. Ich bin kein Party-Typ. Ich geh schon gern mal feiern, aber ich würde es nicht ehrlich meinen, wenn ich Feierlieder schreiben würde. Vielleicht sind wir ja alle schwerst depressiv und wissen’s gar nicht, keine Ahnung (lacht).

Na solange du die Musik hast, um das alles zu verarbeiten…

Natürlich! Ich schreib lieber Wörter auf Papier als mir Narben in die Haut zu ritzen.

Texte schreiben und Gedanken ausformulieren ist also eine Art Therapie für dich?

Bei persönlichen Liedern ganz sicher, aber da bin ich ja nicht der Erste und Einzige, der das so sieht. Das ist ja ein großer Grund, warum viele überhaupt erst mit der Musik oder dem Texten anfangen.

[Einer der neuen Hits von Seiler und Speer: "Weust a Mensch bist"]

Da passt „Weust a Mensch bist“ ganz gut dazu. In dem Song geht’s um deine Mutter, korrekt?

Ja, ich hab beim Schreiben immer wieder an sie gedacht, aber auch an meinen Vater. Grundtenor soll sein: Den Menschen ein Denkmal zu setzen, die eigentlich immer für dich da sind, die dir Gutes tun. In einem Lied, welches das Leben überdauern und dann irgendwann auch als Nachruf gesehen werden kann.

Eine Zeile heißt „Dass du ewig bist und ewig weiterlebst“. Man kann also im Andenken ewig weiterleben?

Ich glaube, unsere Taten und Handlungen hier im irdischen Dasein sind sehr wichtig dafür, dass wir immer weiterleben. Als Foto oder Bild an der Wand. In Geschichten, die die Kinder weitererzählen, weil man ein guter Mensch war. So lebt unser Schaffen quasi weiter, davon bin ich überzeugt. Ich glaube jetzt nicht an ein Leben nach dem Tod – man weiß, dass wir aus Energie bestehen, und unsere Energie geht dann wieder weg und tritt irgendwo anders wieder ein. Aber für uns ist das völlig nebensächlich, denn wir können uns eh nicht dran erinnern. Wenn es ein Leben nach dem Tod gäbe, müsste es ja auch eins vor dem Leben gegeben haben. Vielleicht haben wir ja schon mal gelebt. Vielleicht waren wir zwei ja mal Milliardäre irgendwann. Aber das bringt uns jetzt ja wenig, denn wir haben uns wenig vererbt.

Mit musikalischem Erbe kennt ihr euch in Österreich ja gut aus – Falco ist ja zum Beispiel immer noch allgegenwärtig.

Klar, Falco war ein Weltstar. Aber bei uns ist das musikalische Erbe eh groß, wenn ich nur mal an Ludwig Hirsch oder Georg Danzer denke. Die österreichische Musikkultur war schon immer groß – bei uns, aber natürlich auch bei den Nachbarn. Nur hat die während der 90er und 2000er einen Dornröschenschlaf hingelegt. Aber jetzt hammas wieder!

Wanda, Bilderbuch, Seiler und Speer – da ist ja wirklich was passiert in den letzten Jahren. Ist das Zufall gewesen oder wie kam es dazu?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die sozialen Medien dazu beigetragen haben. Wir sind zwar immer noch Independent und haben unser eigenes Label, aber du kannst heutzutage als Band mit einer guten Marketingstrategie im Internet relativ schnell groß werden. Du bist nicht unbedingt davon abhängig, dass du beim Major bist, sondern kannst einfach deine eigene Strategie benutzen. Dass jetzt auf einmal so viel und qualitativ gute Musik aus Österreich kommt… pffff, keine Ahnung, warum das so ist. Ich nehme es aber positiv zur Kenntnis und freue mich. Das Schöne ist, dass es bei uns nicht wirklich so ein Konkurrenzdenken gibt. Die Bands nehmen sich nicht gegenseitig Fans weg, weil wir alle in einem eigenen Genre sind. Da gönnt man sich auch, das ist das Schöne. Das ist Gott sei Dank nicht wie im Deutschrap, wo man irgendwelche Mütter beleidigen muss, weil man Zwölfjährige unterhalten muss.

Bild: Jokebrothers Records

[Das neue Album: "Für immer"]

Mit „Für immer“ seid ihr auf Platz #14 in den deutschen Charts eingestiegen. Was hättet ihr gemacht, wenn ihr Top #10 gegangen wärt?

Keine Ahnung, habe ich mir keine Gedanken drüber gemacht. Aber ich wäre jetzt nicht nackt durch Berlin gelaufen.

Schade eigentlich! Du hast gesagt, dass „Für immer“ so wie die erste Platte klingt, nur mit vier Jahren mehr Erfahrung. Was sind das für Erfahrungen, waren da auch viele schlechte dabei?

Ja natürlich waren da auch sehr viele schlechte dabei. Wenn du zum Beispiel an das zweite Album denkst, das ist in einer Zeit entstanden, in der wir einfach haltlos waren. Du bist neu, und überall, wo du bist, wirst du hofiert. Das hatte nicht wirklich einen Wert zu der Zeit und so klingt für mich persönlich auch das zweite Album, obwohl da auch sehr gute Nummern drauf sind. Aber es war schon sehr weit weg von dem, was wir mal gestartet hatten. Beim dritten Album sind wir jetzt gesettelter und gefestigter – nach dem Unfall von Bernhard sowieso (Autounfall im Oktober 2017, woraufhin Bernhard Speer in Lebensgefahr schwebte, d. Redaktion). Und das hört man jetzt auch, dass wir wieder das machen, warum wir eigentlich begonnen haben damals.

Man hört ja oft von Bands, dass das zweite Album das schwierigste ist.

Ich glaube, bei uns war es deswegen schwierig, weil wir gar nicht nachgedacht haben. Dass uns gar nicht bewusst war, was das für eine Tragweite erreichen kann und woran wir gemessen werden. Beim zweiten Album musst du ja den Erfolg des ersten bestätigen. Was ja eigentlich nie geht, weil du beim ersten Album mit keiner Erwartung rangehst. Du kannst ja mit deinem ersten Album nie scheitern, sondern nur gewinnen, weil dich noch keiner kennt. Deswegen ist das zweite eigentlich immer ein Scheißalbum. Ich kenn jetzt wenig Bands, wo das zweite Album das beste ihrer Karriere war.

Mit dem neuen Album bist du jetzt aber happy?

Ich bin sehr zufrieden, weil es einfach zeitlos klingt. Und die größte Bestätigung ist, wenn Leute sagen „Das ist eine Platte, die kannst du reinlegen und musst nicht skippen, weil die gut in einem durchgeht“. Das ist schön, weil ich kenn genug Alben von Bands, die ich sehr gern mag, bei denen ich aber nur zwei Nummern gut finde und den Rest weiterskippen muss.

Welche Bands magst du denn zum Beispiel?

Rage Against The Machine zum Beispiel, der Sound ist einfach Hammer. Unsere Live-Version von „Ob und zua“ zum Beispiel switcht in so ein Gitarrenriff, das stark an Rage angelegt ist. Ich mag aber auch Hip-Hop aus den 90ern, Wu-Tang Clan und solche Sachen. System Of A Down höre ich auch gerne. Ich höre aber auch gerne gediegene Lieder, Austropop, Schlager auch, aber eher aus den 60ern und 70ern, da gab’s noch wirklich Songwriting im Schlager und nicht dieses heutige Baukausten-E-Gitarre-4-to-the-floor. Ich höre also eigentlich bunt gemischt, auch elektronische Musik, wenn sie gut gemacht ist. Es gibt gute Musik und schlechte Musik – aber es gibt kein schlechtes Genre, glaube ich.

Ich bin ein bisschen beim Cover des neuen Albums hängengeblieben. Was ist das für eine Bank? Irgendeine oder eine mit einer besonderen Bedeutung für euch?

Also im Wesentlichen hat die Bank überhaupt keine Bedeutung. Nur diese Bank steht direkt gegenüber vom Drehort der letzten Staffel unserer Serie „Horvathslos“. Und ich habe während der Dreharbeiten schon immer gesagt „Wenn ich diese Bank sehe, dann sehe ich mich da mit 80 sitzen und den Verkehr beobachten“. Das war letztes Jahr und als wir dann übers Cover-Artwork diskutiert haben, ist mir sofort diese Bank eingefallen und dieses Bild, wo wir da als alte Säcke draufsitzen. Das könnte eine x-beliebige Bank sein, davon gibt’s tausende. Aber wir sind extra wieder dorthin gefahren und haben das Shooting gemacht. Mittlerweile fahren dort auch Fans hin zu dieser Bank. Und die Menschen in der Nachbarschaft fragen sich alle: „Warum sitzen da plötzlich immer fremde Menschen auf dieser Bank?“ Die verstehen das einfach nicht, was wir da schon wieder angerichtet haben. Ich entschuldige mich bei den Menschen dort, weil so weit habe ich das auch nicht gedacht.

In 40 Jahren sieht man euch dann da also sitzen, zufrieden mit der musikalischen Karriere und… als Milliardäre?

Das hoffe ich! Wir wissen ja nicht, was passiert, wir können ja morgen schon wieder tot umfallen. Aber wär auch okay, dann hab ich zumindest ein Album, das „Für immer“ heißt.

Vielen Dank für das nette Gespräch, Christopher. Bist a Mensch, a guada Mensch!



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