Biografie

Jethro Tull ist eine Progressive-Rock-Band aus dem Vereinigten Königreich. Ständiges Mitglied und Bandleader ist der Komponist, Multi-Instrumentalist und Sänger Ian Anderson (Gesang, Querflöte, Saxophon, Tin Whistle, Mundharmonika, akustische Gitarre, Mandoline u.a.).

Jethro Tull ist die einzige international erfolgreiche Rockband, in deren Musik die Querflöte eine tragende, der E-Gitarre vergleichbare Rolle einnimmt. Aufgrund perfektionierter Techniken des forcierten Ausdrucks (etwa scharfes Anblasen, Zungenflattern, gleichzeitiger Stimmeinsatz) ist dennoch die Zuordnung zur Rockmusik – phasenweise sogar zum Hard Rock – nicht zu relativieren, wenngleich bisweilen auch kammermusikartige Stücke und Intermezzi eingespielt wurden.

Bandgeschichte
1967 wurde Jethro Tull von Ian Anderson, Mick Abrahams, Glenn Cornick und Clive Bunker in Blackpool gegründet.

Der Name der Band bezieht sich auf den Vater der modernen Landwirtschaft, den im 18. Jahrhundert wirkenden Engländer Jethro Tull. Auf den Namen kam der Gründer eher zufällig: anfangs wurde die Gruppe kaum gebucht und versuchte daher oft mit einem neuen Namen Interesse zu wecken. So trat sie zeitweise unter der Bezeichnung „The Four Fingers“ auf. Als sie das erste Mal von einem Club für ein weiteres Konzert eingeladen wurde, verwendete sie gerade den Namen „Jethro Tull“, und dabei blieb es dann.

Am Beginn ihrer Laufbahn tourten Jethro Tull durch zahlreiche Musikclubs in England. Im legendären Londoner „Marquee Club“ spielte die Formation regelmäßig und fand aufgrund ihres ungewöhnlichen Sounds und ihrer extravaganten Performance schnell eine große Fangemeinde. Beim „Sunbury Jazzfestival“ im Sommer 1968 kam der Durchbruch für Jethro Tull.

Von Anfang an waren sich die Musikkritiker darin uneins, welchem Musikstil Jethro Tull zuzuordnen sind. Mal wurde ihre Musik als „Progressive Rock“, mal als „Classic Rock“ bezeichnet. Das erste Album This Was (1967) war noch sehr bluesorientiert, doch sind mit dem markanten Gesang und der Querflöte Ian Andersons bereits einige Aspekte des späteren Tull-Stils präsent. Nach dem Ausstieg des bekennenderweise sehr auf den Blues fokussierten Gitarristen Mick Abrahams, der auf dem Debütalbum etwa den gleichen Anteil am Songwriting hatte wie Ian Anderson, wurde das musikalische Spektrum deutlich erweitert. Exemplarisch sei die Adaption der Bourrée aus der Suite für Laute in e-Moll (BWV 996) von Johann Sebastian Bach genannt, die sich bereits auf dem zweiten Album Stand Up (1969) weit vom Bluesrock-Schema des Erstlings entfernt: Zunächst das Bach-Thema andeutend, entwickelt sich eine treibende, präzise Jazzrock-Nummer mit einem improvisationsdurchsetzten Flötensolo, das weder melodisch an Bach noch spieltechnisch an frühe Vorbilder wie Roland Kirk erinnert.

Eine der wenigen kommerziell erfolgreichen Single-Veröffentlichungen ist der frühe Song Living in the Past von 1969, welcher durchgängig im 5/4-Takt komponiert ist und vornehmlich durch diese ungerade Taktierung seinen besonderen Charakter erhält.

Ihren größten Erfolg erreichte die Band mit dem ersten von drei in Folge erschienenen Konzeptalben, Aqualung (1971), das neben dem Titelsong einige weitere Tull-Klassiker enthält, allen voran den bekanntesten Song der Band, Locomotive Breath. Anderson zweifelte an der Klassifizierung als Konzeptalbum durch die Musikpresse („just a bunch of songs“ - „nur eine Ansammlung von Liedern“), und entschloss sich daher, zu demonstrieren, was ein wirkliches Konzeptalbum sei: Dem Nachfolge-Album Thick as a Brick (1972) liegt die musikalische Form der Suite zugrunde, bei der verschiedene musikalische Themen mittels variantenreicher Übergänge zu einer größeren musikalischen Einheit zusammengefasst werden. Mit A Passion Play wurde 1973 ein weiteres, kommerziell weniger erfolgreiches Konzeptalbum veröffentlicht. Die darauf erreichte Komplexität polarisiert bis heute Fans und Kritiker - das Spektrum reicht von krasser Ablehnung bis zur Einschätzung als dem wichtigsten Album der Band.

Die nachfolgenden Alben wurden wieder in Form einzelner Songs strukturiert, wobei bis 1980 (A) neben wenigen eingängigeren Liedern vor allem komplex arrangierte Stücke das Bild prägen, wohl nicht zuletzt aufgrund der detaillierten Spielweise der Schlagzeuger Barrie Barlow und Mark Craney.

Die Alben Songs From the Wood (1977), Heavy Horses (1978) und mit Abstrichen noch Stormwatch (1979) werden oft unter dem Etikett „Folkrock-Phase“ zusammengefasst. Dies erscheint vordergründig aufgrund der weitgehend akustischen Instrumentierung und der Textbezüge zum Leben auf dem Land und zu Naturmythen nachvollziehbar, aber aufgrund der eigenständigen Kompositionen und der für die traditionelle Folkmusik eher untypischen Komplexität der Arrangements, vor allem auf Songs From the Wood, auch irreführend. Hinzu kam, dass ab Stormwatch auch zunehmend Politik eine textliche Rolle einnahm; so kritisierte besagtes Album die Ölförderung in der Nordsee, während das Folgealbum A (1980) mit Texten über Frühwarnanlagen und Zivilschutz Bezüge zur Atompolitik aufwies.

Seit 1982 ist der maßgebliche Schlagzeuger der Band Doane Perry (nur phasenweise trommelten Gerry Conway, Dave Mattacks und andere). Sein ruhiger und geradliniger, „lyrischer“ Stil geht seitdem mit etwas konventionelleren Rock-Arrangements einher. Eine Ausnahme ist das wieder in hohem Maße polarisierende Album Under Wraps (1984). Der starke Einfluss des im Umgang mit den neuen digitalen Synthesizern versierten Keyboarders Peter John Vettese sowie ein von Ian Anderson programmierter Drum-Computer, der zum Teil zu Drumtracks führte, die ein menschlicher Schlagzeuger kaum reproduzieren kann, führten noch einmal zu einem (in Teilen) sehr komplex arrangierten Album. Entsprechend energetisch ist auch Ian Andersons Gesangsleistung, die dieser selbst in Interviews als die beste seiner Karriere bezeichnete. Fatalerweise stellten die neuen Stücke bei der anschließenden Tournee derartig hohe Anforderungen an Ian Andersons Stimmbänder, dass diese nachhaltig geschädigt wurden. Dies schränkte noch jahrelang die gesanglichen Möglichkeiten Andersons ein.

Das nach dem geteilten Echo und den Stimmproblemen erst 1987 erschienene Nachfolgealbum Crest of a Knave (üblich war bis dahin ein alljährliches neues Tull-Album) beendete die Phase eines keyboarddominierten Sounds und rückte das eindringliche E-Gitarren-Spiel Martin Barres stärker in den Vordergrund als auf allen bisherigen Alben. Für viele Kritiker überraschend, setzte sich Crest of a Knave 1989 gegen Metallicas hochgelobtes Album ...And Justice for All durch und gewann den ersten je vergebenen Grammy in der Sparte „Beste Hard-Rock-/Metal-Darbietung – Gesang oder Instrumental“.

Als das innovativste Tull-Album der 1990er Jahre wird oft Roots to Branches (1995) betrachtet. Im Gegensatz zu den Jethro-Tull-Alben der frühen 1980er Jahre steht auf diesem Album Andersons Flötenspiel im Vordergrund. In zahlreichen Intros und Soli demonstriert Ian Anderson, dass er filigrane Phrasierungen und Verzierungstechniken beherrscht. Der Autodidakt hatte sich in die schulmäßige Griffweise beim Spielen der Querflöte, die klassisch ausgebildete Flötisten verwenden, erfolgreich eingearbeitet und kombiniert eine reine, klassisch anmutende Spielweise mit dem ihm eigenen, rauen Rock-Flöten-Stil. Zudem sind erstmals deutliche Einflüsse traditioneller orientalischer Musik zu hören, und erstmals verwendet Anderson bei einigen Stücken Bambus-Querflöten, deren offene Grifflöcher im Gegensatz zur Klappenmechanik der Böhm-Flöte Techniken wie Pitchbending und Glissando ermöglichen, bei denen die Tonhöhe stufenlos verändert wird.

1999 erschien das Album J-Tull Dot Com, das in den deutschen Charts Platz 14 belegte. Ende 2003 erschien das Christmas Album, für das ältere Stücke neu eingespielt wurden und neues Material passend zum Arbeitstitel geschrieben wurde.

Charakteristika der Band
Die Geschichte der Band ist geprägt durch oftmals wechselnde Besetzungen. Ian Anderson strebt es an, jeweils kompetente Musiker um sich zu scharen, die in der Lage sind, auch seine ausgefallenen, schwierig zu spielenden musikalischen Ideen adäquat umzusetzen - sowohl im Studio als auch auf der Bühne. Die Live-Auftritte von Jethro Tull gelten dem entsprechend als von großer musikalischer Professionalität gekennzeichnet. Der vom Beginn an beständige Kern von Jethro Tull sind Frontmann Anderson und Gitarrist Martin Barre, der seit 1969 dabei ist.

Markenzeichen von Jethro Tull ist bis heute das virtuose rock-orientierte Flötenspiel von Sänger und Komponist Ian Anderson. Zahlreiche Kompositionen sind durch die Verwendung von Molltonarten, eine starke Dynamik, häufige Taktwechsel sowie vielfältige Synkopen und Offbeats geprägt. Allerdings gibt es bei Jethro Tull auch etliche balladeske Stücke, die aber durch einfallsreiche Instrumentierung und Phrasierung stets Tull-typische rockige Akzente erhalten. Viele der Texte Ian Andersons sind originell, teilweise skurril, und handeln bei aller Hintergründigkeit von alltäglichen Menschen und Begebenheiten.


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