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19.08.10 Leonard Cohen in Berlin

Berlin (nk) - Es gibt wohl kaum einen, auf den der Ausdruck "Songwriter-Legende" besser passt als auf Leonard Cohen. Den charismatischen, düsteren Poeten, der die Gitarre ursprünglich nur in die Hand nahm, um eine Frau zu beeindrucken.

Mit "Dance Me To The End Of Love" betritt Cohen pünktlich um 18.30 Uhr die Bühne. Es ist offensichtlich: Hier steht kein junger Mann auf der Bühne. Aber auch keiner, der so tut, als wäre er einer. Wozu auch? Der 75-Jährige hat seine Background-Sängerinnen, um mal nebenbei auf der Bühne ein Rad zu schlagen. Und auch, um an den Stellen zu übernehmen, die er selbst nicht mehr singen kann oder will. Und das ist es auch, was sich wie ein roter Faden durch das ganze Konzert zieht und was das Alterswerk des Sängers erstklassig macht. Cohen hat keine Angst, etwas zu ändern, keine Scheu, seinen Liedern ein neues Gewand zu geben. Und er ist kein Egozentriker, keiner, der im Mittelpunkt stehen muss, um sich etwas zu beweisen. Er ist Teil der hervorragenden Band, die mit ihm auf Tour ist. Und seine Augen glitzern, wenn der Spot auf einen seiner Mitmusiker gerichtet ist, nicht weniger, als wenn er selbst angestrahlt wird.

"There Ain’t No Cure For Love"
Cohen braucht keine Einleitung, kein Getue. Vom ersten Takt an ist er ganz Stimme, kräftig, eindringlich, schmeichelnd, sehnsüchtig, fröhlich, sanft und brüchig. Er ist ganz Gentleman, den frenetischen Applaus nimmt er generell mit dem Hut in der Hand entgegen und mit einem Lächeln, das von Lied zu Lied weicher wird. Er sieht mit Stolz und Freude im Blick zu, wenn das Hauptaugenmerk auf der Bühne von ihm weggeht, begleitet mit der Gitarre oder singt selbst die Backgroundstimme und all das mit so anhaltender, ehrlicher Begeisterung, dass man sich kaum vorstellen kann, dass er sich einst bereits von der Live-Karriere verabschiedet hatte. Hier, auf der Waldbühne mit ihrer herausragenden Akustik und Atmosphäre, scheint es, als könne er nicht genug bekommen von den Brettern, die die Welt bedeuten. Auf der Bühne steht ein Künstler, der mit Leib und Seele liebt, was er tut. And – "there ain't no cure for love".

Insgesamt sollen Cohen und seine acht Mitmusiker an diesem Abend auf runde dreißig gespielte Stücke kommen. Folglich fehlt nichts in der Setliste, um die Fans jeder Generation glücklich zu machen. Klassiker wie "Bird on the Wire" oder "Everybody Knows" haben aber ein neues Gewand, klingen vertraut, neu und einfach großartig. Ob mit der zwölfsaitigen Gitarre spanisch anklingende Akzente gesetzt werden oder Cohens Mitstreiter Dino Soldo einem der unzähligen Instrumente, die er an diesem Abend in die Hand nimmt, gänzlich ungewohnte Töne entlockt, hier gelingt das Kunststück, viele für sich allein schon virtuose Musiker so zusammenzubringen, dass keine Note zu viel oder zu wenig erklingt. Auch das Bühnendesign unterstreicht die Musik, anstatt davon abzulenken. Ein weißer Vorhang im Hintergrund entlockt simplen Farbstrahlern weiche Lichtreflexe, ein einfaches Spotlight senkt sich jeweils auf den Musiker, der gerade am prägnantesten ist.

"There Is A Crack In Everything – That’s where the light gets in"
Doch der weißhaarige Mann auf der Bühne ist nicht nur ein Sänger. Er ist zugleich Poet, Geschichtenerzähler, Prediger. Und Cohen wäre nicht Cohen, wenn ihn als Sohn einer jüdischen Familie Berlin als Auftrittsort kalt ließe. Und so verleiht er auch seiner Freude Ausdruck darüber, in einer Stadt zu spielen, die so eine düstere Geschichte hat und die nun „eine der friedvollsten der Welt“ ist. Und widmet ihr dann auch die Liedzeile „there is a crack in everything – that’s where the light gets in“, bevor er sich in die Pause verabschiedet. Wer diese in der Waldbühne nutzt, um aus den vorderen Reihen zur Toilette emporzusteigen, darf sich übrigens einen Tag lang das Stepper-Training sparen, wird aber mit der spektakulären Aussicht der oberen Reihen belohnt.

"Sincerely, L. Cohen"
Nach der Pause wird mit dem schwindenden Licht auch die Stimmung auf der Bühne düsterer. Mit unter anderem "Suzanne", "Sisters of Mercy" und "Gipsy Wife" treiben Künstler und Publikum auf einen Abgrund zu, der mit einem in blutrotes Licht getauchten "The Partisan" seinen Gänsehaut-Höhepunkt erreicht bis all die Finsternis in ein strahlendes, befreiendes "Hallelujah" mündet.

"There is a man still working for your smile"
Erst nach 22 Songs, nach denen andere längst Feierabend machen, hüpft Cohen zum ersten Mal von der Bühne als sei er gerade in einen Jungbrunnen gefallen, der die Zeit mindestens zwanzig Jahre zurück gedreht hat. Kurz darauf kehrt er mit "So long, Marianne", zurück und mit jedem gesungenen Wort scheint sich nun auch noch seine Stimme zu verjüngen, scheinen seine Bewegungen freier und geschmeidiger zu werden. Plötzlich steht hier doch ein junger Mann. Vier weitere Songs braucht es bis die Band verkündet: "It’s Closing Time". Doch mit einem Lächeln betritt der Mann mit dem Hut auch nach diesem Song das Rampenlicht erneut, "I tried to leave you, I will not deny..." konstatiert er singend. Auf das folgende Statement "Good night my darling, I hope you’re satisfied" gibt es dann auch nur noch eine einzige mögliche Antwort: "Yes Leonard, we are!" Er ist auch auf den Weg zur 80 "a man still working for your smile". Und was bleibt am Ende als ein sehnsüchtiges "Lover, Lover, Lover, come back to me!" hinter dieser Legende her zu singen, wenn sie nach drei ekstatischen Stunden mit genau diesem Song dann tatsächlich die Bühne verlässt? nk / eventim / live-check

Konzert am 18.8. in Berlin, Waldbühne