© Jörg Landsberg© Jörg Landsberg
Musiktheater

Lady Macbeth von Mzensk - Theater Bremen

28.02.2018

Gewalt und Stumpfsinn der Machogesellschaft

„Niemand drückt seine Lippen auf meine, niemand streichelt meine weiße Brust, niemand erschöpft mich mit leidenschaftlichen Liebkosungen.“ Dramatisch forciert schmettert Katerina Ismailowa, die Kaufmannsgattin, den Frust über Stumpfsinn und Langeweile ihres finanziell solventen, emotional insolventen Lebens heraus. Eine fiebernd Leidende. Da ist das eine Drama. Das andere könnte als die Tragödie eines schwulen Mannes beschrieben werden. All das findet statt in einer Atmosphäre stets latenter Gefährdung durch eine heillos triebhafte, habgierige, gewaltbereite Machogesellschaft. Inhaltlich zeitlos aktuell, musikalisch eine Ikone des modernen Musiktheaters ist „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch.

„Lady Macbeth von Mzensk“ und die Freiheitssehnsucht wider den Stalinismus

1934 mit überwältigendem Erfolg in St. Petersburg uraufgeführt – wurde das Werk bald in der ganzen Welt nachgespielt. Nicht nur um Katerina die vermeintliche Heldin des Werks zu huldigen, sondern auch, weil in dem Werk auch die autobiografische Abrechnung des nach Freiheit dürstenden, von einer Diktatur drangsalierten Künstlers steckt. Nach Stalins 1936 lanciertem Prawda-Hetzartikel wider diese Oper, „Chaos statt Musik“ betitelt, wurde sie verboten, was Dimitri Schostakowitschs Karriere jahrelang ruinierte.

„Dmitri Schostakowitsch formulierte mit seiner ,tragisch-satirischen Oper‘ inmitten des stalinistischen Terrors einen Protest im Kleinen: das Aufbegehren der Lady Macbeth gegen die soziale Kälte, gegen die Ausweglosigkeit und Enge gesellschaftlicher Normen, welche häusliche Gewalt genauso dulden wie das Wegsperren von Andersdenkenden. Grotesk, überspitzt und ungeschönt entfaltet sich die suggestive Kraft und Direktheit dieses Werks“, schreibt die Bremer Dramaturgie zu der Aufführung.

Und dann die berüchtigte Beischlafszene mit vertontem Orgasmus

Richtige große Chorszenen erzählen von Folter, Unterdrückung, Männerherrschaft sowie von Not und Elend des arbeitenden Volkes, mittendrin wimmeln Pfaffen und betrunkene Putcasts, aber auch Polizisten, die als stumpfsinnige Vertreterin der Staatsgewalt karikiert werden. Katerina bekommt seelenglühende Arien, der Bösewicht tanzt Wiener Walzer.

Und dann die berüchtigte Beischlafszene im ersten Akt, die für Stalin der Anlass seiner Empörung war. Wer sehen will, muss dort einfach nur zuhören. Schostakowitsch hat alles komponiert: Vom rhythmischen Ineinanderknäueln der Körper über die (Klang-)Explosion des Orgasmus bis hin zum Erschlaffen des Gliedes und dem postkoitalen Auseinanderknäueln, vertont als traurig erschöpftes Japsen der Posaune. Mit würdekraftvoller Stimme und roher Tatkraft hat Katerina ihren Liebeslügentraum zu intonieren – vergiftet dann den Schwiegervater, erdrosselt den Ehemann, heiratet den Geliebten. Bis der sich einer Jüngeren zuwendet. So sind die Männer? Die Aussortierte bringt die Nebenbuhlerin und sich selbst um. So sind die Frauen? Katerina ist auf den Emanzipationsbarrikaden wahrlich keine lyrische Fee des Mörderischen, sondern kopiert nur rücksichtslos das verachtete Männermachtverhalten. Scheitert daher unheldisch an ihrem Freiheitsstreben.

Diesem Werk widmet sich in Bremen der Regisseur Armin Petras, der 2014 erstmals in der Hansestadt gearbeitet und Tolstois „Anna Karenina“ inszeniert hat. Als Intendant gelang ihm in den letzten Jahren, das Stuttgarter Schauspiel wieder zu einer wichtigen deutschen Bühne zu machen.

Die musikalische Leitung übernimmt der neue Musikdirektor des Theaters Bremen, Yoel Gamzou.

Premiere war am 10. September 2017.

Aufführungsdauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause.

Pressespiegel

„Die Bilder von Petras sind stark, manchmal so stark, dass der Zuschauer einfach zu viel verkraften muss. Dass sich die Musik in solchen Momenten trotzdem als eine dritte Ebene durchsetzen kann und nicht Untermalung bleibt, ist der Einstudierung von Yoel Gamzou und der unerhörten Orchesterleistung der Bremer Philharmoniker zu verdanken. Scharf und wild sind Gamzous Akzente, sehnsüchtig seine Lyrik, grell die Schreie“. (Kreiszeitung, 12. September 2017)

„Im Bühnenbild von Susanne Schuboth und den Kostümen von Karoline Bierner holt Petras die Handlung näher an die Gegenwart heran … spannend … ist aber auch Petras’ hybride Dramaturgie, mit der er landläufige Opernkonventionen – und teilweise auch das Werk selbst, in das er und der Dirigent gezielt irritierend eingreifen – dekonstruiert … Dabei ist das Ensemble, wie fast immer in Bremen in den letzten Jahren, großartig. Nadine Lehners sängerische und darstellerische Gestaltung der Lady Katerina ist ein Erlebnis, das wohl niemand so bald vergessen wird … Sie singt die Katerina nicht mit der satten Wucht einer „Hochdramatischen“, sondern mit einer hellen, kraftvoll leuchtenden Stimme, die freilich in der fast tenoral stabilen Tiefe ein festgefügtes Fundament hat. Das energetisch Vibrierende ihres Fortes passt perfekt zu Petras’ Interpretation der Figur als eine Art Terroristin aus psychischer Not und Zerrüttung … Und noch eine Figur prägt sich in besonderer Weise ein: der bereits erwähnte Patrick Zielke als Boris, der mit seinem wuchtigen, dunklen, mit Sinn für dramatischen Effekte und auch für die Charge geführten Bass den breitspurigen Provinzoligarchen umwerfend auf die Bretter legt.“ (Die Deutsche Bühne, 11. September 2017)

„Das, was das Theater Bremen mit Regisseur Armin Petras auf die Bühne gebracht hat, ist einfach großartig, sensationell, vielleicht sogar ein Stück Theatergeschichte. So eine vibrierende, pulsierende, dreieinhalb Stunden anhaltende Dauerschock-Erfahrung habe ich lange nicht mehr erlebt ... Die Inszenierung ist unfassbar vielschichtig und aufwändig.“ (Radio Bremen, 11. September 2017)

„Meisterhaft hat Yoel Gamzou, der neue Musikdirektor am Theater Bremen, die Philharmoniker auf die Partitur der ,Lady Macbeth von Mzensk' (1934) eingestellt ... Diese kurze klagende Arie im vierten Akt ist in ihrer Stille ein intimer Höhepunkt inmitten dieses blechgrandiosen Werks und dieser mitreißenden Aufführung – dank Nadine Lehner. Ohnehin singt sie eine mitreißende Titelpartie. “ (taz, 16. Septermber 2017)

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