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Pop

BOSSE im Interview zu seinem neuen Album „Alles ist jetzt“

12.10.2018 von Ben Foitzik

Es ist Zeit – Zeit für den neuen Bosse-Move! Mit „Alles ist jetzt“ liefert Aki Bosse endlich den Nachfolger seines #1-Albums „Engtanz“ von 2016 ab – und erweist sich dabei einmal mehr als begnadeter Songwriter und scharfer Beobachter der kleinen und der großen Dinge des Lebens.

Ohne weiteres Palavern – hier ist es:

Universal

Unsere Empfehlung: Anhören, genießen, mitwippen und drüber nachdenken. Weil Bosse eben nicht nur mitreißende Musik zum Abfeiern und Darinversinken macht, sondern auch treffende Dinge über das (Zusammen-)Leben zu sagen hat. Musikalische Raffinesse und der Anspruch, dass Musik gerne mehr sein darf als reine Unterhaltung, gehen bei Bosse Hand in Hand. In beängstigenden Zeiten geht er voran und setzt mit seiner Musik ein klares Zeichen – gegen das Braune, für das Bunte.

Bosse fordert: Haltung zeigen!

Im Interview zu „Alles ist jetzt“ spricht Bosse mit uns über die Entstehung und Inhalte seiner neuen Platte, über das Momentgenießen und das Zurückblicken. Und darüber, warum es genau jetzt wichtig ist, Haltung zu zeigen.

Im Herbst ist Bosse mit „Alles ist jetzt“ auf intimer Clubtour unterwegs, bevor es dann ab März 2019 in die größeren Hallen geht. Tickets bekommt ihr hier – die meisten 2018-Shows sind zwar längst ausverkauft, im Frühjahr gibt es aber noch viele Möglichkeiten, Bosse live zu erleben.

Jetzt aber erst mal: Vorhang auf für Bosse im Gartenstuhl!


"Jedes vernünftige Mädchen und jeder tolle Typ ist dazu aufgerufen, sich jetzt stark zu machen. Für Empathie, für Freiheit, für ein buntes Leben."

[ BOSSE ]

 


Und wie immer: Hier kommt das Interview zum Lesen...

Im Titelsong singst du „Weiter, geiler brauch ich nicht mehr.“ Warum nicht?

Dieser gesellschaftliche Stress, immer der Geilste sein zu müssen und sich immer mehr zu optimieren und besser auszusehen… in „Alles ist jetzt“ sage ich einfach, dass es manchmal gut ist, den Moment und den Ist-Zustand einfach mal zu genießen. Mit einer Entspanntheit und einer Lockerheit. Darum geht es. Das hat natürlich wenig mit meinen musikalischen Zielen zu tun. Wobei ich jetzt nicht sagen will, dass es immer weiter gehen und größer werden muss. Ich find’s manchmal auch einfach schön, wenn es mal so bleibt, wie es ist. Ich bin sehr zufrieden, musikalisch gesehen. Aber aufs Leben gesehen, finde ich schon, dass dieses „Weiter und geiler“, das die Gesellschaft von einem will, dass das manchmal ganz schön nerven kann. Und dass es manchmal toll ist, einfach mal nur so da zu sein. Und die Sachen zu schätzen, die man so um sich hat.

Ist das die Message des Albums?

Ja, es geht auf dem Album ums Glück… und um sich… und auch so um die Zeit, die so rennt. Es geht um Politik, um Liebe und um Hass und um Mut. Familie und Freundschaft. Das sind so die Themen.

Es geht also quasi… um alles.

Es ist vieles, ja. Aber ich habe auch immer nicht so viele Möglichkeiten. Wenn ich anfange zu schreiben, brauche ich auch einen guten Grund, um einen Song zu schreiben und ihn auch fertigzukriegen. Textlich ist es schon so… ja klar, Gesellschaft. Der Rechtsruck in den letzten zwei, drei Jahren ist erschreckend. Es ist mir einfach ein Bedürfnis, Haltung zu zeigen. Das war so ein Teil, der raus musste. Ansonsten such ich natürlich immer nach interessanten Dingen: Familie… eine Bruder-Bruder-Geschichte wie beim Song „Indianer“ oder eine Bruder-Schwester-Geschichte wie bei „Pjöngjang“. Das sind so Themen, die mich interessieren. So kleine Probleme und was man daraus macht.

Ursprünglich hattest du ja geplant, ein Album nur über Familie zu schreiben.

Ja. Ich brauche immer einen Grund um anzufangen, gerade so beim Texten. Das Familienthema finde ich einfach total interessant. Da steckt eben so viel Komplikation und so viel Liebe drin. Das sind schon mal zwei gute Gründe, um einen Song zu schreiben. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass es ein totales Korsett ist. Ich brauche aber immer was, womit ich anfangen kann. Dann habe ich diese beiden Songs geschrieben und danach aber gemerkt, dass ich mehr zu erzählen habe als nur über meine Familie oder Familien, die ich mir so angucke. Daher habe ich jetzt zwei Songs über Familiengeschichten und der ganze Rest ist super weit gefächert. Beim Muckemachen finde ich jedes Korsett immer schwierig. Ich würde gerne mal ein Konzeptalbum machen, müsste mir da aber wohl ein größeres Thema suchen, wo ich dann am Ende auch wieder allgemeiner sein kann.

Das letzte Album, „Engtanz“, hast du in Umbrien geschrieben. Gab es diesmal wieder einen „besonderen Ort“?

Nee, das neue Album ist einfach bei mir zu Hause entstanden. Früher dachte ich immer, ich müsste weit weg fahren. Ich reise ja auch einfach total gerne, weil ich ja immer innerhalb von Deutschland spiele und daher beruflich nie nach Portugal oder Afrika komme. Ich bin natürlich superviel gereist und finde das auch immer noch inspirierend und toll. Aber um das Album fertig zu machen, habe ich es mir diesmal einfach zu Hause ganz gemütlich gemacht. Und dadurch, dass ich so viel unterwegs bin, war das auch gut für die Familie. So eine Mischung aus Mittagessen kochen und trotzdem schreiben hat mir dieses Mal ganz gutgetan. Also trotzdem meine Liebsten um mich zu haben. Umbrien ist schon toll gewesen. Man hat guten Wein und eine 1a-Pizza und die beste Sicht. Umbrien ist ja so die kleine schöne Schwester der Toskana. Das ist schon toll. Manchmal dachte ich mir aber auch, diesen ganzen Luxus, den brauchst du eigentlich gar nicht – schreib deinen verdammten Song! Das habe ich jetzt zu Hause ganz gut hingekriegt.

Bedauerst du es manchmal, dass du nicht auf Englisch singst und daher schlecht in fernen Ländern touren kannst?

Ja, die deutsche Sprache limitiert natürlich schon. Das Höchste der Gefühle ist noch mal so Belgien, Luxemburg, Schweiz, Österreich. Und vielleicht mal Amsterdam oder so. Das geht dann noch. Aber ich frage mich wirklich, wie das Bands machen, die aus Amerika kommen und echt erfolgreich sind. Die sind dann ja zwei Jahre lang nur auf Tour. Das wäre mir echt zu krass. Mir reichen meine Konzerte zwischen Cottbus und Freiburg… und Kiel. Das ist so der Rahmen. Neee… da fehlt mir glaube ich nichts. Aber trotzdem will ich natürlich reisen. Ich würde jetzt nicht noch in Deutschland Urlaub machen. Das mache ich ja die ganze Zeit – ich kenne jede Innenstadt in- und auswendig.

Du checkst also auch die Tourstädte aus und hängst nicht nur im Tourbus ab?

Nee, ich nutze das immer aus. Das ist ja auch so freie Zeit. Als Band gehen wir eigentlich immer ein bisschen Sport machen, dann gehen wir Spaghetti-Eis essen, dann ist Soundcheck und dann gehe ich auch oft noch mal ins Museum und ziehe mir einfach die Stadt rein. Manchmal mache ich es auch so, dass ich dann einfach nur so dasitze, 20 Kaffee trinke und mir die Stadt und die Leute angucke.

Du feierst auf dem Album auf der einen Seite den Moment, blickst aber auch viel zurück. Liegt das daran, dass du ungefähr in der Mitte deines Lebens angekommen bist?

Ja, die Mitte des Lebens sagt es ganz gut. Wie alt bin ich jetzt? 38… da ist man eben keine 23 mehr. Ich merke hier und da schon so meinen Körper. Ich sehe mein Kind wachsen und die Kinder in der Band und wie wir schon so viele Jahre auf der Bühne stehen. Da kommt dann manchmal ein Song wie „Ich bereue nichts“ rum. Dass man schon so zurückguckt, aber gleichzeitig auch denkt „ganz ehrlich, ist doch gut“. In „Ich bereue nichts“ geht es um so einen Sonntagabend, an dem man mit ein paar Bier drin an der Elbe liegt, seine Besten um sich hat und in dem Moment einfach mal sagen kann… es gibt ja so Momente, da fühlt man sich einfach so stark. Da kann man den ganzen Scheiß auch mal vergessen, man ist stärker als jeder Vollidiot… und das ist ein guter Moment. Da geht es wie in „Alles ist jetzt“ darum, auch mal den Moment zu greifen und zu seinem Besten zu sagen „Ey, guck mal, was wir gemacht haben… ist doch alles in Ordnung! Alle sind gesund, und auch wenn’s morgen wieder nicht so geil ist, ist es trotzdem ein guter Moment.“

Wie schwierig ist es in der heutigen Zeit, positive Lieder zu schreiben?

Mir ist es auf jeden Fall immer schon leichter gefallen, melancholisch, traurig und negativ zu schreiben. Da komme ich so her. Als superkleiner Frühpubertierender waren das immer die Songs, die mich gekickt haben und bei denen ich mich zu Hause gefühlt habe. Positivität fällt mir einfach schwerer, jede Uptempo-Nummer fällt mir schwerer als eine Ballade. So war das schon immer. Deshalb freue ich mich auch immer, wenn ich was Konstruktives, Optimistisches, Positives und Gutes sagen kann. Angesichts der Zeit, in der wir uns befinden, war es mir wie gesagt ein totales Bedürfnis, Haltung zu zeigen. Eine positive Haltung. Und dieses eklige Gefühl, wenn man sich so ne Montags-Pegida-Demo reinpfeift, dieses schwarze, eklige, kotzende Gefühl zu beschreiben. Und dann einen Song wie „Robert De Niro“ vielleicht auch mal negativ ausgehen zu lassen. Aber ansonsten habe ich Bock auf mein Leben, und ich habe Bock, morgens aufzustehen, und ich habe Lust, dass Sachen gut werden. Ich glaube, ein großer Vorteil von Musik ist, dass sie Energie und Freude und Gefühle vermittelt. Und dass die Leute darauf tanzen. Am Ende ist aber doch die Quintessenz, dass ich eigentlich finde, dass es mein Auftrag ist, meinen Zuhörern so ein gutes Kopfkino, Träume, gute Gefühle und schlechte Gefühle und all das zu geben. Dass sie etwas fühlen und sich in dieser Musik verlieren. Ohne dass man das planen kann, ist das am Ende mein Traum. Mein Traum waren schon immer Leute vor der Bühne, die heulen, lachen und dabei tanzen. Und das im besten Fall alles auf einmal. Der ganze Rest ist trotzdem nicht planbar. Wenn ich ein tolles Thema habe wie „Alter, wir leben in einer Zeit, in der jeder Haltung zeigen sollte, der ein guter Typ oder ein gutes Mädchen ist“, dann schreibe ich natürlich darüber. Und wenn ich eine traurige Geschichte habe, dann schreibe ich die. Ich mache mir da keine Pläne, das kommt dann so raus. Und dann bin ich das eben für den Moment.

„Haltung zeigen“ scheint für dich auch eine wichtige Message zu sein.

Ich glaube, dass es in der heutigen Zeit so wichtig ist, dass gerade junge Leute, sagen wir mal von sieben bis unendlich, dass die verstehen, dass jetzt die beste Zeit ist, Haltung zu zeigen. Diese Jugend, von der ich immer dachte, dass es so eine unpolitische „Instagram-wir-sind-alle-schön-wir-rauchen-nichts-mehr-und-gehen-alle-zu-McFIT-und-machen-gerne-Selfies“-Jugend ist, dass sich da was ändert, aber auch was ändern muss. Jedes vernünftige Mädchen und jeder tolle Typ ist dazu aufgerufen, sich jetzt stark zu machen für Empathie, für Freiheit, für ein buntes Leben. Da sehe ich dann so meinen Ansatz. Wenn ich mich politisch äußere, auch auf diesem Album, dann ist das auch für gute Leute vielleicht ein Ansatz, endlich mal politisch zu werden.

Danke für das Gespräch, Bosse. Und fürs Haltungzeigen!

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