Biografie

„Am seidenen Faden“

Tim Bendzko ist mehr als nur der „Weltretter“. Und das liegt nicht daran, dass er 2012 den Echo als Bester Newcomer, die 1live Krone und den MTV Music Award als bester Künstler gewonnen hat. Auch nicht daran, dass sein Debutalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ mit Doppelplatin ausgezeichnet wurde und 69 Wochen in den Charts war. Und auch nicht daran, dass er es geschafft hat zeitgleich mit zwei Singles und einem Album in den Top Ten der deutschen Charts zu sein – was vor ihm noch nie einem Newcomer in diesem Land gelungen ist. An all dem liegt es nicht. Na ja – zumindest nicht nur.

Der 1985 geborene Berliner hat etwas, das man eine Gabe nennen möchte: Tim Bendzko kann nicht nur die Welt retten, er kann auch Welten erschaffen – durch seine Musik. Er vermag in klaren, einfachen Worten zu sprechen, die auf irgendeine Weise die Kraft haben sich zu verselbstständigen und ein eigenes Leben zu entwickeln. Diese Worte zeichnen keine Bilder, sie versetzen uns mitten in die Szenerie. Der Film vor dem inneren Auge wird auf einmal zu unserer Umgebung und wir finden uns in etwas wieder, von dem wir gerade noch dachten, es käme nur in Form von Tönen aus der Box. Und das Verrückte ist, dass Tim Bendzko dies mit seiner Musik nur zum Teil bewusst tut - durch ehrliche Sprache, Mut zur Offenheit und stille Zwischentöne. Der andere Teil dieser Inspiration ist vielleicht so etwas wie Zauberei, Schicksal... oder Bestimmung?

„Ich lauf meinen Spuren hinterher“
- Am seidenen Faden

Rückblende: Im Jahr 2009 gewinnen 14 Musiker und Sänger den „Söhne gesucht“ Wettbewerb der Söhne Mannheims. Darunter ist auch ein junger Berliner mit blonden Locken und entwaffnendem Lächeln. Doch gewinnen tut er vor allem wegen seiner Stimme. Einer Stimme, von der er selbst sagt, dass er sie sich „gewünscht“ hat – seit dem Beginn seiner Träume vom Musiker werden, damals, als er elf Jahre alt war. Tim Bendzko hat in seinem inneren Ohr immer gehört, wie seine Stimme klingen soll. Und diese Stimme beschert ihm einen Auftritt als Supportact der Söhne Mannheims auf der schönsten Bühne seiner Heimatstadt - der Berliner Waldbühne. Vorwärts: Es ist 2011. Tim Bendzkos Single „Nur noch kurz die Welt retten“ trifft den Nagel des Zeitgeistes so dermaßen auf den Kopf, dass sie ein riesiger Hit geworden ist und für den Sänger dieser Zeilen ist der Kindheitstraum vom Musikerleben in Erfüllung gegangen. Als Eröffnungsact für den großen Joe Cocker steht Tim Bendzko zum zweiten Mal auf den Brettern der Waldbühne. Der Kreis schließt sich: Am 03.08.2013 wird Tim Bendzko ein drittes Mal auf der Waldbühne stehen: Dieses mal ist es jedoch sein Name, der in großen Buchstaben ganz oben auf dem Plakat steht. Von Berlin über Berlin nach Berlin, von den fixen Ideen eines Teenagers zu den großen Ideen eines Künstlers. Tim Bendzko weiß, dass nichts versprochen und fast alles ungewiss ist, dass das Glück am seidenen Faden hängt. Doch er weiß auch, dass man seine Wirklichkeit ein kleines Stückchen mit erschaffen kann.

„Da draussen wartet sie schon: eine blühende Welt, in die sich jede Reise lohnt“
- Es geht wieder vorbei

Und das ist es, was bei Tim Bendzkos Musik passiert. Die Welt, die durch die Töne und Worte erschaffen wird, ist für jeden Hörer von ganz persönlicher Bedeutung. Die Gefühle, die in den Liedern klingen, sind echt und von Tim Bendzko genau so gewollt - doch auf das, was sie in uns auslösen, hat er keinen Einfluss mehr. Die Lieder sind die Brücken über die wir in unsere eigene Welt gelangen. Und auch das ist von Tim Bendzko genau so gewollt: „Ein Song hat die Aufgabe ein Gefühl in ein Lied zu packen. Nur ein Gefühl. Die Bedeutung darf manchmal auch erst später dazu kommen“. Gefühle und Impulse sind immer der Anfangspunkt für die Musik auf „Am seidenen Faden“. Tim Bendzko setzt den Stift an und schreibt, die erste Idee, die erste Melodie, der erste Gedanke – die Magie liegt für ihn genau dort.

„Manchmal ist es ein Geschenk nicht zu wissen was ich tu“
- Leicht sein

Für „Vergessen ist so leicht“ hat er in gefühlten Sekunden Refrain und erste Strophe durchgeschrieben, in einer zweiten Studiosession entsteht der Rest des Songs in wenigen Minuten: „Und ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin. Der Song war dann einfach da! Manchmal sind Texte ein wenig wie Bilder von MC Escher, mit Treppen die immer wieder zurück zu sich selbst führen – aber ich könnte so etwas nie absichtlich schreiben. Das passiert einfach!“. Es erscheint fast so als gäbe es irgendwo in ihm einen Kanal, in dem Gefühle durch ihn hindurch auf‘s Papier fliessen und zu Worten werden. In „Wo sollen wir nur hin“ ist es ganz klare Wut, die herausströmt, Hoffnung und Mut verfestigen sich in Liedern wie „Es geht wieder vorbei“.

„Du hast mich gefunden durch ein unsichtbares Band. Ich weiß, wir sind verbunden. Und diese Bindung hat Bestand“
- Ich steh nicht mehr still

Wenn Tim von den Songs erzählt, vom Schreiben und Melodien finden, so tut er das voller Begeisterung. Doch bleibt er dabei bescheiden wie ein Bewunderer, ein Kunstliebhaber. Er wirkt ganz und gar nicht wie jemand, der meint, gerade etwas „geschafft“ zu haben: „In dem Moment, in dem der Song fertig geschrieben ist und ich ihn mit der Band einspiele, ist es ganz und gar nicht mehr „mein“ Song. Das Lied gehört dann nicht mehr mir! Es ist dann so als ob jemand anders mir diese Worte singt“. Denn in dem Moment, in dem wir diese Lieder für uns entdecken, gehören sie uns. Und ihre Bedeutung auch.

„Ich kann nicht über heiße Kohlen laufen. Ich kann nicht über Wasser gehen. Doch ich kann fühlen wenn Du da bist, ohne hin zu sehen.
- Nur einen Herzschlag

Und immer wieder werfen die Texte Fragen auf. Und dabei geht es Tim Bendzko nicht um Antworten und: „Es geht auch nicht um die Fragen, sondern um das Fragen an sich“. Es geht darum, etwas zu tun, eine Energie frei zu setzen, auch wenn man noch nicht weiß, wohin sie führen wird. Die Ballade „Nur einen Herzschlag“, einer der ruhigen Momente des Albums, handelt auch vom Fragen, hier nach Gott, dem Tod und der Kraft von Dankbarkeit. Tim hat diesen Song aus einer Eingebung zu Papier gebracht. Die wahre Bedeutung erhält das Lied erst, als der Vater eines Freundes verstirbt. Für Tim handelt dieses Lied nun davon – nachdem es bereits fertig gestellt war.

„Ich will nicht vergessen mal was zu riskieren.“
- Ich steh nicht mehr still

Wo andere Musiker sich monatelang zurückziehen und an exotische Orte reisen um Inspiration für neue Musik zu finden, hat Tim Bendzko für „Am seidenen Faden“ den entgegengesetzten Weg genommen. Er ist in Berlin geblieben. Er hat sich selbst eine Deadline gesetzt. Und zusätzlich zu Gitarre und Klavier hat er Beats von deutschen Hip Hop Produzenten dabei. Die vermeintliche Einschränkung bietet einen Raum, einen Kanal für seine Kreativität. Es entsteht ein Spielfeld und Rahmen zugleich für Spontanität und Unberrechenbarkeit – und die Summe dieser Teile wird zu seinen neuen Songs. Diese klingen rhythmus- und beatbetonter denn je, dennoch spürt man in ihnen das Herz des Singer-Songwriters deutlich schlagen.

„Ich will keine Winter mehr“

- Am seidenen Faden

Namens- und Richtungsgeber des Albums ist die erste Single „Am seidenen Faden“. In ihren schwebenden, sensibel orchestrierten Klängen ist auch die klare musikalische Entwicklung zu spüren: ein Reifeprozess der Tim Bendzkos Essenz klar bewahrt, und sie dann um das Neue erweitert – und der dadurch viel mehr Raum für Offenheit, Emotionalität und Weite schafft.
Und natürlich kommt in diesem neuen Sound auch das Augenzwinkern durch, dass „Welt Retten“ zum Gassenhauer gemacht hat und sorgt für „Programmiert“ – einen Song über die Absurditäten unserer vom Internet beherrschten Welt. Wortwitz: ja; Ohrwurm: ja; sogar ein tieferer Sinn: ja! Die Zutaten stimmen, der Tim Bendzko, der so vielen im Ohr einzementiert ist, ist auf diesem zweiten Album deutlich zu hören. Und das ist gut. Sehr, sehr gut sogar.

„Ich kann nicht aufhören zu staunen“
- Nur einen Herzschlag

Und dazu lädt „Am seidenen Faden“ ein: zum Staunen. Vielleicht darüber, dass man vieles nicht steuern und gleichzeitig doch so vieles bewegen kann - wenn man nur daran glaubt. Vielleicht auch darüber, dass einem Musik so nah gehen kann. Dass man sich in Worten und Bildern findet, die ein anderer singt. Als Bote, als Brücke. Als Wegweiser zu uns selbst. Und so ist „Am seidenen Faden“ der Beginn einer Reise und gleichzeitig auch ihr Kompass. Tim Bendzkos Stimme ist näher und greifbarer denn je, die Worte sind klar und bieten dennoch für jeden von uns den Platz und die Einladung, uns selbst darin zu finden. Alles andere hängt am besungenen, seidenen Faden.