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Konzerte

Wenn sich die Nackenhaare aufstellen

27.02.2018 von Jens Fischer

Eiseskälte dringt durch das gerade geöffnete Fenster. Gruselige Geräusche durchwehen die Schwärze einer nächtlichen Filmszene. Quietschend wird ein Kreidestängel an einer Tafel entlanggezogen. Purer Zitronensaft tröpfelt in den Mund. Wiederbegegnung mit einem lange vermissten Menschen. Zart speicheln Lieblingsfreund und Lieblingsfreundin ihre Lippen aneinander. Die Nachricht vom Tod der Mutter. Wenn der finale Orgeleinsatz der 3. Sinfonie von Camille Saint-Saëns sakrale Wucht verleiht. Oder die Sopran-Primadonna zum Seiltanz der Koloratur bittet und als unglückliche Lucia zur großen Wahnsinnsarie in Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ anhebt. So viele Anlässe – und der stets gleiche Effekt: Körperhärchen recken sich unwillkürlich an den Beinen, auf dem Rücken und vor allem an den Armen in die Höhe, ein sanftes Kribbeln breitet sich aus, lässt den Körper vor Wohligkeit erschauern. Gänsehaut!

Youtube-Video mit Gänsehaut-Gefahr: Zubin Mehta dirigiert das Finale der 3. Sinfonie von Camille Saint-Saëns, es spielen die Berliner Philharmoniker, Organist ist Thierry Escaich (Aufnahme vom 26. September 2015)

Man kann poetisch von ihr schwärmen, sie als Zeichen der Empfindsamkeit feiern, aber auch mit wissenschaftlicher Sachlichkeit feststellen, dass es sich bei Gänsehauterlebnissen, die in der Fachsprache „Chill-Reaktionen“ heißen, um unwillkürliche, durch das autonome Nervensystem ausgelöste, vom Musculus arrector pili ausgeführte, emotional unterfütterte Reflexe handelt: eine bewertende und damit emotional grundierte Reaktion auf einen Sinnesreiz.

Eine Theorie des Emotionsforschers Jaak Panksepp von der US­-amerikanischen Bowling Green State University besagt, Gänsehaut habe ursprünglich mit der Mutter-Kind-Bindung zu tun – bei abgelegten Affenbabys stellen sich die Haare auf, wenn sie den Ruf der Mutter hören. Menschenmütter zeigen genau das Phänomen, wenn ihr Nachwuchs schreit. Ob das immer ausgelöst wird bei Klängen aus der eigenen Entwicklungsgeschichte, hat sich die Wissenschaft schon lange gefragt. Und Musiker haben auch schon nachgefragt, was dafür kompositorisch zu tun ist, dass einem Musikwerk eine (verkaufsfördernde) Gänsehautgarantie bescheinigt werden kann? Die Forschung ist dem auf der Spur und durchleuchtet den Musikhörer, aber auch Museums- und Theaterbesucher mit Messmethoden, die sonst Marketingagenturen für Warenhäuser und Supermärkte an deren Kunden ausprobieren. Im gläsernen Kunstkonsumenten soll sichtbar werden, wie Kunst Wirkung erzielt.

Aber was ist Gänsehaut denn nun? Ein Überbleibsel der Evolution, heißt es. Der fröstelnde Mensch, ursprünglich ein stark behaartes Wesen, wärmte sich, indem er die Haare aufstellte und so ein Luftpolster entstand. Bei unserer heutzutage spärlichen Fellanmutung ein allerdings nicht mehr sonderlich effektives Verfahren.

Den Zusammenhang von Menschheitsgeschichte, Musikgenuss und Gänsehaut untersuchten Hirnforscher der Université de Bourgogne. Sie fanden heraus, dass das menschliche Gehirn beim Musikhören versucht, die akustischen Signale auf ihre emotionale Bedeutung hin zu analysieren und Schlüsse zu ziehen. So wie Tiere Geräusche daraufhin interpretieren, ob sie nun in den Flucht-, Kampf-, Fressmodus verfallen sollen. Und Gänsehaut gehört zum Kampfmodus. So wie die Katze einen Buckel macht, die Haare sträubt und sich querstellt, um mehr Masse vorzuweisen, wenn sie Angst hat, versucht der Mensch durch aggressives Haareaufstellen größer und stärker zu wirken, um eine Bedrohung abzuwenden, wenn er Musik vernimmt, die Gefahr suggeriert. Wie sie das tut? Mit Überraschungen. 

Lucia di Lammermoor im Theater Bremen - Inszenierungsfoto © Jörg Landsberg
Gänsehaut-Gefahr: Nerita Pokvytyte singt die Wahnsinnsarie in „Lucia di Lammermoor" am Theater Bremen
Tickets für „Lucia di Lammermoor"

Gänsehautmusik - wissenschaftlich gemessen

Das geht aus einer Studie hervor, die der Neuropsychologe Eckart Altenmüller mitverantwortet hat, Leiter des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Probanden wurde ihre persönliche Gänsehautmusik vorgespielt und nicht nur nach dem Härcheneffekt geguckt, sondern auch gemessen, was die Schweißdrüsen so tun, wie sich Herzschlag, Blutdruck, Muskelaktivität, Atemfrequenz, Hauttemperatur, Puls und Hirnströme verändern. Ergebnis: Gänsehaut ist kein unbedingter Reflex, sondern die Voraussetzungen müssen stimmen, also Musik, Umgebung und Außentemperatur als angenehm empfunden werden und der Körper entspannt sein. Wobei, darauf weist die Studie hin, die Gänsehautreaktion erlernt ist. Denn es gibt nicht die Gänsehautmusik für alle. Die so bezeichneten Musikwerke der Probanden waren sehr unterschiedlich – da persönlicher Geschmack, Hörbiografie, Genetik und gesellschaftliche Prägung sehr individuell sind.

Splitterndes Glas Symbolbild © pixabay

Nur eine Gemeinsamkeit konnten die Forscher feststellen: Die Härchen beginnen sich beim Hören mit Vorliebe an musikalischen Bruchstellen aufzurichten, an denen also etwas Neues beginnt. Das kann eine originelle Wendung in der Melodie sein, eine ungewöhnliche Akkordentwicklung oder Tempobeschleunigung, eine plötzlich üppigere Instrumentation, der Wechsel von Soloinstrument zur Singstimme, der Anfang eines neuen Abschnitts, der Einsatz des Chors oder lautstarkes Aufbrausen. Jedenfalls etwas, dass der Hörer nicht unmittelbar erwartet. Daraufhin wechselt er in den Achtung- und Abwehrmodus – und lässt die Härchen in Angstlust erigieren. Gänsehaut ist dann einer Art Schreckreaktion – wie beim Pistolenschuss im Dunkeln.

Genauso funktioniert die wohlige Variante der Gänsehaut. Also beim Wiedererkennen von Musik, die wir mit wichtigen Ereignissen in unserem Leben assoziieren. Kommt eine Sinfonie zu Gehör, bei der jemand die Ex-Freundin kennengelernt oder sie in einem schönen Urlaub gehört hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er beim erneuten Vorspielen des Werks wieder eine Gänsehaut bekommt. Und wenn ein Klavierwerk erklingt, das auch der Hörende gern spielt, muss er bei jeder Variation des Hauptthemas, jeder Modulation, jeder Kadenz eher mit einem neuerlich angenehmen Schauer rechnen als jemand, der gar kein Piano spielen kann. Gerade geübte Hörer reagieren auf das Erkennen von Strukturen – wie wiederkehrenden Motiven oder Tonfolgen – mit den Standing Ovations der Härchen.

Auch dazu gibt es Antworten, welchen evolutionären, also überlebenswichtigen Vorteil das hat. „Laut Studien der kanadischen Neuropsychologen Anne Blood und Robert Zatorre von der McGill University in Montreal aus dem Jahr 2001 beruhen Gänsehaut-Erlebnisse auf der Aktivierung des limbischen Belohnungssystems – also jener Hirnregionen, die uns auch beim Sex und bei gutem Essen Glücksgefühle vermitteln. Und offenbar fördert die damit verbundene Ausschüttung so genannter Endorphine – also körpereigener Opiate – auch das Gedächtnis“, heißt es in Altenmüller Studie. Die starken Emotionen beim ersten Hören eines bewegenden Stücks würden im assoziativen Gedächtnis gespeichert. So erweitere sich das Repertoire an gespeicherten auditiven Mustern und schule damit die Fähigkeit, zwischen verschiedenen akustischen Reizen zu unterscheiden, zum Beispiel den Geräuschen eines heranschleichenden Raubtiers und den harmlosen Tritten eines lieben Artgenossen. Also wieder Gänsehaut als Hinweis, sich rechtzeitig darauf vorzubereiten, gleich kämpfen zu müssen oder kuscheln zu dürfen

Wie Gänsehaut mit Emotionen und dem Klang der menschlichen Stimme assoziiert ist

Aufgereihte Instrumente Foto © pixabay

Etwas tiefer steigt eine Studie ein, die im Journal „Social Cognitive and Affective Neuroscience" veröffentlicht wurde. Sie besagt, dass Menschen, die Gänsehaut bei Melodien verspüren, wesentlich mehr Verbindungen zwischen dem auditorischen Cortex und jenen Hirnregionen haben, die für das Verarbeiten von Gefühlen zuständig sind. Durch die Hörrinde finde die Musik direkt Zugang zu diesen Hirnbereichen und sorge dafür, dass sie besser miteinander kommunizieren, was das Musikerlebnis intensiver macht.

Eine Forschungsassistentin beschreibt das sehr schön in der Studie des Brain and Creativity Institute der University of Southern California. Sie bekommt Gänsehaut bei „Nude“ von Radiohead: „Es fühlte sich so an, als hätte meine Atmung sich dem Rhythmus des Liedes angepasst, als ob mein Herzschlag langsamer geworden wäre und ich mich vollkommen in die Melodie hineingefühlt hätte. Die Emotionen, die das Lied transportierte, waren plötzlich genauso überwältigend wie meine körperliche Reaktion darauf.“

Gänsehaut-Gefahr: Radioheads Thom Yorke singt "Nude", ein Song vom 2007er Album "In Rainbow"

Wie im Dossier „Kunst und Musik“ der Zeitschrift „Gehirn & Geist“ nachzulesen ist, löst am häufigsten die menschliche Stimme Gänsehaut aus.  Auch Instrumente, deren Klang ihr ähneln, verursachen leicht eine Gänsehaut: Geige, Cello, Bratsche, Oboe, Fagott und besonders das Saxofon. Grundlegende Gefühle können auch allein aus dem Klang, der Melodie fremder Sprachen erkannt werden. Was Komponisten nachahmen. Trauer wird gemeinhin in eher langsamen Moll-Kompositionen dargestellt, Wut eher in schnellen, lauten Passagen.

Immer wieder ist in den Gänsehaut-Studien zu lesen, dass ein Drittel bis ein Viertel aller Menschen überhaupt nie ihre Härchen in Hab-Acht-Stellung erleben. Andere hingegen deutlich überdurchschnittlich zu diesem Phänomen neigen. Eckart Altenmüller spricht von „Gänsehautpersönlichkeiten“: meist Menschen, die besonders empfindsam sind, die zum Weinen neigen, denen allzu starke Reize unangenehm sind und in Psycho-Fragebögen als „belohnungsabhängig“ eingestuft werden – auffällig viele würden in sozialen Berufen arbeiten, viel kommunizieren, etwa Ärztinnen, Krankenschwestern oder Pfleger. Menschen, die eher Gänsehaut-immun sind, arbeiten eher in technischen Berufen, haben einen rationaleren Zugang zur Welt.

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