Szene aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ an der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freese - drama-berlin.deSzene aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ an der Komischen Oper Berlin. Foto: Iko Freese - drama-berlin.de
Musiktheater

Immer gleich, immer anders

09.03.2018 von Jens Fischer

Als Kraftwerk der Gefühle wird sie gern bezeichnet, die Oper. In die Welt komponiert von Claudio Monteverdis Anfang des 17. Jahrhunderts als musikalisches Äquivalent zur griechischen Tragödie – und Wiederberührung mit der mythischen Welt. Die Musik soll die Gefühle intensivieren und überhöhen –  weil sie als Klang nicht den Umweg über den Verstand nehmen muss, dringt sie unzensiert in das Innerste des Menschen vor. So öffne die Oper die Tür in unsere Seele, sagt Opern-Regisseur Philipp Stölzl.  „Sie macht da weiter, wo unser Verstand, unsere Vernunft enden und wo wir nur noch mit dem Herzen fühlen und glauben können. Ihr Ort ist da, wo das Erzählen an das Metaphysische angrenzt. Sie ist eine Kathedrale der Emotionen.“

Die Vielfalt der dabei genutzten musikalischen Mittel ist allerdings nicht in den Spielplänen der deutschen Opernhäuser präsent. Zuschauergarant ist ein enger Kanon an Werken, die immer und immer wieder neu ausgeführt werden. Wie in Stein gemeißelt angeführt wird die Hitparade der meist gespielten und gesehenen Opern seit Jahrzehnten von Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ – gefolgt von Werken wie Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“, Georges Bizets „Carmen“ sowie Guiseppe Verdis „La Traviata“. Und da Inszenierungen dieser Werke zumeist Publikumserfolge sind, werden sie erst nach Jahren, manchmal Jahrzehnten durch Neuproduktioenn des Stoffes ersetzt (siehe "Retro-Trend in Opernhäusern").   

Die Lektüre solcher Opernspielpläne legt nahe, mit einer überschaubaren Zahl alter Werke richtet sich das Musiktheater behaglich ein in der guten bürgerlichen Zeit des 19. Jahrhunderts. Deren Komponisten füllten bereits zu Lebzeiten mit ihren Werken allabendlich die Theater. Als Popkulturphänomen gilt die Oper als Vorwegnahme des Hollywoodkinos: aufwändig gemachte, große, emotional aufwühlende Stoffe, die oft auch massenwirksam die damalige Gegenwart spiegelten und von den meisten verstanden wurden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es Komponisten, auch szenisch wie musikalisch gewagte Opern zu Welthits zu machen. Uraufführungen waren bis zum 2. Weltkrieg auf Deutschlands Opernbühnen an der Tagesordnung. Heute sind das die Ausnahmen.

Wenig Publikumsintersse an Uraufführungen

Denn neben dem Kern-Repertoire, das für volle Häuser sorgen muss, scheint wenig Platz für Neues. Je weniger prominent ein Komponist oder Werk sind, desto mehr Aufwand an Ausstattung und Stars (Sänger, Regisseur, Dirigent) braucht die künstlerische und mediale Realisierung. Schließlich müssen Journalisten und Prominente angelockt sowie die mehrheitlich eher konservativen Opernbesucher angesprochen werden. Doch die meisten zeitgenössischen Werke verschwinden schon nach dem Uraufführungszyklus und vielleicht einer Wiederaufnahme in der Versenkung. Es kann schon als Erfolg verbucht werden, wenn ein Werk überhaupt noch irgendwo nachgespielt wird.

Entsprechend der Wiederkehr der immer gleichen Spielpläne hat sich das Interesse der Theaterfans von den sattsam bekannten Werken hin zu deren Interpretation verlagert, wobei vor allem die Inszenierungen in den Fokus rücken. Denn um die über 100, 200, 300 Jahre alten Themen und Konflikte szenisch zu transportieren, muss neu gedeutet, verfremdet werden. Die spannendsten Erfolge wollen wir vorstellen. Anhand der Top-3-Hitliste der  der deutschen Opernspielpläne.

Platz 1: Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“

270.265 Zuschauer besuchten in der Saison 2015/16 die 285 Aufführungen der 30 Inszenierungen dieses Werks in Deutschland.

Die Oper wurde 1791 im Wiener Freihaustheater uraufgeführt.

Es ist eine Geschichte von Machtgier, Liebeszauber, Weisheitsmilde und den alten Kampf von Gut gegen Böse – im Gewand eines Märchens, Fantasy und Magie.

Der König ist tot – und damit seine Gattin, die Königin der Nacht, plötzlich ohne Einfluss. Alle Macht liegt in den Händen der Weisen um Sarastro. Die will die fiese Ex-Herrscherin nun ausschalten, um selbst auf den Thron zu gelangen. Daher stiftet sie erstmal den hübsch naiven Prinzen Tamino an, ihre Tochter aus den Händen des zaubermeisterlichen Sonnenpriesters Sarastro zu entführen. Zur Belohnung wird ihm die Hand Paminas versprochen, in deren Bildnis er sich sofort unsterblich verliebt. Auf Befehl der Königin erhält Tamino den tölpelhaft lustigen Vogelfänger Papageno als Begleiter. Eingedrungen in Sarastros „Tempel der Weisheit“ gewinnt Tamino prompt die Zuneigung Paminas. Doch auf der Flucht werden beide gefasst und zu Sarastro zurückgeführt, der ihnen zukünftige Königswürde verspricht. Zuvor müssen sie sich in drei Prüfungen als einander würdig erweisen. Was sie tun. Auch Papageno findet sein Glück in Gestalt der quietschfidelen Papagena. Die Kräfte des Lichts siegen über die Macht der Dunkelheit und eine Zauberflöte stimmt die hymnische Schlussmelodie an.

Unter diesem oberflächlichen Plot sind natürlich Subtexte verborgen. Mozart gehörte den in seiner Zeit beargwöhnten Freimaurern ebenso an wie sein Textdichter Emanuel Schikaneder. Beide verschlüsseln Symbole und Themen ihrer Logenarbeit. Die kann man wieder freilegen und ein artifizielles Initiationsritual der Geheimlehren von Freimaurern oder Illuminaten auf die Bühne bringen, die Oper auch wie ein Märchen der Brüder Grimm inszenieren oder als Mysterienspiel, Kasperletheater, politisch-soziale Parabel beziehungsweise großes Menschheitsdrama.

Außergewöhnliche Inszenierungen von „Die Zauberflöte“
Deutsche Oper Berlin, „Die Zauberflöte“, Regie: Günter Krämer - der Trailer auf Youtube

„Eine Version also, die vom Kampf der Geschlechter handelt, aber auch vom Haß zwischen Mutter und Kind, von den Lügen und vom Selbstbetrug der Mächtigen sowie vom Elend des Unterwerfens. Auch Krämer hat ein Konzept, das dem sozialutopischen Gehalt des Werkes nachspürt - anders als Kupfer aber macht er daraus kein oberlehrerhaftes Dogma. Seine ,Zauberflöte', sachte ausbalanciert zwischen Possenspiel und Parabel, Ernst und Scherz, ist nach wie vor die beste, die in Berlin zu sehen ist.“ (Die Zeit, 10. Februar 1995)

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Premiere war am 24. September 1991.

Aufführungsdauer: 3 Stunden, eine Pause.

Jetzt Tickets sichern
Komische Oper Berlin / Deutsche Oper am Rhein, „Die Zauberflöte“, Regie: Barrie Kosky / Suzanne Andrade - Trailer auf Youtube

"Assoziationsreiches Spiel mit Sehgewohnheiten. Die Sängerdarsteller interagieren mit einem Animationsfilm, inklusive eingespielter Stummfilmszenen statt gesprochener Dialoge. „Es geht um nichts anderes als vergnügliche, unterhaltsame, staunenswerte Traumbilder. Und einen Hauch von Glamour. Suzanne Andrade und Paul Barritt überwältigen einen geradezu mit ihrer Fantasie, ihren Bildern, ihren tausend kleinen comicartigen Gags.“ (Berliner Morgenpost, 26. November 2011)

In deutscher Sprache.

Aufführungsdauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause.

Premiere war am 25. November 2012.

Jetzt Tickets sichern
Hamburgische Staatsoper, „Die Zauberflöte“, Regie: Jette Steckel - Trailer auf Youtube

„Jette Steckel, die landauf, landab an großen Häusern Theater macht, ist Opernnovizin. Sie hat das Rätselwerk, das Mozart in seinem Todesjahr 1791 komponierte, radikal reduziert auf den Lebensweg des Tamino vom Säugling bis zum Greis, begleitet von seinem Freund aus Kindertagen, Papageno (…) Ein Ansatz, logisch und diskussionswürdig. Hier handeln Menschen aus Fleisch und Blut (und) Denkräume werden durch Lichträume eröffnet.“ (Die Welt, 25. September 2016)

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Aufführungsdauer: 3 Stunden, eine Pause.

Premiere war am 23. September 2017.

Jetzt Tickets sichern
Weitere „Die Zauberflöte"-Produktionen
Jetzt Tickets sichern

Platz 2: Guiseppe Verdis „La traviata“

160.166 Zuschauer besuchten in der Saison 2015/16 die 286 Aufführungen der 31 Inszenierungen dieses Werks in Deutschland.

Die Oper wurde am 6. März 1853 im Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt.

Eine Kurtisane steht im Zentrum des Melodramas, das auf dem Roman „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas d. J. basiert. Dessen Fokus, gesellschaftskritisches Porträt der französischen Oberschicht in Paris um 1850, wird verschoben auf das individuelle Schicksal einer Frau, die versucht, den Zwängen und Augen der Gesellschaft zu entfliehen. 

Es geht um betörend schöne und reiche Violetta Valéry. Als Luxusprostituierte ist sie nachts begehrt bei den Männern, aber tagsüber verrufen, wenn sich ihre Kunden moralapostelig aufschwingen. Der wahren Liebe hat Violetta abgeschworen – kann so ihre frivole Existenz genießen. Bis sie Alfredo trifft, der ihr seine Liebe zum Verzücken romantisch erklärt, so dass sie plötzlich meint, auch ihn mit ganzem Herzen zu lieben. Violetta kehrt daraufhin ihrem mondänen Leben den Rücken und sucht ihr Glück in der Zweisamkeit mit dem vermeintlichen Märchenprinzen. Überlebensgroße Gefühlswallungen finden zur Leidenschaftspraxis und prallen bald auf Standesdünkel und Geschlechterklischees.

Huren, und seien sie noch so edel, liebt man nicht! Das meint Alfredos Vater. Er sieht die Familienehre gefährdet durch die Beziehung seines Sohnes – und bewegt Violetta daher zum Verzicht. Was beide Alfredo verheimlichen. Der reagiert mannhaft trottelig: voller Eifersucht. Und erfährt erst zu spät, dass Violetta aus Liebe der Liebe entsagt hat und selbst todkrank ist: heimgesucht von der Schwindsucht. Verarmt, körperlich und seelisch gebrochen siecht sie bald einsam vor sich hin. Zum Finale kreuzt Alfredo reumütig auf, woraufhin die Kameliendame in seinem Armen episch stirbt. Tragisches Scheitern – zum Weinen schön. So geht große Oper!

Außergewöhnliche Inszenierungen von „La traviata“
Staatsoper Berlin, „La traviata“, Regie: Dieter Dorn - Trailer auf Youtube

„Vom ersten Bild an hat Dieter Dorn seine Inszenierung unter die Idee der vergehenden Zeit gestellt: Von Anfang bis Ende rieselt Sand aus einem Sack herunter, die schwindsüchtige Kurtisane Violetta steht oft vor dem Spiegel, der die Bühne beherrscht und hinter der ihr oft ein Totenschädel entgegenstarrt. Er wird gebildet durch eine körperliche Figuration von acht Bewegungskünstlern in hautengen Kostümen, die sich in stumme Personifikationen des Todes auflösen und so regungslos wie drohend zuweilen im Raum stehen (…) Dorn inszeniert mit mythischen Bildern gegen den Realismus der ,Traviata‘ an.“ (Berliner Zeitung, 20. Dezember 2015)

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.

Aufführungsdauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause.

Premiere war am 19. Dezember 2015.

Jetzt Tickets sichern
Weitere „La traviata"-Produktionen
Jetzt Tickets sichern

Platz 3: Georges Bizets „Carmen“

162.410 Zuschauer besuchten in der Saison 2015/16 die 247 Aufführungen der 26 Inszenierungen dieses Werks in Deutschland.

Die Oper wurde am 3. März 1875 in der Opéra-Comique in Paris uraufgerführt.

Carmen – ein Name wie ein erotischer Rausch. Mythos der spanischen Femme fatale und Klischee der feurigen Zigeunerin. Verdreht sie doch im sonnendurchglühten Leidenschaftsort Sevilla dem biederen Soldaten José derart den Kopf, dass dieser seine biedere Freundin einfach stehenlässt. Wider die erstarrten gesellschaftlichen Normen und das piefig vor sich schleichende Alltagsleben praktiziert Carmen temperamentvoll den Widerpart: folgt mit starkem Willen ihrem Fesseln sprengenden Freiheitsdrang und scheitert an selbstzerstörerischer Triebhaftigkeit. Ein Drama um Verführung und Macht – ein Opernstoff zu Themen wie Ausgrenzung, Sinn und Möglichkeiten menschlicher Bindungen, Selbstbestimmung sowie Abhängigkeit in der Liebe.

Um den Folgen einer Verhaftung zu entkommen, verführt Carmen den wachhabenden Sergant José, der daraufhin in Liebe entflammt und selbst verhaftet wird. Nach seiner Entlassung lebt er mit Carmen im Kreise von Zigeunern und Banditen, hin und her gerissen zwischen Pflichtbewusstsein und Passion. Während die von ihm verlassene Micaëla versucht, José zur Rückkehr ans Sterbebett seiner Mutter zu bewegen, wendet sich Carmen dem Torero-Superstar Escamillo zu. José fleht sie eifersuchtsbebend an, zu ihm zurückzukehren. Doch Carmen verhöhnt ihn. Woraufhin er ihr ein Messer in die Brust stößt. Carmen ist tot, Don José hat alles verloren und die Musik von Georges Bizet wird unsterblich.

Außergewöhnliche Inszenierungen von „Carmen“
Komische Oper Berlin, „Carmen“, Regie: Sebastian Baumgarten - Trailer auf Youtube

„Bizets Carmen, das wird einem hier bewusst, ist kein Wagner für Arme, sondern eine genuine opéra comique, mehr Singspiel also, mehr Operette, ja Revue. Dieses Grand-Guignol-Prinzip bedient Baumgarten mit Lust und teilweise wirklich witzigen Dialogen. (...) Viel länger als zehn Minuten dauert die Schlussszene nicht, und Baumgarten beschwört mit ihr ein zunächst befremdliches, dann bestürzendes Wechselbad der Affekte und Gefühle: immer hautnah an der Partitur entlang, akribisch seziert, cool montiert, völlig unsentimental und gerade deshalb ergreifend.“ (Tagesspiegel, 28. November 2011)

Premiere war am 27. November 2011.

Aufführung in deutscher Sprache.

Aufführungsdauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Jetzt Tickets sichern
Bregenzer Festspiele, „Carmen“, Regie: Kasper Holten - Trailer auf Youtube

„Puristen könnten sich angeekelt abwenden von den Stuntmen, die auf dem Rommé-Blatt hocken, sich abseilen, von Micaëla, die in 15 Metern Höhe ihre Arie in den Nachthimmel barmt, von der heißen Ballettszene (…) , erst recht von den Feuerwerksraketen, die als Kommentar zu Escamillos Gegockel in die Nacht aufsteigen. Kasper Holten, Es Devlin und Choreografin Signe Fabricius geben da den Gaffern ordentlich Zucker – doch es funktioniert und flutscht wie im Londoner Westend-Musical. Vielleicht auch, weil manches in seiner Wirkung so überdreht ist, dass man schon wieder Distanz und Ironie im Effekt erahnt. Bis hin zu den Videos von Luke Halls geht das, die immer wieder andere, sich drehende Karten zeigen und manchmal auch Sänger in Großaufnahme.“ (Münchner Merkur, 21. Juli 2017)

Premiere war am 19. Juli 2017. Die Inszenierung wird auch im Sommer 2018 auf der großen Seebühne gezeigt.

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Aufführungsdauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause.

Carmen Tickets sichern
x

Auf „Social Media aktivieren“ klicken, um Inhalte zu teilen. Erst dann werden Daten an Facebook übermittelt. In den Facebook-Datenschutzrichtlinien erhalten Sie mehr Informationen zum Zweck und Umfang der Datenerhebung sowie die weitere Verarbeitung und Nutzung der Daten durch Facebook.

Social Media aktivieren
x

Auf „Social Media aktivieren“ klicken, um Inhalte zu teilen. Erst dann werden Daten an Twitter übermittelt. In den Twitter-Datenschutzrichtlinien erhalten Sie mehr Informationen zum Zweck und Umfang der Datenerhebung sowie die weitere Verarbeitung und Nutzung der Daten durch Twitter.

Social Media aktivieren

Könnte dich auch interessieren