Ballet BC tanzt Ballet BC tanzt "16+ a room" © Michael Slobodian
Konzerte

Das Kraftwerk des Tanzes

26.03.2018

Letzte Chance für ein atemberaubendes Raumerlebnis. Volkswagen stellt seine Energieproduktion in Wolfsburg komplett von Kohle auf Gas um, baut daher ab Mitte des Jahres bis Sommer 2021 das alte Kraftwerk an der Nordseite des Mittellandkanals um und Turbinen ein. Dann wird kein Platz mehr sein für eine 1000-Plätze-Zuschauertribüne plus riesigem Bühnenbereich. Das bedeutet das Aus für kulturelle Nutzung.  Zu besuchen sein wird das wegen seiner nostalgisch Anmutung geschätzte Industriedenkmal nur noch beim diesjährigen Movimentos-Festival. Die 16. Ausgabe der Festwochen findet vom 4. April bis 6. Mai 2018 unter dem Motto „Würde" statt. Internationale Künstler aus den Bereichen zeitgenössischer Tanz, Jazz, klassische Musik und Schauspiel sind in Wolfsburg und Braunschweig zu erleben.

Wer mit dem Zug in Wolfsburg einrollt, erkennt das gigantische VW-Werk sofort an den vier 125 Meter hohen Türmen des Kraftwerks, das sich trutzig majestätisch in Klinkerverkleidung hüllt und so von den Glasfassaden der Besucherzentren in der Autostadt abhebt. Der südliche Teil des Komplexes ist stillgelegt und wird als Veranstaltungsraum genutzt. Prunkt mit historischen Technik-Überbleibseln, imposant hohem Saal und Patina an den Wänden. Seit 2003 der zentrale Spielort und damit das Herz von Movimentos. Weltstars wie Sting, Bryan Ferry und B.B King, Rammstein oder Kraftwerk traten dort auf, international besetzte Großensembles brachten klassisch moderne Tanzchoreografien zur Premiere.

Wir mit dem Spielort auch das Movimentos-Festival verschwinden?

Der für seinen jahrelangen Betrug am Kunden durch Abgasmanipulation in Verruf geratene Konzern leistet sich neben den VW-Mannschaften in der Frauen- und Herren-Fußball-Bundesliga schon immer Investitionen in Kultur-Events – als weitere Marketingmaßnahme zur Imageförderung der eigenen Produkte. Movimentos hatte dabei stets eine herausragende Stellung. Wird der Veranstaltungsreigen nach der Kraftwerk-Umnutzung nur noch Geschichte sein? Da gleichzeitig auch mögliche Milliardenstrafen und Folgekosten des Dieselskandals durch Einsparungen abzufedern sind? Der Sprecher der Autostadt, Tobias Riepe, beruhigt: „Wir sind uns unserer gesellschaftlichen und kulturellen Verantwortung in Wolfsburg bewusst und stehen dazu.“ Das Engagement soll sogar „weiterentwickelt“ und „intensiviert“ werden. Was konkrete Inhalte als auch Veranstaltungsorte angeht, seien aber noch keine Entscheidungen getroffen worden.

Eine kleine Pointe leisten sich die Programmmacher in diesem Jahr: Mit den 16. Movimentos schließt sich ein Kreis, denn mit der Grupo Corpo trat im Premierenjahr 2003 ein brasilianisches Tanzensemble unter den Schornsteinen auf – auch zum Abschluss der Kraftwerkveranstaltungen ist Grupo Corpo am 5. und 6. Mai wieder dabei.

Gastiert bei Movimentos: das kanadische Ballett BC mit der Deutschlandpremiere von „16+ a room“ - der Trailer auf Youtube

Neu im diesjährigen Tanzprogramm ist das Ballett BC aus Vancouver, zu den regelmäßig in Wolfsburg eingeladenen Gruppen zählen das taiwanesische Cloud Gate Dance Theatre, die zirzensische Compagnie DCA / Philippe Decouflé, die neoklassische Sydney Dance Company und Zero Visibility Corp. mit ihren multimedialen Performances.

Aber auch der Choreograph Wayne McGregor ist Wiederholungsgast mit seiner Kunst, psychologische Grenzräume auszuloten. Diesmal präsentiert er mit „Autobiography“ eine getanzte Meditation über sich selbst. Der Zyklus aus 23 Bildern „ist ein einziger berauschender Trip, eine physische Höchstleistung“, schreibt das Hamburger Abendblatt nach der Londoner Uraufführung. „Zu teilweise strapaziösen E-Musik-Sounds der Musikerin Jjin erkundet zunächst ein Tänzer solistisch den Raum. Tastet sich vor, streckt seine Glieder und entwickelt elegante, fließende Bewegungen (…) Das ist in den großen Gruppentableaus, an den fast Ballett-artigen Pas de deux und Pas de trois zu beobachten. Genauso wie an der an Merce Cunningham orientierten offenen, zeitgenössischen Tanzsprache – oder an den energetischen Hip-Hop-Moves mit Crumping und Popping.“

Gastiert bei Movimentos: der britsche Choreograf Wayne McGregor mit der Deutschlandpremiere von „Autobiography“ - der Trailer auf Youtube

Ergänzt wird das Tanzprogramm von Lesungen aus der biblischen Apokalypse, Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“, William Somerset Maughams „Vessel of Wrath" und das Stück „Marx in Soho" von Howard Zinn mit Boris Aljinovic. Friedrich Schillers Ideen von der ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts übersetzt Philipp Hochmair zudem in Balladen, die Rockmusik dazu kommt von Die Elektrohand Gottes. In der Jazzreihe tritt Gregory Porter auf, aber auch junge britische Talente wie Laura Jurd’s Dinosaur und Dominic J. Marshall sind dabei. Für die Klassik-Reihe gebucht: die Pianisten Samuel Youn, Kit Armstrong und Annika Treutler. Das Ensemble Risonanze Erranti hat neben Werken Carl Philipp Emanuel Bachs auch zwei Uraufführungen im Programm: Wolfgang Rihms Concertino für Violine und Streicher und sein Doppelkonzert für zwei Celli und Streicher.

Movimentos-Tickets
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