Bild: Johan Persson
Mit „Kinky Boots“ hat am Wochenende Hamburgs neues Show-Highlight seine Deutschland-Premiere gefeiert. An einem Ort, der wie geschaffen ist für ein Musical über eine Dragqueen-Truppe, die mit ihren sexy Stiefeln und ihrem schrillen Auftreten einer maroden Schuhfabrik neues Leben einhaucht: die Reeperbahn!
Ein Musical über Drag-Queens – braucht es das wirklich noch auf Hamburgs sündiger Meile? Oh ja, denn das hier ist sehr viel mehr als bloß schrill-frivoler Show-Ringelpiez mit Revue-Nummern und bunten Kleidern. „Kinky Boots” ist ein von Anfang bis Ende magisches Erlebnis und zählt zu jenen raren Musicals, die jeder mal gesehen haben sollte. Warum? Weil es sich eben nicht nur zum Selbstzweck dient, sondern zwischen den ausgefallenen Dance-Einlagen und tollen Songs aus der Feder von 80s-Ikone Cyndi Lauper auch eine wunderschöne Geschichte von Toleranz, Offenheit und Freundschaft erzählt. Dinge, die heute leider immer noch nicht selbstverständlich sind.
2012 feierte das Musical „Kinky Boots“ in Chicago Premiere und zog ein Jahr später an den Broadway um – doch die Story selbst ist noch ein paar Jahre älter: Schon 2005 lief das britische Comedy-Drama „Kinky Boots“ im Kino, in dem Joel Edgerton („The Great Gatsby“) den Schuhfabrik-Erben Charlie spielt, der das Vermächtnis seines Vaters nicht mehr retten kann und die Belegschaft entlassen muss. Als er durch Zufall in London die Dragqueen Lola (Chiwetel Ejiofor, Oscar-nominiert für „12 Years A Slave“) kennenlernt, hat er einen Geistesblitz: Warum nicht schrille, verrückte, abnorme, spleenige, sexy Stiefel für Frauen in Männerkleidern herstellen? Kinky Boots eben?!
Zunächst als Underdog in seine erste Broadway-Saison gestartet, avancierte „Kinky Boots“ schnell zum gefeierten Hit und räumte reihenweise Preise ab: unter anderem bekam Cyndi Lauper einen Tony-Award für den besten Score. Auch in Hamburg dürfte das neue Musical nun schnell vom Geheimtipp zum absoluten Reeperbahn-Pflichttermin avancieren. Dafür sorgt neben dem einmal mehr faszinierenden Bühnenbild, den fantastischen Kostümen und Schuhen vor allem das grandiose Ensemble, aus dem Dominik Hees als junger Fabrikbesitzer Charlie Price, Jeannine Wacker als seine inspirierte Angestellte Lauren und Benjamin Eberling als latent homophober englischer Hillbilly herausstechen.
Absolutes Highlight ist natürlich Gino Emnes als Dragqueen Lola, die mit ihren „Angels“ das provinzielle Northampton aufmischt und dabei so einige Vorurteile aus den Köpfen der engstirnigen Belegschaft exorzieren muss.
Absolut großartig, wie Emnes von der schier unerschütterlichen Lola zum verschüchterten und verletzlichen Simon wird, sobald die schrillen Kleider und Boots einmal abgelegt sind. Neben Werten wie Respekt und Toleranz erzählt „Kinky Boots“ letztlich auch von zwei Söhnen, die den Erwartungen ihrer Väter zunächst nicht gerecht werden und schließlich ihren eigenen Weg finden.
Britischer könnte ein Musical kaum sein: Inhaltlich wirkt „Kinky Boots“ wie eine Mischung aus Sozialkomödien der Marke „Pride“, „Ganz oder gar nicht“ oder auch „Billy Elliot“ – zusammen mit einer ordentlichen Portion Catwalk-, Vegas- und Reeperbahn-Spektakel ergibt das das wohl heißeste Musical, das Hamburg je gesehen hat.
Ob Musical-Junkie oder Sportschau-Gucker, ob Reeperbahn-Tourist oder Couch-Potato, ob Schuh-Fetischist oder Sandalen-mit-Tennissocken-Träger, ob Männlein oder Weiblein oder keins von beidem, ob gay oder straight oder „noch nicht entschieden“, ob jung oder alt, völlig Latte – bei „Kinky Boots“ wird jeder kinky und am Ende selig klatschend aus dem Sessel hüpfen.
Also wir sind jedenfalls mega geflasht und werden „Kinky Boots“ definitiv als familiäre Weihnachtsgeschenk-Option auf dem Zettel haben. Ihr könnt natürlich erst mal auch einfach euch selbst beschenken – Tickets für Hamburgs neues Musical-Spektakel bekommt ihr bei EVENTIM.