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Live-Check: David Garrett in Hamburg
Ein orchestrales Rock-MärchenHamburg (nk) – Am Anfang muss man ihn erst einmal suchen: Band und Orchester spielen artig auf der Bühne auf, doch der blonde Geiger, der die o2 World in Hamburg weitgehend ausverkauft hat, ist nicht zu sehen. Doch dann - mit den Klängen von Led Zeppelin's "Kashmir"- bewegt sich der Aachener im Rock-Rebellen-Outfit durch die Stuhlreihen. Und man fragt sich unwillkürlich: "Wie macht er das nur?"
Wie macht er das, dass er so locker eine Treppe herunter schreitet, die Geige in einem wahnwitzigen Tempo zum Klingen bringt, dabei noch verdammt lässig aussieht und trotzdem nicht ein einziges Mal einen Ton daneben liegt?
Zumindest zum Teil lässt sich diese Frage wohl ganz einfach damit beantworten, dass Garrett wirklich Spaß hat an dem, was er tut. Ob Beethovens Fünfte, Paul McCartneys "Live And Let Die", "Master of Puppets" von Metallica oder Bachs "Toccata", sobald er sein Instrument in die Hand nimmt, spielt der Violinist seine "Rock Symphonies" nicht nur, er wird selbst ein Teil davon.
Sicher, David Garrett ist nicht der Erste, der auf die Idee gekommen ist, Klassik und Rock miteinander zu vereinen. Aber man hört jedem mit dröhnenden E-Gitarren und druckvollem Schlagzeug untersetzten Stück seine Detailverliebtheit an. Das breite Repertoire ist dann wohl auch die Erklärung für die bunte Mischung des Publikums: Hier sitzen auf der einen Seite kreischende Teenies mit Handykameras, die sich normalerweise wohl kaum für klassische Stücke begeistern ließen. Auf der anderen Seite aber auch Kaschmirschal-Trägerinnen mit Dauerwelle, denen man gewöhnlich eher nicht zutrauen würde, bei AC/DCs "Thunderstruck" laut "Thunder"zu brüllen – im Takt zur nicht eben sparsamen Pyro-Show.
Aber Garrett bekommt sie alle. Mit "Teen Spirit" von Nirvana. Mit einer der Peer Gynt-Suiten. Mit einer bombastischen Lasershow zum "Mission Impossible"-Theme und - passend zum "Fluch der Karibik"-Soundtrack - einem düsteren, brennenden Totenschädel im Bühnen-Hintergrund, der sich auch auf einem Death-Metal-Konzert wohlfühlen würde. Er hat das Publikum so sehr im Griff, dass einen bei seiner scherzhaften Bemerkung, er sei momentan solo und würde ja vielleicht in Hamburg seine Traumfrau finden, kurz die Angst packt, die Teenies würden gemeinsam mit Kashmir-Trägerinnen und Familienmüttern die Bühne stürmen.
Die Show ist so virtuos inszeniert, dass einem der 30-Jährige mit seinem Perfektionismus schon fast ein bisschen unsympathisch werden könnte. Allerdings nur fast. David Garrett hat sich nämlich bei all dem Trubel um seine Person eines bewahrt: Das Staunen und die Begeisterung über den eigenen Erfolg, die man ihm vom ersten Takt bis zur Zugabe anmerkt.
Und so nimmt man ihm dann auch ab, wenn er erzählt, dass er eines Abends zwar meinte, bei einem Konzert in der ersten Reihe jemanden zu erkennen, der aussah wie Hape Kerkeling, er aber selbst nicht an den prominenten Konzertbesucher glaubte. Als jener vermeintliche "Doppelgänger" ihm später am Abend im Restaurant begegnete, sprach er ihn mit den Worten "Komisch, du siehst aus wie Hape Kerkeling." an – und erntete die lakonische Antwort: "Schätzelein, und du siehst aus wie dieser Geiger, David Garrett." Inzwischen dürfte er den Comedian allerdings zweifelsfrei erkennen – hat dieser ihm doch am vergangenen Mittwoch beim Konzert in Berlin persönlich Doppel-Platin für das Album "Encore" und Dreifach-Gold für seine Live-Platte verliehen. nk / eventim / live-check