Anu Tali / © Kadri Tali Anu Tali / © Kadri Tali
Konzerte

"Prima, eine Donna am Pult"

15.11.2017 von Jens Fischer

Ärztinnen, Richterinnen, Schulleiterinnen, Uni-Professorinnen, Managerinnen, Personalchefinnen gehören inzwischen zum Alltag. Die Bürger bestätigen alle vier Jahre eine Bundeskanzlerin in ihrem Amt. Ist das der Triumph der Emanzipation, sind alle Forderungen erfüllt – und müssen nur bei besonders eklatanten Fällen von sexuellem Missbrauch noch Kampagnen gestartet werden wie aktuell: #MeToo? „In einem Land, in dem der mächtigste Mensch eine Vagina hat, wird ,Frauenquote’ für mich immer ein bisschen nach Vorteilsbeschaffung riechen“, so provokant hat Kolumnistin Ronja Larissa von Rönne in der „Welt“ die postfeministische Unlust gegenüber Frauenfragen formuliert. „An die Stelle des Kampfes um Frauenrechte ist schon lange der Kampf des Individuums um sein Glück getreten, aber das wird nicht gerne gehört, das ist egoistisch und unromantisch, das Feindbild nicht klar und die Fronten diffus.“

Vom Aussterben bedroht: Männer-Mythos Maestro

Ja, nicht nur diesbezüglich ist die Gesellschaft gleichberechtigter geworden. Aber überall? Nein. Auch nicht auf allen Ebenen des Kunstbetriebs, der sich ja gern als moralisches Gewissen der Nation inszeniert, schöne Gleichberechtigungsforderungen erklingen lässt und diese intern dann selbst nicht immer praktiziert. Besonders lohnt der Blick auf Frauen in der klassischen Musik. Ja, auch aus Orchestern, selbst Traditionsbunkern wie den Wiener Philharmonikern, sind sie längst nicht mehr wegzudenken – einige Orchester bestehen bereits zur Hälfte aus Musikerinnen. Und als Instrumentalvirtuosinnen füllen sie ebenso Säle wie ihre Kollegen. Aber es gibt eine Position, die geradezu mit dem Mythos des Männlichen unreformierbar besetzt zu sein scheint – die des Pult-Napoleons.

Männer unter sich: Taktstock-Zampano Herbert von Karajan dirgiert die Berliner Philharmoniker, gespielt wird Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 "Eroica"

Von der Geburt des Maestros

Als im 19. Jahrhundert die Kompositionstechniken immer komplexer, Instrumentierungen immer üppiger, die Orchester immer größer wurden, konnten die Ensembles nicht mehr vom Cembalo aus geleitet werden, sondern benötigten einen Organisator. Und geboren wurde der absolute Gebieter über die Partituren, der seine Orchestergemeinde wie ein Messias zu künstlerischen Höchstleistungen treibt. Zur vergötterten Vaterfigur stieg der stabführende Heros auf – in Gestalt eines hellhäutigen, grauhaarigen Europäers. Der Dirigent war geradezu Ikone des Männlichen: die Inkarnation patriarchaler Führungsstärke. Als Modell der autoritären Gesellschaft beschrieb Theodor W. Adorno in den antiautoritären 1960er Jahren die Beziehung von Dirigenten zu Orchester und Zuhörern. Das bestätigt Andreas Bausdorf, Geschäftsführer der Deutschen Orchester-Stiftung: „Bis vor 20 Jahre war der Beruf vor allem männlich konnotiert, stand für Macht und Durchsetzungsfähigkeit, inzwischen haben einige Dirigentinnen als Eisbrecherinnen gewirkt, obwohl der klassische Musikmarkt immer noch eher konservativ ist.“ 

Immer mal wieder sollten und wollten sie diese Männerbastion erobern und die Frackträger vom illustren Pult vertreiben: die Maestras. Weniger um als Dompteuse oder Hohe Priesterin das Dirigenten-Klischee von weiblicher Seite her zu bestätigen, eher um zu zeigen, dass die Kunst des Dirigierens sich längst emanzipiert hat. Das Wunderwerk des vollkommenen Orchesterklanges  funktioniert ja nicht als Pult-Diktatur, sondern nur, wenn alles im selbstverständlichen Fluss und im Einklang ist und keine Kampfspuren zu übertönen sind. Es gilt als primus oder prima inter pares ein kollegiales gemeinsames Musizieren zu inspirieren. Der Musik sind Hautfarbe, Geschlecht und textiles Design der Musizierenden sowieso völlig egal. Fakt aber ist: Es dirigieren weiterhin vor allem Männer. So recht vorangekommen scheint  die Gleichberechtigungsbewegung um das Pult also nicht – quält sich weiter gegen Vorurteile, eitle Platzhirsche und das Alte-Männer-Netzwerk aus Agenten, Intendanten und Musikern. Auch Musikerinnen wird nachgesagt, sie hätten lieber einen Mann als Chef.

© Nikolaj Lund
Joana Mallwitz

Zahlen, Fakten, Hintergründe: Beruf der Dirigentin

Doch blüht die mediale Aufmerksamkeit immer wieder auf, wenn sich Frauenpower durchsetzt. „Mit der Berufung von Frau Mallwitz zur Generalmusikdirektorin an das Staatstheater Nürnberg wurde ein Schritt vollzogen, der in unserer Gesellschaft höchst überfällig ist: Frauen in Führungspositionen", so begrüßte Nürnbergs Kulturreferentin Julia Lehner im Oktober 2017 die Verpflichtung der Dirigentin. Wobei sie übersah, dass Joana Mallwitz bereits eine Frau in Führungsposition war – nämlich seit der Spielzeit 2014/15 Generalmusikdirektorin des Theaters Erfurt. Eine geradezu typische Dirigentinnen-Karriere liegt hinter ihr: Sie begann als Solorepetitorin am Theater Heidelberg, wo der Aufstieg zur Kapellmeisterin und Assistentin des Generalmusikdirektors (GMD) folgte, so dass Mallwitz sich früh ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Eine rühmliche, ruhmvolle Ausnahme.

Grundsätzlich sieht die Situation von „Frauen in Kultur und Medien“ anders aus. So ist eine Studie betitelt, die 2016 vom Deutschen Kulturrat veröffentlicht wurde. Fürs deutsche Theater wird dort konstatiert, drei Viertel aller heute gespielten Stücke stammen von Männern, werden zu 78 Prozent von Männern inszeniert und zwar in Häusern, die ebenfalls zu 78 Prozent von Männern geleitet werden – obwohl es mit 51 Prozent Regieassistentinnen am weiblichen Nachwuchs nicht mangelt. Aus diesem Wissen heraus wurden aktuell einige neue Initiativen von Theatermacherinnen gegründet, etwa Pro Quote Bühne, die einen Frauenanteil von 50 Prozent fordern und nicht mehr 36 Prozent (Regisseurinnen) bis 46 Prozent (Schauspielerinnen) weniger verdienen wollen als Männer in gleichen Positionen.

In der klassischen Musik ist die Aufbruchsstimmung geringer, obwohl die Zahlen gravierender sind. An deutschen Musikhochschulen sind mehr als die Hälfte der Studierenden Frauen. Ins Fach „Dirigieren“  waren (nach einer Statistik des Deutschen Musikinformationszentrums) in deutschen Musikhochschulen, Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und Fachhochschulen des Jahres 2016 genau 330 Studierende eingeschrieben, davon 136 (41 Prozent) Frauen. Bewerbungen für Führungspositionen im Orchesterbetrieb spiegeln diese Situation allerdings kaum wieder. Da stehen dann schon mal 130 Männer drei Frauen gegenüber. Aber wer sie sucht, der findet sie, die GMD-Role-Models wie Romely Pfund (Bergische Symphoniker), Catherine Rückwardt (Staatstheater Mainz), Alicia Mounk (Theater Ulm), Marie-Jeanne Dufour (Meininger Theater) und Karen Kamensek (Theater Freiburg und Staatsoper Hannover).

© Neda Navaee
Anja Bihlmaier
Marie Jaqcuot - Mainfrankentheater Würzburg © Oliver Binder
Marie Jacquot

International wurden Dirigentinnen zu Klassik-Stars

Aktuell ist es so, dass von den rund 130 Orchestern in Deutschland, die die Deutsche Orchestervereinigung e. V. verzeichnet, nur drei von Frauen geleitet werden – so unsere Recherche. Eben Mallwitz‘ Philharmonisches Orchester Erfurt, seit dieser Spielzeit ist die Engländerin Julia Jones Generalmusikdirektorin in Wuppertal und  Valérie Seiler gründete 2016 das erste Frauen-Sinfonieorchester Les Elles Symphoniques mit Musikerinnen aus dem Dreiländereck Baden, Basel und Elsass. 1. Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin sind Anja Bihlmaier (Staatstheater Kassel) und Marie Jacquot (Mainfrankentheater Würzburg). Andere der insgesamt wenigen fest angestellten Dirigentinnen bekleiden meist nachgeordnete Positionen im Orchesterbetrieb.

Allerdings gibt es viele, die freiberuflich arbeiten. Laut Schätzungen des vom Frankfurter Archiv Frau & Musik verantworteten Online-Lexikons „Europäische Dirigentinnen“ sind in Deutschland aber bei Weitem keine zehn Prozent aller professionell Dirigierenden weiblichen Geschlechts. Vielfach arbeiten die Freiberuflerinnen als Spezialistinnen für Neue oder Alte Musik, leiten kleine Ensembles oder Chöre, sind an Hoch- und Musikschulen sowie Education-Programmen engagiert, um junge Menschen für klassische Musik begeistern. Andere arbeiten als Repetitorinnen, studieren also am Klavier mit den Sängern ihre Rollen ein. Alles Jobs im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung. Eine Quote für Jobs im Scheinwerferlicht wird von Dirigentinnen nirgendwo gefordert. Selbstbewusstes Motto: Gutes setzt sich irgendwann schon alleine durch.

Das ist international nicht anders. Auch wenn dort mit einigen wenigen großen Namen gewuchert werden kann. So wurde die 30-jährige Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla als Nachfolgerin von Andris Nelsons zur Musikdirektorin des City of Birmingham Symphony Orchestra gekürt. Das BBC National Orchestra of Wales berief die Chinesin Xian Zhang zur ersten Gastdirigentin, die Mexikanerin Alondra de la Parra leitet das Queensland Symphony Orchestra, Anu Tali ist Music Director des Sarasota Orchestra (USA) und Oksana Lyniv Chefdirigentin der Oper Graz und des Grazer Philharmonischen Orchesters. Um solche Entwicklungen kenntlich zu machen, waren zum letztjährigen Lucerne Festival unter dem Motto „PrimaDonna“ elf Taktstock-Chefinnen geladen, die ihre Mitarbeiter zu einem engagierten Orchesterunternehmen formen und klanghochwertige Interpretationen klassischer Werke für den Musikmarkt der Höreliten produzieren. Vielfach sind es Solistinnen, die gleichzeitig musizieren und von ihrem Instrument aus dirigieren. Vor allem sind es Maestras, die sich mit ihrem Ensemble oder eigenen Kompositionen vorstellen.

© Frans Jansen
Mirga Gražinytė-Tyla
© Felix Broede
Mexikanerin Alondra de la Parra

Es gibt kein weibliches Dirigieren

Die über 80-jährige Pult-Pionierin Sylvia Caduff, 1977 bis 1986 Generalmusikdirektorin des Städtischen Orchesters Solingen, liest in der Schweizer TV-Doku des Festivals ein Empfehlungsschreiben des Pult-Machos Herbert von Karajan aus dem Jahr 1965 vor: „Ich hoffe, dass Ihr einziges Handicap, nämlich eine Frau zu sein, sich nicht nachteilig auf Ihre Laufbahn auswirken wird.“ Aber nur mit Naivität, so Carduff, habe sie sich durchsetzen können – also einfach volle Konzentration auf die Musik und volle Ignoranz dem Gefühl, Frau in einem Männerberuf zu sein sowie dem Fakt, eine Machtposition auszuüben.

Solche Dirigentinnen sind zwar die große Ausnahme, aber die Geschlechterfrage ist für die Künstlerinnen selbst kein wichtiges Thema. „Ich wache ja nicht morgens auf und sage mir: Hey, ich bin eine Frau“, meint die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan. Sie geht einfach voller Leidenschaft ihrer Arbeit nach, singt und dirigiert. Simone Young, bis 2015 Generalmusikdirektorin und Intendantin der Hamburgischen Staatsoper, weigerte sich jahrelang, sich dazu überhaupt noch zu äußern. „Mich macht es eher traurig, wenn mir die Frage gestellt wird, wie ich mich als Frau am Dirigentenpult fühle. In meinem Beruf spielt dieser Gedanke für mich überhaupt keine Rolle“, betonte Mallwitz in einem Interview mit „Crescendo“: „Dirigieren bedeutet Kommunikation, die auf einer individuellen Körpersprache beruht. Der Klang des Orchesters wird dadurch direkt beeinflusst. Einen typisch männlichen oder weiblichen Dirigierstil kann ich nicht erkennen.“ Auch Orchesterstiftungschef Bausdorf stellt klipp und klar fest: „Es gibt kein weibliches Dirigieren.“

Youtube-Video: Das Lucerne-Festival widmete sich 2016 den Dirigentinnen

Sexismus in der Debatte um Frauen am Pult

Aber es gibt Gegenstimmen. Nachdem sie so lange kaum bis nicht dirigieren durften, tun sie dies nun sehr akzentuiert, wie noch 2014 ein Rezensent in der Rheinischen Post schrieb: „Das Unterbewusstsein dirigiert mit. Sie möchten sich keine Blöße geben. Sie schlagen in der Regel überdeutlich, bisweilen mit einer Tendenz zum Militärischen, wie es etwa junge estnische Dirigentin Anu Tali praktiziert, die sich phänotypisch vom Titel des Generalmusikdirektors vor allem den General ausgesucht hat. Angesichts ihrer zierlich-wespenhaften Erscheinung ist das ein leicht bizarrer Reiz … Der Star der Branche ist ohne Zweifel die amerikanische Dirigentin Marin Alsop, sie ist vom Auftreten sicher eine maskuline Erscheinung, der das Herrschen leichtfällt.“ Während anderen Autoren behaupten, Dirigentinnen würden weniger präzise Anweisungen geben, was Männersache wäre, sondern besonders einfühlsam eher zarte Impulse setzen … usw. mit den Geschlechterklischees.

Weiter im Fokus: Während sich Dirigenten im Frack als individuelle Persönlichkeit erstmal unsichtbar machen, wird von Frauen anderes verlangt. Aber für Dirigentinnen ist die Arbeitskleidung häufig ein schwarzer Hosenanzug – nie ein schulterfreies Ballkleid.  In der Vermarktung fällt allerdings auf: Meist sind die musikalischen Leiterinnen relativ jung und entsprechend den aktuellen Modetrends als attraktives Covergirl inszeniert. Seht her, was Besonderes, eine schöne Rarität. Was letztendlich nur eine weitere Form der Ausgrenzung ist. So lassen sich Frauen im Männerbusiness gut verkaufen, ohne grundsätzlich etwas zu ändern. Genau das ist die Arbeit von PR-Menschen, dementsprechend die deutsche Sprache für die Agenturen der Künstlerinnen und Veranstalter ihrer Konzerte zu missbrauchen. Auch die Medien spielen mit, aus dem letzten Jahrhundert sind unter anderem folgende Überschriften überliefert: „Prima, eine Donna am Pult“, „Eine Frau zähmt 65 Männer“ „Rot wird sie nur beim Fortissimo“, „Eine Symphonie in Blond“, „Sie hat den Kochlöffel mit dem Taktstock getauscht“. Unter der Überschrift „Sie hat echt die Eier dafür“ startete in der „Welt“ kürzlich ein Text so durch: „Jetzt sind wir mal sexistisch. Doch, es ist schön, mehr als nur ästhetisches Vergnügen, diesen wohlgestalteten, alabasterfarbenen Frauenarmen zuzusehen. Die schwingen so elastisch wie harmonisch durch die Luft, halten mal einen Stab, dann wieder versuchen sie es mit reinem Fingerspitzengefühl. Dazu fliegt aschblondes Haar. Die unterleibslose Dame mit der grau schimmernden ärmellosen Seidenbluse wendet sich, graziös aus der Taille schwingend, nach links und rechts, teilt generös aus, hält aber die Zügel straff.“

Was hingegen von den Künstlerinnen gewünscht ist: ein Konzertpublikum, dass Dirigentinnen als etwas Selbstverständliches empfindet. Je mehr Maestras es auf das Pult schaffen, desto größer die Chancen der Folgewilligen. Die Pionierarbeit ist geleistet. Und es „gibt jetzt eine neue Generation junger Frauen, die ihren Weg gehen werden“, sagte Simone Young im Interview der Deutschen Presseagentur: „Ich glaube, in jedem Beruf, in dem es ungewöhnlich ist, eine Frau zu sehen, muss es immer erst eine Frau geben, die die Tür aufmacht und die zeigt, dass eine Frau durch diese Tür gehen kann. Und wenn sie einmal durch diese Tür gegangen ist, dann bleibt die Tür offen für die anderen.“ Bausdorf ergänzt: „Es ist wirklich nur eine Frage der Zeit, die Kompetenzen bei den jungen Dirigentinnen sind da.“

Joana Mallwitz - Termine:

Marie Jacquot - Termine:

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