Bild: Steffen Jänicke
Wenn ihr noch nie etwas von Michael Nast gehört habt, seid ihr vermutlich seit mehreren Jahren in einer festen Beziehung. Herzlichen Glückwunsch: Ihr gehört einer aussterbenden Spezies an! Warum, das erklärt Michael Nast in seinem neuen Buch "Generation Beziehungsunfähig", das just erschienen ist. Oder auch höchstpersönlich auf seiner ausgedehnten Lesereise durch die Republik - wenn ihr Glück habt, könnt ihr dafür sogar noch ein Ticket ergattern.
Vor etwa zehn Jahren begann der gebürtige Berliner Michael Nast, seine "Großstadtkolumnen" ins Internet zu stellen - bei MySpace, so lange ist das schon her. Mit seiner außergewöhnlichen Beobachtungsgabe und seinen sensiblen Analysen traf er einen Nerv bei seiner stetig wachsenden Leserschar, die sich in seinen Zeilen wiederfinden konnte und verstanden fühlte. Im Laufe der Jahre erschienen seine Texte als Hörbücher, er veröffentlichte Bücher wie "Der bessere Berliner" oder "Ist das Liebe oder kann das weg?" und wurde zum "Beziehungskolumnisten" für freundin und das auf Singles spezialisierte Online-Magazin im gegenteil. Sein dort veröffentlichter Text "Generation Beziehungsunfähig" war einer der erfolgreichsten Internet-Texte des Jahres 2015 und legte somit den Grundstein für das nun erschienene gleichnamige Buch.
Im Interview spricht der "Männer-Erklärer", wie ihn die freundin nennt, mit uns über sein neues Buch, die versingelnde Gesellschaft und das fatale Streben nach Perfektion.
Das kann ich eigentlich gar nicht beantworten. Ich habe mir ja nicht vorgenommen, es gab nie den Plan, einen Nerv zu treffen. Das ist dann einfach passiert. Ich beobachte und beschreibe das Leben, so authentisch wie möglich, das ist mein Anspruch. Als Autor gibt man seine Texte mit der Veröffentlichung ja auch ab, in die Hände des Lesers sozusagen, der deren Bedeutung ganz individuell in sein Leben interpretiert. Aber ich kriege ja sehr viel Feedback zu den Texten, darum weiß ich jetzt natürlich auch, wie meine Texte auf die Leser wirken. Die Leser finden sich sehr in den Texten wieder, da ist eine hohe Identifikation, auch in den formulierten Gedanken. Ich bin auch sehr ehrlich, auch mir selbst gegenüber. Die Texte sind ja für mich auch immer ein Mittel, um neben mich zu treten und mich selbst mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Offenbar thematisiere ich Dinge, die viele beschäftigen.
Das ist ganz unterschiedlich, zwischen 17 und 45 ist alles dabei. Es sind allerdings überdurchschnittlich viele Frauen, was ich mir auch nicht wirklich erklären kann. Meine Freunde sagen beispielsweise, dass es ja eigentlich Männertexte sind – und trotzdem kommen so viele Frauen.
In dem Buch beschreibe ich die Stimmung einer Generation, die sich fragt, ob sie mit ihrer Haltung im Leben überhaupt in der Lage ist, eine funktionierende Beziehung zu führen – die sich selbst für die „Generation Beziehungsunfähig“ hält. Man muss sich nur mal ansehen, wie viele Singles es inzwischen gibt, so viele wie heute gab es schließlich noch nie. Warum das so ist, beleuchte ich in diesem Buch.
Drastisch formuliert: Wir driften da gerade emotional auf einen Abgrund zu, und es wird Zeit, etwas zu ändern. Und: wir können das ändern, es liegt in uns! Wichtig ist allerdings auch zu betonen, dass das Buch kein Ratgeber ist, die Antworten findet man eher zwischen den Zeilen. Ich fände es auch vermessen, auf Gebrauchsanweisungsniveau Ratschläge zu geben. Mir haben viele Leser geschrieben, dass meine Texte für sie so funktionieren, dass sie nach der Lektüre begonnen haben, sich selbst reflektieren. Die Idee zu Veränderung kam also aus ihnen. Das hat eine viel stärkere Wirkung als irgendwelche Ratgeber zu lesen.
Letztlich sind die Leute viel weniger bereit, verletzbar zu sein. Man weiß, dass Hingabe auch immer mit Verletzung verbunden ist. Beziehungsfähig zu sein heißt auch leidensfähig zu sein. Man entscheidet immer mehr über das Ego, wenn man mit einem Partner zusammenkommt. Man ist auf seinem Weg und will nicht durch eventuelle Beziehungsprobleme gestört werden. Durch soziale Netzwerke ist uns ja auch so bewusst wie nie zuvor, wie viele potenzielle Partner es da draußen gibt. Da fällt es leicht, sich neu zu orientieren.
Das Zitat bezieht sich eigentlich gar nicht auf einen Selbstschutz, sich grundsätzlich auf eine tiefe Beziehung einzulassen. Ich meinte damit, dass heutzutage viele ihre Identität mit ihrer Rolle verwechseln. Sie tragen eine Maske, hinter der sie ihr seelisches Leid verbergen. Das geht teilweise so weit, dass Leute ihren Freunden nicht mehr von ihren Problemen erzählen, weil sie fürchten, dass es das Bild, das sie so sorgfältig modelliert haben, beschädigen könnte. Das Endstadium kann man in den USA beobachten, in denen die Leute zum Psychoanalytiker gehen, um offen mit jemandem reden zu können.
Ich habe schon sehr lange keinen Urlaub mehr gemacht, der letzte ist mehr als zehn Jahre her. Und sicher gibt es daneben noch andere Dinge, aber das kann ich wahrscheinlich erst später einschätzen, aus der Entfernung. Ich verwirkliche in meinem Job ja wirklich meinen Traum, ich bin zu nah dran, da ist das gerade schwer einzuschätzen.
Das Gefühl, sich für beziehungsunfähig zu halten, ist ja das Ende eines Prozesses. Es ist ein Symptom, die wahren Ursachen, also gewissermaßen die Krankheit, liegen ja woanders. Es ist die Gesellschaft, in der wir leben und in die wir hineingewachsen sind. Wir wenden inzwischen Mechaniken, die in unserem Wirtschaftssystem gelten, auf unser Privatleben an. Beispielsweise ist ja unser System auf immerwährendes Wachstum ausgerichtet, da braucht man idealerweise Menschen, die nach Perfektion streben, also einen Zustand, den man nie erreicht. Man ist also immer unzufrieden, man hat immer das Gefühl, dass etwas fehlt. Und weil wir Konsumenten in einer Konsumgesellschaft sind, kaufen wir praktisch dagegen an. Und mit Dating-Apps konsumieren wir andere Menschen nur noch, denn wenn man weiterwischt, ist da ja schon der nächste. Das macht andere Menschen austauschbarer.
Früher wurden Beziehungen aus wirtschaftlichen Gründen geführt, man war aufeinander angewiesen. Das hat sich natürlich durch die Emanzipation verändert. Frauen stehen im Leben, und kommen auch allein gut klar. Die klassischen Strukturen sind dabei, sich aufzulösen. Wir haben praktisch eine absolute Freiheit, was ja sehr gut ist – wir sind aber auch gerade dabei zu lernen, mit dieser Freiheit umzugehen.
Ich bin kein Psychologe, darum bin ich vorsichtig mit einer Antwort. Eigentlich hätte es eine umgekehrte Konsequenz geben müssen, dass man sich als Scheidungskind eher nach einer funktionierenden Partnerschaft sehnt. Dass man nicht den Fehler macht, den die Eltern gemacht haben. Das habe ich zumindest in meinem Umfeld mitbekommen, aber das waren auch Leute, die unter der Scheidung ihrer Eltern sehr gelitten haben.
Sie unterstützen auf jeden Fall unseren Hang zu Idealbildern, zur Perfektion und damit auch zur Selbstoptimierung. Wir werden ja von Idealbildern bombardiert, in Filmen, Schönheitsmagazinen, etc., also perfekten, unerreichbaren Entwürfen. Es gibt ja den schönen Satz: „Lesen Sie keine Schönheitsmagazine, sie werden sich nur hässlich fühlen.“ Und das ist ja die Funktion dieser Zeitschriften – uns Bedürfnisse zu geben, eine Unzufriedenheit zu kreieren, die wir nur durch Konsum lösen können. Unsere Gesellschaft braucht Konsumenten, damit das System funktioniert. Uns werden Bedürfnisse vorgegeben, und die wenigsten fragen sich, ob diese Bedürfnisse sie wirklich glücklich machen würden.
Das ist natürlich die große Gefahr. Und da sehe ich die Politik in der Verantwortung: Wir leben in so einem reichen Land und sind nicht einmal in der Lage, eine Infrastruktur zu schaffen, in der man mit Mitte zwanzig Eltern werden kann, ohne sozial gebrandmarkt zu sein oder aus der Karriere geworfen zu werden. Das ist ein absolutes Politikversagen. Aber das kommt eben dabei heraus, wenn in einer Gesellschaft die Wirtschaft im Mittelpunkt steht – und nicht der Mensch.
Das ist keine Bezeichnung, die ich mir gegeben habe. Ich bin auch kein Experte. Ich bin weder Psychologe noch Soziologe, ich beschreibe das Leben. Ich beobachte ja nicht nur Liebesbeziehungen, ich beleuchte die Beziehungen zwischen den Menschen, wie sie generell miteinander umgehen, was die gesellschaftlichen und technischen Umstände aus uns machen.
Meine Ex-Freundin hat mal den wahren Satz gesagt: „Alle Eigenschaften, die du für das Schreiben deiner Texte brauchst, deine Hochsensibilität, deine Verkopftheit, deine Beobachtungsgabe – das sind alles Eigenschaften, die in einer Beziehung nicht unbedingt von Vorteil sind.“