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Konzerte

Igor Levit: Auszeichnung für politisches Engagement und streichelzarte Tastenzauberei

10.01.2018 von Jens Fischer

Alle vier Jahre wird ein junger Pianist mit einem Preis ausgezeichnet, der den internationalen Aufbau seiner Karriere dienen soll. Entscheidend ist dabei nicht nur das Spiel des Kandidaten, sondern auch seine Persönlichkeit. Jetzt erhält Igor Levit den Gilmore Artist Award 2018 –  nicht zuletzt auch für sein politisches Engagement, wie Daniel R. Gustin, Direktor des Irving S. Gilmore International Keyboard Festivals, bekanntgab. Der seit 1991 auf dem Festival von der US-amerikanischen „Irving S. Gilmore Foundation" vergebene Preis ist mit 300.000 Dollar dotiert, umgerechnet etwa 250.000 Euro. Letzter „Gilmore Artist“ war 2014 der polnische Pianist Rafał Blechacz.

„Igor Levit ist nicht nur ein großartiger Pianist, sondern auch ein sehr nachdenklicher und aufschlussreicher Künstler, und er hat einen tiefen Eindruck auf alle hinterlassen, die seine Auftritte in den letzten drei Jahren verfolgt haben", begründete Gustin die Wahl von Levit. Für die New York Times erhielt Levit die Auszeichnung für „seine starke Mischung aus kraftvoller Kunst und politischer Offenheit." Der Preis ist gleichermaßen prestigeträchtig und geheimnisvoll, da er nicht Resultat eines Wettbewerbes ist, sondern die Wahl einer anonymen Jury, die inkognito zu Konzerten reist.

Politisches Engagement dank Beethoven: Von Herzen möge es wieder zum Herzen gehen

Die Jury bewertet aber eben auch sein öffentliches Auftreten. Und da gibt es einiges zu erleben. Denn Levit ist nicht nur ein viel gerühmter Pianist, sondern gilt auch als leidenschaftlicher Humanist. Er beziehe sich dabei auf Ludwig van Beethoven, erklärte Levit im Deutschlandfunk. „Beethoven hat über seine Missa solemnis ein Motto geschrieben, das für mich zum schönsten gehört, was es von Menschenhand an Worten gibt. Er schrieb ,Von Herzen möge es wieder zum Herzen gehen'. Und dieser Menschbezug, dieser Aufruf zum Miteinander, das war für mich immer ein ganz zentraler Begriff, und es ist einfach von Herzen zum Herzen, und das meine ich mit diesem Humanismus. Es ist grenzenlos, es ist eine universelle Idee,  die dahintersteht und die war mir immer von allergrößter Bedeutung her."

Gegen Donald Trump, Rechtspopulismus, Brexit

Daher ist es für Levit geradezu eine Pflicht, sich in diesen Zeiten auch als Musiker politisch zu artikulieren. Anlässlich der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten kommentiert er das vor einem Konzert in Brüssel mit einer Ansprache ans Publikum. Bei der Eröffnung der 2017er „Night of the Proms" in der Londoner Royal Albert Hall gab er als Zugabe Beethovens „Ode an die Freude", die Europahymne, als seinen Kommentar zum Brexit. In Deutschland engagiert er sich gegen Rassismus und rechtsnationale Gruppierungen, gab auch Konzerte für Flüchtlinge. Aktiver Teilnehmer am politischen Tagesgeschäft ist Levit vor allem durch seine Präsenz auf Facebook und Twitter mit etwas über 6.000 Followern.

Warum – das erklärte im Münchner Merkur so: „Jemand, der auch aus beruflichen Gründen durchs Leben läuft, die Augen offen hält und dabei wie wir Künstler in der Auseinandersetzung mit den Werken auch mit humanistischen Werten, Inhalten, Haltungen, Meinungen konfrontiert wird, kann nicht einfach stillhalten. Alles andere wäre inkonsequent. Ich verlange, dass sich die Menschen bewusst sind, was passieren kann, wenn man zu bestimmten Entwicklungen schweigt. Zu sagen, der Alltag interessiert mich nicht, gerade als Künstler, ist ein Luxus allerschlimmster Sorte. Bei so was fallen mir gleich die Resthaare aus.“

Auch den Beethoven-Ring darf Igor Levit tragen

Der Gilmore Award ist nicht der einzige Preis, den Igor Levit in diesem Jahr erhält: Nach mehreren Konzerten, die er in Bonn mit Werken Ludwig van Beethovens gab, wählten ihn die Mitglieder des Vereins „Bürger für Beethoven" zum Träger des Beethoven-Rings. Die Auszeichnung wird Levit am 21. April 2018 im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses in Bonn verliehen. Von Anbeginn seiner Karriere hat sich Levit mit Beethoven-Interpretationen einen Namen gemacht. Sein Schallplatten-Debut gab er mit Einspielung der letzten fünf Klaviersonaten Ludwig van Beethovens – zu weiteren CD-Einspielungen zählen Variationszyklen von Bach und Rzewski: die „Diabelli-Variationen". „Sie bersten vor Energie und sind zugleich präzise gearbeitete Kleinode. Unerhört frisch das Thema, wie freigelegt unter Firnis, immens das Spektrum der Phrasierungen und Stimmungen, vom jugendlichen Elan über die Komik bis zu den transzendenten Momenten. Zorn und Zärtlichkeit wohnen dicht beieinander“, hieß es im Berliner Tagesspiegel.

Biografische Notiz

Igor Levit wurde 1987 im russischen Nischni Nowgorod geboren und bekam bereits mit drei Jahren Unterricht bei seiner Mutter, der Pianistin Elena Levit. Sein erstes Solokonzert gab er mit vier Jahren. Als jüdische Kontingentflüchtlinge konnte die Familie 1995 nach Deutschland übersiedeln. Levit studierte am Institut zur Frühförderung musikalisch Hochbegabter (IFF) der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover.

Zu seinen Lehrern gehören Karl-Heinz Kämmerling, Matti Raekallio, Bernd Goetzke, Lajos Rovatkay und Hans Leygraf.

Seit 2000 konzertiert Levit in Europa, den USA und Israel mit führenden Sinfonieorchestern. Kammermusik macht er mit Mischa Maisky, Sergei Alexandrowitsch Krylow, Kim Kashkashian, Gavriel Lipkind und Daniel Müller-Schott. Als Klaviertrio tritt er mit Maxim Vengerov und Alisa Weilerstein auf.

Konzertausschnitt auf Youtube: Beethovens Klaviersonate Nr. 30 Op.109 #1-2

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